Eine kurze Bewertung zum Genozid an den EzidInnen (deutsch: JesidInnen)

Die ezidische Religionsgemeinschaft wurde am 3. August 2014 vom Islamischen Staat angegriffen. Die in der Region 12.000 stationierten Peschmerga der Autonomen Region Kurdistan (geleitet von Masud Barzani) zogen sich über Nacht zurück und überließen die Bevölkerung schutzlos dem IS. Dies war in der Geschichte der EzidInnen der 74. Völkermord. Da dieser Angriff sich systematisch gegen Frauen richtete, bewerten wir diesen zugleich als Feminizid (Tötung eines Menschen, da diese zu dem weiblichen Geschlecht zugehörig ist). Tausende junge Frauen und Mädchen wurden als Kriegsbeute verschleppt und versklavt.

Durch eine lange Geschichte des Leids haben die EzidInnen erkannt, dass sie ihre Existenz nur durch eine eigene Organisierung und durch eigene Selbstverteidigungsstrukturen schützen können. Dazu wurden Volks- und Frauenräte sowie Verteidigungseinheiten (YBS) und Bildungseinrichtungen nach dem Vorbild Rojavas (Nordsyrien) gegründet. Um neuen Genoziden und Massakern entgegenzuwirken ist die Selbstverwaltung und Selbstverteidigung unentbehrlich. Diese Stärkung des kollektiven Willens zeigte sich symbolhaft in der Aussage der 17- jährigen Ikhlas Bajoo auf der Internationalen Konferenz jesidischer Frauen (März 2017): „Kein Feind kann jesidische Mädchen brechen, kein Feind kann ein Mädchen wie mich brechen.“

Für die EzidInnen besteht die Gefahr eines erneuten Genozids weiterhin fort: Auch heute noch versucht Bagdad (Zentralregierung Iraks) und die Regionalregierung der KDP (Demokratische Partei Kurdistans im Nordirak durch Masud Barzani angeführt) Einfluss auf Şingal auszuüben. Beispielsweise griff die KDP mit einer Gruppe aus türkischsprachigen Kämpfern, Roj-Peschmerga, Turkmenen und Arabern am 3. März 2017 Şingal (Sindschar) an. Diese Angriffe am 3. März sind auch mittels deutscher Waffen (Einsatz von G36-Gewehren, MG3, Dingo-Panzerwagen, Milan Raketensystemen) geführt worden. Erdogan drohte einen Monat später, eine großangelegte Militäroperation auch nach Şingal zu starten. Die Androhung wurde ein Jahr später am 22. März 2018 umgesetzt und türkische Spezialeinheiten überschritten die Grenze zum Irak und errichteten in der Region zwei Militärbasen, von welchen aktuell weitere Operationen gegen Şingal geplant werden. Motivierend für die Akteure der Türkei und KDP sind die Verhinderung eines gesellschaftlichen Projektes, das selbstverwaltet die eigenen Angelegenheiten bestimmt und sich den Einfluss der sie umgebenden Mächte entzieht. Şingal spielt mit seiner Lage von der syrischen Grenze hin zur Wüste Mossuls eine strategisch bedeutsame Rolle. Für die Regionalregierung der KDP bietet Şingal die Möglichkeit, der Türkei und dem Iran als Handelspartner auszuweichen und direkt über eine Fernstraße Erdöl zum Mittelmeer über irakisches und syrisches Gebiet zu liefern. Die türkische Regierung will genau dies verhindern und die Regionalregierung im Nordirak weiterhin abhängig halten.

Zukünftig lassen sich unruhige Zeiten erwarten: Erdogan verlangt die Auflösung der Verteidigungseinheiten (YBS) und erklärte Şingal und Teile des Nordiraks zum potentiellen Interventionsgebiet des türkischen Militärs. Bereits jetzt finden Luftangriffe und erste Militäroperationen statt. Dies richtet sich klar gegen die aufgebaute Selbstorganisierung der lokalen Bevölkerung und es drohen neue Massaker durch Armee und Milizen.

Hier zeigt sich die Wichtigkeit internationaler Unterstützung für die EzidInnen, da auch zukünftig ausländische Kräfte versuchen werden, die Lage im Şingal zu beeinflussen. Der 3. August wurde von den EzidInnen zum internationalen Kampftag gegen Feminizid erklärt. Es ist notwendig, auch hier alle Frauen der Gesellschaft zu erreichen und diese zu organisieren.

 

YXK - Verband der Studierenden aus Kurdistan e.V.

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