Im Rahmen des YXK Kongress zu dem 50. jährigen Jubiläum der 68er Bewegungen weltweit haben wir als Verband der Studierende aus Kurdistan (YXK) erste Analysen zu den Bewegungen in Deutschland und in der Türkei vorgestellt. Hier beschreiben wir die Stimmung und die Situation der 68er Bewegung in Deutschland und die 68er Bewegung und ihre Einflüsse auf die Kurdische Freiheitsbewegung in der Türkei.

Zentral ist die Frage, welche Perspektiven sich daraus für uns als politische AktivistInnen und Studierende entwickelt. Wo lagen die Möglichkeiten und wo die Schwächen der 68er Bewegung? Welche Konsequenzen haben die Analysen für unsere politischen Arbeiten heute?

 

Erste Analyse der 68er Bewegung in der Türkei und ihre Einflüsse auf die kurdische Freiheitsbewegung:

Ji Serxwebun u azadiye bi rumettir tisktek nine!

Nicht ist wertvoller als die Unabhängigkeit und die Freiheit!

Das ist nicht nur der Schriftzug auf der monatlich erscheinenden Parteizeitung Serxwebun der kurdischen Freiheitsbewegung, sondern ist vor allem ein Zitat von Ho Chi Minh, dem Anführer der vietnamesischen Revolution in den 40er, 50er, und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Es ist ein Zitat, dass den Geist des Antikolonialismus, einem zentralen Pfeiler der 68er Bewegung, manifestiert und gleichzeitig an die Umstände erinnert, unter welchen die kolonisierten, die erniedrigten, die unterdrückten Völker dieser Welt leben mussten und immer noch müssen.

Wie gelangt jedoch ein Zitat von einem vietnamesischen Revolutionsführer aus den Tiefen der Wäldern Südostasiens in die Berge Kurdistans? Wie lassen sich diese Kämpfe verbinden, oder die Hoffnungen auf eine bessere Welt, eine Welt die Unabhängigkeit und Freiheit als die wertvollsten Güter erachtet und sich für diese Werte selbst-aufopfernd in den Krieg stürzt? Warum übernahm die 68er Bewegung diesen Schrei, diesen Drang nach Befreiung und warum hallte dieser in den Tälern Kurdistans am lautesten?

Die Antwort kann nur sein: Weil Kurdistan eine Kolonie ist, um dies mit den Worten von Öcalan zu beschreiben, und Kolonialismus sich in seiner jeweiligen Form, jedoch sich nicht in seinem Wesen unterscheidet und nichts als einen blanken Hass der Unterdrückten, der Kolonisierten auf sich schert, welcher früher oder später Grundlage zum Kampf wird. Von Lateinamerika, Afrika bis zum Mittleren und Fernen Osten forderte fast jedes Land, jedes Volk die „nationale Unabhängigkeit“. In den darauf folgenden Kämpfen um eben diese Freiheit und Unabhängigkeit, erlangten einige Völker ihre hart umkämpfte Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung, jedoch wurden bei all diesen Versuchen die gesellschaftliche Gruppe der Jugend, als auch der Frau ungenügend in den revolutionären Prozess der Umwälzung gesellschaftlicher Gegebenheiten miteinbezogen, weshalb diese Revolutionen letztendlich auch scheiterten, keine wahre Unabhängigkeit und Freiheit schufen.

Die 68er Bewegung kann hierbei als Jugendrevolution, als eine Art Kulturrevolution verstanden werden, die zwar keine neue Unabhängigkeit eines bestimmen Staates hervorgerufen hat, jedoch einen Sinneswandel innerhalb der Jugend erzeugte, welcher bis heute anhält und immer noch, und im Gegensatz zu den klassischen Befreiungen einzelner Nationen, revolutionäre Prozesse maßgeblich bestimmt. Es ist die Behaarung auf ein freies Leben und richtet sich auch gegen die Systeme, die in der Euphorie von Unabhängigkeitskämpfen und Siegen, Freiheit und Gleichheit versprachen, aber diese letztlich nie umsetzten. Diese Loslösung der Jugend von ihrer unterdrückten Rolle, war vermutlich der wichtigste Schritt der 68er Bewegung und einschneidend auch für die Geschichte des Nahen und Mittleren Osten, allen voran Kurdistans. Die 68er Bewegung hat mit ihrem jugendlichen Geist den macht-basierten und staatlichen Charakter der vorherigen großen Revolutionen (wie die Oktoberrevolution 1917) überwunden und die Revolution der Jugend war zuallererst eine Revolution der Werte.

Neben dem Aufkommen der Roten Brigaden in Italien, der Action Directe in Frankreich, dem Deutschen Herbst in der BRD, fand dieser teils gesellschaftliche Umbruch auch großen Widerhall im Nahen Osten. Die weltweiten Kämpfe um Freiheit und Unabhängigkeit, darunter sind die Kämpfe in Vietnam, die kubanischen Revolution, als auch der Algerienkrieg zu nennen, übten unter anderem einen starken Einfluss auf die palästinensische Freiheitsbewegung aus. Die Guerilla Palästinas war bis dato die vermutlich erfahrenste anti-koloniale Einheit, weshalb sich diverse Gruppierungen und Organisationen, bei Ihnen Hilfe versprachen und Ausbildungen erhielten.

Im Iran wurde im Jahr 1969 eine große Offensive der Kommunistischen Partei Iran unter der Führung der Jugend gegen den Shah gestartet, und führte zu einer hohen Organisierung und Mobilisierung in Rojhilat, Ost-Kurdistan.

