Im Rahmen des YXK Kongress zu dem 50. jährigen Jubiliäum der 68er Bewegungen weltweit haben wir als Verband der Studierende aus Kurdistan (YXK) erste Analysen zu den Bewegungen in Deutschland und in der Türkei vorgestellt. Hier beschreiben wir die Stimmung und die Situation der 68er Bewegung in Deutschland und die 68er Bewegung und ihre Einflüsse auf die Kurdische Freiheitsbewegung in der Türkei.

Zentral ist die Frage, welche Perspektiven sich daraus für uns als politische AktivistInnen und Studierende entwickelt. Wo lagen die Möglichkeiten und wo die Schwächen der 68er Bewegung? Welche Konsequenzen haben die Analysen für unsere politischen Arbeiten heute?

Wir sollten uns bewusst machen, dass schon immer die Jugend der Motor der Veränderung der Gesellschaft ist. Die 68er Bewegungen waren Jugendbewegungen und insbesondere die Studierenden prägten diese. So bestand zum Beispiel auch die apoistische Jugend (Studierende, die sich um Öcalan in Anakara organisierten) nur aus Studierenden und diese nahmen eine Vorreiterrolle in der Geschichte ein. Die Wichtigkeit unserer Aufgabe hier als revolutionäre Studierenden die historischen Ereignisse der 68er Bewegung zu analysieren, zeigt sich dass die Geschichte und die Ergebnisse der 68er Bewegung immer mehr von reaktionäre Politkern vereinnahmt wird. Diese beschwören nun heute ein Ende der Geschichte, ein Ende der utopischen Hoffnungen auf eine Veränderung der Welt herauf und fordern geschlossene, eng umzäunte Nationalstaaten.

 

Erste Analyse der 68er Bewegung in Deutschland:

Der Begriff der 68er umfasst nicht nur ein Jahr, sondern beschreibt zivigesellschaftliche Prozesse, die mindestens ein Jahrzehnt umfassen. Um den Beginn der 68er Bewegung im Mai 1968 an den Universitäten in Paris zu verstehen, welche zu globalen politischen Erschütterungen führte, ist es notwendig sich die Zeit in den 50er und 60er Jahren bewusst zu machen: Diese Zeit war geprägt im Kontext der Kalten Krieges durch einen starken Antikommunismus, der jede radikalere Kritik hin zu einer fundamentalen Demokratisierung der Gesellschaft verdächtigte und kriminalisierte. So verloren alleine in 10 Jahren die Sozialdemokratische Partei Deutschlands und die Kommunistische Partei 600.000 MitgliederInnen. Mit dem Godesberger Programm hat sich die Sozialdemokratische Partei SPD 1959 vor ihren ehemaligen Projekt einer sozialistischen Gesellschaft theoretisch und praktisch-politisch verabschiedet. Zusätzlich zeigte in Deutschland der Staat Nachsicht und Toleranz im Umgang mit den faschistischen Massenmördern aus dem dritten Reich und die ehemalige Nazi-Funktionäre nahmen Schlüsselpositionen in der Gesellschaft ein. Zusätzlich übte auf Europa Amerika über die Vergabe von Stipendien, Forschungsaufträge, dem Abwerben von WissenschaftlerInnen, Monopole auf Lizensen einen starken kulturellen Einfluss aus.

