Freitag, 12 Mai 2017 22:14

Hüseyin Çelebi

Written by
Rate this item
(1 Vote)

Die erste Bedingung für eine aufgeklärte Zukunft ist die Befreiung der unterdrückten Völker - das gegen jeden Widerstand, wie unser Freund Hüseyin Çelebi zur Sprache brachte. Sein Streben nach einer freien Zukunft kann uns allen als Vorbild dienen. Die Gründung und der Aufbau des YXK, kann deshalb als sein Lebenswerk gesehen werden. Darin sah er den Weg in eine bessere Welt. Die Entschlossenheit unseres Verbandes ist das Erbe, das er uns hinterlassen hat.

Hüseyin Çelebi wurde am 22. September 1967 als Sohn einer türkischen Mutter und eines kurdischen Vaters in Hamburg geboren, wo er bis zu seinem 18.Lebensjahr aufwuchs. Dort besuchte er die Grundschule bis zur Mittelstufe. Anschließend ging er zur Fachoberschule für Sozialpädagogik und brach das Studium Anfang 1986 ab. Seine ersten politischen Aktivitäten begannen 1974, als er an einer Demonstration gegen die Abschiebung von 169 Kurden durch den damaligen türkischen Premierminister Ecevit an das Saddam Regime im Irak teilnahm. Alle 169 Kurden wurden nach der Abschiebung hingerichtet. Seine Schule veröffentlicht eine Broschüre von ihm, die er mit 13 Jahren verfasste und den Titel trug: "Die Ausländer sollen als Ausländer akzeptiert werden". Nach dem Abbruch seines Studiums widmete er sich ganz der politischen Arbeit. Er arbeitete vor allem, um mehr Öffentlichkeit für die kurdische Frage in Deutschland und Österreich zu erreichen. Im Februar 1988 wurde er mit 20 anderen kurdischen Politikern unter dem Vorwurf des Terrorismus von der bundesdeutschen Regierung festgenommen. Doch auch während der Haft hörte er nicht auf, für eine gerechte Lösung der kurdischen Frage zu kämpfen.

Hüseyin hat lange in Deutschland gelebt und war zu einer lebendigen Brücke zwischen den InternationalistInnen der reichen westlichen Metropolen und dem kurdischen Befreiungskampf geworden. In seinem kurzen und intensiven Leben blieb ihm nichts erspart, in Deutschland als jüngster "Terrorist" im größten "Terroristen" -Prozeß, dem 129a-Verfahren gegen Freunde und Mitglieder der PKK in der BRD, unter unwürdigen Bedingungen eingesperrt und angeklagt zu werden. Zwei Jahre verbrachte er in den Isolationstrakten deutscher Gefängnisse. Er verlor nie seinen Humor: noch lebhaft erinnern wir uns wie er von seiner Festnahme erzählte, wie er die militärische und politische Maschinerie, die 1988 in Gang gesetzt wurde, verhöhnte. Von Anfang an sagte er voraus, daß der Prozeß wie ein Luftballon platzen würde, was - zwar nicht mit einem Knall, aber doch nach und nach geschah. Die Luft ist raus aus der Anklage, die meisten Verfahren wurden eingestellt! Nach der Entlassung im Frühjahr 1990 widmete er sich erneut den Tätigkeiten und gründete u.a. die Vereinigung „Freundinnen und Freunde des kurdischen Volkes" mit.

Hüseyin war neugierig, offen und sprühte vor Humor so sehr, daß sich viele fragten, wie ein Mensch, der soviel Schweres erlebt hatte, in allem, was geschah immer noch die komische Seite sehen konnte. Das heißt aber nicht, daß er nicht verwundbar war: er litt unter der ständigen Observation, unter der Schnüffellei der deutschen Behörden in seinem täglichen Leben, er litt unter dem Rassismus der Richter und Staatsanwälte, der Polizei und der Medien. Nachdem sein Haftbefehl aufgehoben war, war es für ihn kaum möglich, auf offener Straße einen Schritt zu tun. Vor unverschlossenen Türen blieb er stehen, als warte er auf den Wärter, der ihm aufschließen sollte.

Hüseyin machte nie einen Hehl aus seiner politischen Meinung, jede Art von Geheimnistuerei lehnte er ab und lachte darüber. Mit der gleichen Offenheit konnte er die eigenen Fehler, die er in seiner früh begonnenen politischen Laufbahn gemacht hatte, zugeben und sich darüber amüsieren. Im Alter von 7 Jahren ging er mit seinem Vater und einem Freund der Familie auf die erste Kurdendemo Deutschlands, die aus zwei Erwachsenen und einem Kind bestand. Sie protestierten gegen die Aggression des Irak gegen die Bewegung von Barzani. Es bleibt wütende Sprachlosigkeit und zeigt doch die Tragik der kurdischen Geschichte, daß er als Kind Bilder von Barzani an seiner Wand hängen hatte und nun durch die Peschmergas des Barzani-Clans ermordet wurde.

Hüseyin blieb in seiner politischen Arbeit nicht auf Kurdistan beschränkt: er verfolgte aufmerksam die Entwicklung in Deutschland und war aktiv bei der SDAJ. Die internationalen Ereignisse ermöglichten ihm besser zu verstehen, was in seinem Land passierte. Mit Ausdauer und unermüdlicher Hoffnung arbeitete er - auch in der Redaktion des Kurdistan Reports - täglich und oft die Nächte hindurch, um Bewegung in die Geschichte seines Volkes zu bringen und auch um etwas im erstarrten Deutschland zu bewegen. Er war ein geschickter, kluger Diplomat, doch nie getrennt vom Leben in Kurdistan, nie getrennt von den Arbeitern. Es gab viele Seiten an Hüseyin zu entdecken. Er konnte träumen wie es Lenin schon formuliert hatte: wenn sich der Traum als Illusion herausstellte, konnte er ihn mühelos verwerfen. Aber er tat alles aus seiner Verwirklichung, wenn er gespürt hatte, daß der Traum authentisch war.

Hüseyin hat einen solchen Traum, ein Stück politischer Utopie gewagt zu leben. Er war ohne Bitterkeit, ohne Rachegelüste trotz der schweren Anfeindungen, denen er in Deutschland ausgesetzt war. Nichts dergleichen konnte ihm den Blick verstellen, seine Großzügigkeit einschränken oder ihm den Humor nehmen. Als er schon in Kurdistan war, sollten ihn noch prozessbehördliche Maßnahmen treffen, und weil er nicht mehr greifbar war, wurde statt ihm der Vater traktiert. Wir erinnern uns als Hüseyin lachend in die Kamera eines Fersehteams in Kurdistan auf die Frage, ob sie denn nicht "Terroristen" seien, antwortete, dass auch Jesus Christus nach deutscher Definition ein "Terrorist" gewesen sei und so befänden sich die Kurden ja in bester Gesellschaft.

Hüseyins Tod ist ein großer Verlust für alle, die ihn kannten und besonders für seine Eltern, die wir hoch schätzen. Viele teilen ihren Schmerz und erfahren doch hoffentlich auch Hüseyins große Kraft, die in ihnen weiterlebt.

Auf dem 2. YXK-Kongress im Dezember 1992 wurde er zum ersten Ehrenvorsitzenden unseres Verbandes erklärt.

Read 287 times
YXK

More in this category: « Ortsgruppen Satzung »

Kalender

August 2017
M T W T F S S
1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31

Veranstaltungen

No events
Top