1970 wurde in Südkurdistan die Marxistisch-Leninistische Vereinigung Kurdistan (Komalaya Marxist Leninist e Kurdistan) gegründet, die nach der Ermordung ihrer Gründer im Jahre 1978 in den alten feudalen Strukturen Kurdistans unterging. Bei all diesen Organisationen nahmen Jugendliche, vor allem Studierende eine zentrale Rolle ein und machten als Avantgarde verschiedenen revolutionären Prozessen den Vorstoß.

Für die Kurdische Freiheitsbewegung war vor allem die Situation der Jugend und der Widerhall des 68er Geistes in der Türkei maßgebend. Sie ist in der Türkei als universitäre Jugendbewegung hervorgetreten und wurde durch die intellektuelle Jugend angeführt. Hierbei nimmt die 68er Bewegung das reiche Erbe der anatolischen und mesopotamischen Zivilisation, in welcher dutzende Widerstände geboren sind, wie in etwa derjenige von Scheich Bedrettin, welcher im 15. Jahrhundert einen Volksaufstand gegen den damaligen osmanischen Sultan organisierte. Es ist nur ein Widerstand von vielen, der aufgrund der unreifen sozialen und historischen Bedingungen sich nicht in einen effektiven Kampf, in eine tatsächliche Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse wandeln konnte. Kurdistan war ein eben solcher Ort, auch zu Beginn der 60er und 70er Jahre. Ein Ort geprägt von feudalen, patriarchalen Gesellschaftsstrukturen. Ein Ort fern von Bildungseinrichtungen, geplagt von ökonomischen und sozialen Problemen, ohne Infrastruktur, ohne eine Basis für die Energie, eine solche Revolution anzustoßen.

Deshalb fand die Mobilisierung, die Formierung des Widerstandes in der Westtürkei, in den Universitäten der Großstädte statt, in einem Rahmen, in welchem sich die Dynamik von einer Jugendbewegung entfalten konnte. Es wurden Debattierklubs gegründet, die soziale Fragen aufgriffen und vermeintlichen Lösungsansätze darboten. Diese waren jedoch oft von Studierenden aus aristokratischen Familien initiiert, die eine authentische Behandlung von diesen Problemen nicht ermöglichten.

 

Die Schlussfolgerung: Demokratisierung durch radikalen revolutionären Widerstand gegen das Bestehende.

Die Dev-Genc formierte sich 1965 als eine Dachorganisation revolutionärer Jugendlicher, vor allem Studierender. Aus ihr gingen die großen Revolutionsführer wie Mahir Cayan, Deniz Gezmis, Ibrahim Kaypakkaya hervor, die die Türkei und ihren faschistischen Staatsapparat angriffen und eine Krise auslösten, die durch brutalste, reaktionäre Unterdrückung von Seiten des türkischen Staates auf alle linken, progressiven Kräfte gekennzeichnet war.

Dass in dieser Atmosphäre das Wort Kurdistan, das Aussprechen des Satzes „Ich bin Kurde, Ich bin Kurdin“ einer oder einem das Leben kosten konnte, sei hierbei gesagt. Und das ausgerechnet kurdische Studierende erstmals sagten „Kurdistan ist eine Kolonie. Nieder mit den Kolonialherren“ ist die kurdische sinngemäße Übersetzung von Ho Chi Minhs Zitat.

Abdullah Öcalan und die kurdische Freiheitsbewegung manifestiert das kurdische Dien Bien Phu, die Einnahme Havannas, die Zerschlagung der französischen Kolonialherren in Algier und darüber hinaus: Die kurdische Freiheitsbewegung ist das letzte Glied der Reihe aller revolutionären, progressiven Prozesse. Das ist die Selbstwahrnehmung der kurdischen Bewegung. Sie stützt sich auf alle revolutionären Erfolge und unternimmt den Versuch, aus vergangenen Fehlern zu lernen.

1977 war gekennzeichnet durch den Aktionismus der RAF. Es war die Phase des Deutschen Herbst. Auf diesen Herbst folgte wahrlich ein Winter. In den Räumen der Stammheimer Justizvollzugsanstalt wurden die führenden Köpfe des RAF ermordet. Eine Phase der Stagnation begann, ein Winter für die Revolution. Doch folgt auf den Winter bekanntlich der Frühling. Doch diesmal blühten die Blumen außerhalb Europas. 1978 wurde die PKK von Jugendlichen und Studierenden gegründet. Es war ein kurdischer Frühling. Es ist ein kurdischer Frühling, der noch stetig blüht und Gärten wie Rojava schafft.

 

Rojava ist für unsere Zeit das, was Vietnam für die 68er war.

Wenn damals internationalistische Studierende die Vietnamkonferenz ins Leben riefen, so stehen heute, hier und jetzt Internationalistinnen und Internationalisten, Studierende, Schülerinnen und Schüler, wahrhaftig Jugendliche auf und sagen „Ji Serxwebun u Azadiye bi rummettir tistek nine“

Nichts ist Kostbarer als die Unabhängigkeit und Freiheit. Die wahre Freiheit.

Ich wünsche uns allen viel Erfolg auf der Suche nach der wahrhaftigen Freiheit.

 

 

Eine ausführlichere Analyse zu den Einflüssen der 68er Bewegung auf die Kurdische Freiheitsbewegung und die Bedeutsamkeit der Jugend findet ihr in dem Buch „Manifest der Jugend“

 

 

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