Auf diese falschen „Fünfziger Jahre“, die gekennzeichnet waren durch ein hierarchischen, autoritären Geist aus der Nationalsozialismuszeit, welcher im Alltag die Familien, die Schulen und Universitäten prägte und bestärkt durch den vorherrschenden Antikomissimus zu politischer Konformität und Einschüchterung führte war die Antwort der Studierenden eine Jugendrevolte. Im Manifest der Jugend unserer Bewegung wird diese Jugendrevolte als Kulturrevolution beschrieben, die die Mentalität, die Gefühle und das Denken der Menschen veränderte. Die Kulturrevolution führte dazu, dass eine Mehrheit der Studierenden Ende der 60er Jahre eine Veränderung mit sich selbst erlebt haben, in ihrer Mentalität, ihrem politischen Bewusstsein und ihrer kulturellen und privaten Lebensweise. So beschreibt eine Aktivistin die Zeit von 1966 bis 1968 als eine „dichte, gestauchte Zeit“ voller Erfahrungen. In diesen zwei Jahren wurde Politisierung und Demokratisierung zu positiven Kampfbegriffen, Studierende waren verpflichtet Autoritäten zu hinterfragen und ungehorsames Verhalten galt als vorbildlich. Erstmals war in der deutschen Nachkriegsgeschichte ein großer Teil der akademischen Jugend politisiert, widerständig und links. Wir sehen diese Revolution der Kultur und Werte nicht als eine militärische oder politische Revolution an. Diese war eine Revolution der Gedanken und der Gefühle der Jugend und hatte weder einen macht-basiert oder staatlichen Charakter, wie zum Beispiel die Oktoberrevolution 1917, noch eine starke ideologische Einheit, wie in den Entwicklungen der Apoistischen Jugend.

Die Ziele der 68er Bewegung waren in der internationalen Dimension, also weltweit, gegen den Kapitalismus und Neuimperialismus gerichtet. Motivierend und bestärkend für die 68er Bewegung in Deutschland waren historische Ereignisse wie die kubanische Revolution (1959), die chinesische Kulturrevolution oder der Prager Frühling (1968). Insbesondere spielte der Widerstand eines so kleines Landes wie der Vietnam gegen ein so mächtiges wie die USA eine stark motivierende und mobilisierende Rolle. In der nationalen Dimension, innerhalb Deutschlands, waren die Ziele weitaus vielfältiger: Die Jugendrevolte richtete sich zum Beispiel gegen die große Koalition zwischen den Volksparteien 1966, wodurch jede parteipolitische Opposition marginalisiert wurde. Sie richtete sich gegen den autoritären, hierarchischen Aufbau der Universitäten. Politisch aktive Gruppen und Studenten wurden Räume blockiert, Studierende und Doktoranten wurde aus der Universität geworfen und es drohten Disziplinarverfahren. Die Studierenden verlangten auch im Kontext der zunehmende Industrialisierung der Universitäten in den 60er Jahren - diese wurden zunehmend wie Unternehmen geführt - eine radikale Bildungsreform. Ein zentraler Punkt in Deutschland war die Revolte gegen die fehlende Auseinandersetzungen der Familien, Wirtschaftsbosse und Politiker mit ihrer Nationalsozialismusvergangenheit.

Hier war ein entscheidender Mechanismus der Politisierung der Studierenden ihre Regelverletzungen und Tabubrüche, wie zum Beispiel durch Sitzstreiks in den Universitäten als Antwort auf diese Repressionen. Diese harmlosen Regelverletzungen führten zu einer massiven öffentlichen Wahrnehmung, so wurden diese insbesondere durch die Springer-Presse als terroristisch eingestuft, wobei die öffentliche Wahrnehmung zu einer größeren Moblisierung der Studierenden führte.

Ein zentraler Bruchpunkt in den 60er Jahren war die Wandlung des globalen Kapitalismus hin zu dem heutigen Finanzzeitalter. Es wurde ein Geldsystem eingeführt, in dem Geldgewinne alleine durch Geld erzeugt werden und das über die Welt und das Leben der Menschen bis heute herrscht. Das Geld fing an sich zunehmend auf Einzelne zu konzentrieren und wurde anonymer, da sich das Kapital mit der Bürokratie der Nationalstaaten verflechtet. Die 68er Bewegung hat sich in dieser geschichtlichen Veränderung die kritische Frage gestellt, ob zum Beispiel das Proletariat die revolutionäre Klasse sei, da zunehmend in den Nationalstaaten eine breite Schicht aus Verwaltern und Bürokraten aufgebaut wurde, die zwischen Arbeitern und Bourgeoisie vermitteln. Diese verwaltet das Geld und die Produktivkräfte der Staaten. All diese Ziele der Kulturrevolution und die kritischen Forderungen und Fragen der Jugend fanden im Kontext des Kalten Krieges statt. Besonders deutlich in der Kubakrisa zeigte sich die militärischen Abschreckungslogik dieser atomaren Aufrüstung zwischen den Großmächten, die immer wieder mit der atomaren Selbstvernichtung der gesamten Menschheit droht. Dies bestärkte eine breite Antiatom- und Antikriegsbewegung.

Die genannten vielfältigen Ziele der 68er Bewegung in Deutschland drückt eine fehlende ideologische Einheit dieser Bewegung aus. So waren die Motive der Studierenden an den Protesten teilzunehmen vielfältig: So sahen ein Teil der Studierenden aus einer liberalen Position alleine die Grundrechte des Staates in Gefahr, wie zum Beispiel die Demonstrationsfreiheit, andere Gruppen führten ein rein moralischen Protest gegen Krieg, Kolonialismus und Ausbeutung oder sie handelten nach kulturrevolultionären Überzeugungen für ein andere Bildungssystem. Ein revolutionärer Teil der Studierenden handelte aber aus einem radikaldemokratischen oder eher anarchistischen Motiv. Die Studierenden mit der radikaldemokratischen Position, wollten endlich den Sozialismus gegen den sich ausbreitenden Konsumkapitalismus verwirklichen. Eine Repräsentant für die Position übernahm der anti-autoritäre Flügel innerhalb des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes unter Leitung von Rudi Dutschke, der sich für eine Rätedemokratie zumindest für Westberlin aussprach. Nach dem Attentat auf Dutschke im April 1968 verlor aber nun der Sozialistische Deutsche Studentenbund seine Leitung und begann sich auflösen in kleinere marginalisierte Gruppen. Hier zeigt sich, dass die Studentenrevolte in Deutschland keine ideologische Revolution war, da die politische Leitung, die Kader gefehlt haben. Jede der genannten Motive der Studierenden ermöglichte dem Staat unterschiedliche Angriffsformen. So wurden die Studierenden von militärischer bis psychologischer Gewalt auf allen Ebenen angegriffen. Insbesondere wurden führende Persönlichkeiten, wie Dutschke und andere als Wilde und Terroristen dargestellt. Als Antwort auf die Situation des Niedergangs der Studierendenrevolte erfolgte eine eher anarchistische Position, die durch die Rote Armee Fraktion und die Bewegung des 2. Juni in Deutschland repräsentiert wurde. Ihre Motiv war es „in einem Land, in dem der Nazi-Faschismus und die vom US-Imperalismus eingebunden Sozialdemokratie die Arbeiterklasse, um jede proletarische Organisation gebracht haben – die vorderste Front zu sein, die zentralen politischen Widersprüche durch den bewaffneten Angriff zu eskalieren, um den Staat in die politische Krise zu treiben“ und so einen großen revolutionären Aufstand der Massen auszulösen. Diese verstanden sich dabei klar als ein Teil der anti-imperialistische Front, um Angriffe auf andere Ländern, wie dem Vietnam zu abzuwehren. Hier zeigt sich für uns als revolutionäre Studierende die Bedeutung von einer tief verstandenen Ideologie und einem Aktionismus, der diese Ideologie mit einer fortschrittlichen Praxis verbindet.

 

Trotz der nicht erfolgreichen Revolution in Deutschland, führte die Kulturrevolution, also die Veränderung der Gefühle und des Denken der Menschen zu wichtigen Errungenschaften, die wir bis als revolutionäre Studierende heute aufgreifen können:

Die 68er Bewegung hat das handelnde Subjekt, die Taten jedes Einzelnen, eine große Bedeutung beigemessen: So ist Geschichte klar etwas machbares und durch uns veränderbares. Durch Bildung und Diskussion ist es uns möglich uns von den verinnerlichten Herrschaftsinteressen, sei es durch die Erziehung oder durch das System zu befreien und durch unsere Vernunft und Gefühle die bestehende Gesellschaft zu verändern. In der 68er Bewegung wird die Politisierung jedes Einzelnen oft als Erwachen beschrieben, als ein Bruchpunkt in der eigenen Identität ausgelöst durch Konflikte oder Krisen in Konfrontation mit dem System.

Um uns von den verinnerlichten Herrschaftsinteressen zu befreien setzt eine kritische Bildung voraus. So wurde in Berlin 1,5 Jahre eine Kritische Universität aufgebaut, in der die Studierenden selbstbestimmt Themen wählten und diese frei bearbeiteten. Die Kritische Universität sah eine permanente Hochschulkritik, eine Intensivierung eigener politischer Praxis und die Vorbereitung der Studierenden auf die gesellschaftlichen Realitäten vor. So schrieb Dutschke zu der Kritischen Universität: Die ‘Kritische Universität’ ist die Rückbesinnung auf den ursprünglichen Inhalt von Wissenschaft als Prozeß der Selbstbefreiung des Menschen durch Aufklärung. Die gesellschaftliche Situation und ihre Möglichkeiten sollen analysiert werden, immer unter dem Aspekt der Veränderbarkeit in Richtung auf die Vermenschlichung der Gesellschaft. Dieser ursprüngliche Inhalt von Wissenschaft ist identisch mit dem Begriff der Demokratie“

Nun fand vor 50 Jahren in Berlin der Internationaler Vietnamkongress statt, welcher bestimmt war durch die Erkenntnis, dass der Imperialismus, der die Befreiungsbewegung im Vietnam zu zerschlagen suchte, ein weltweites System ist, dessen wesentliches Element ist, die Unterdrückungmschinerie gegen die Befreiung der Menschheit zu sein. Dieser erschuf erstmals ein neues Verständnis von Internationalismus, da die Vermittlung der vietnamesichen Revolution zu einer starken motivierenden Kraft für die eigenen politischen Kämpfe in Deutschland wurde.

 

Abschließend sehen wir, dass ein Teil der 68er Bewegung in Deutschland revolutionäre Ziele verfolgte, die aber ausblieben und zu einer starken Schwächung der Deutschen Linken bis heute führte. Nun wird die Geschichte und die Ergebnisse der 68er Bewegung heute mehr und mehr von reaktionäre Politkern vereinnahmt. Unsere Aufgaben ist es nun als revolutionäre Studierenden die historischen Ereignisse der 68er Bewegung zu analysieren, uns bewusst zu werden über deren Schwächen und Fehler und die radikalen fortschrittlichen Momente dieser Bewegung fortzuführen und auszubauen.

 

Zusammenfassend lässt sich die 68er Bewegung als eine Revolution der Werte begreifen, die die Denkweisen und alltäglichen Handlungen der Menschen bis heute beeinflussen. Einzelne Elemente, wie den Aufbau von kritischen und freien Orten der Bildung, ein reflektiertes Verständnis von Internationalismus und die Bedeutsamkeit jeder individuellen Handlung, die das Private politisiert, können für uns heute wieder Ideale darstellen. Eine große Kritik an der 68er Bewegung ist der fehlende ideologische Grundkonsens (revolutionärer Kampf für eine befreite sozialistische Gesellschaft) und die daraus nicht beantwortete Organisationsfrage, die die Studierenden schlussendlich von den ArbeiterInnen, Frauen und vielen anderen Gruppen abtrennte. Für ein Verständnis der politischen Handlungsspielräume in Deutschland ist es notwendig die Mechanismen der Repressionen bis heute zu analysieren, da diese Parallelen zu der Situation heute aufzeigen: Politische Persönlichkeiten und ganze Gruppen als „rote Wilde“ und Terroristen dargestellt, es wurden Gesetzesverschärfungen durchgesetzt (Mai 1968 Notstandsgesetze, Januar 1972 Radikalenerlass,..), der Staat zeigte Nachsicht mit rechtsextremen Gruppen (Wehrsportgruppe,..) und in Italien wurde durch Geheimdienste eine Strategie der Spannung verfolgt, welche rechtsradikale Attentate unterstützte, um die damals starke kommunistische Partei in Italien zu schwächen. Diese Ideale, die Kritik und eine tiefere Reflexion der politischen Geschichte hier in Deutschland werden uns zukünftig helfen revolutionäre politischen Arbeiten gemeinsam hier in Europa zu führen.

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