Interview für die Taz

Aus gegebenen Anlass veröffentlichen wir ein Interview, dass Ende letzten Jahres ein YXK-Mitglied aus Hannover für die Taz hielt.

 

 

 

 

Was hat sich für euch seit dem Flaggenverbot im März verändert?

Wir erleben aktuell eine dramatische Entwicklung in Hinblick auf den Schutz unserer demokratischen Grundrechte. Demonstrationen und Kundgebungen werden entweder verboten oder mit solchen Auf-lagen überzogen, dass die Inhalte unserer Aktionen kaum vermittelt werden können. Fahnen, Sprech-chöre und sogar das Verteilen von Flugblättern wird mancherorts untersagt. Auf unseren Großveranstaltungen werden Essens-, Getränke- und Bücherstände verboten. Es darf teilweise noch nicht einmal kostenlos Wasser an Menschen verteilt werden, die über Stunden hinweg zu den Veranstaltungen anreisen und den ganzen Tag am Ort des Geschehens verbringen. Auch im universitären Alltag spüren wir die Folgen des Flaggenverbots bzw. der Verschärfung des PKK-Verbots. Mit Erstaunen haben wir erfahren, dass das Präsidium der Leibniz Universität Hannover (LUH), in diesem Semester zwei studentisch-organisierten Seminaren die Unterstützung durch Mittel aus Studienqualitätsmitteln versagt hat. Es handelt sich dabei um einen kurdischen Sprachkurs und einen Lesekreis zum Buch „Zivilisation und Wahrheit“ von Abdullah Öcalan. Das Präsidium behauptete, dass es dort zu Propaganda kommen könnte. Gegen diese haltlose Unterstellung hatten sich der AStA und die studentischen Senator/innen der LUH, sowie die YXK in einem offenen Brief entschieden ausgesprochen. Dies führte jedoch nicht zu einem Einlenken. Vergleichbare Seminare zu Büchern von Abdullah Öcalan wurden bereits in drei vorangegangenen Semestern vom Präsidium genehmigt und hatten bisher keine Probleme bereitet. In der vergangenen Woche wurde uns unser Recht zur Nutzung der Räumlichkeiten der Universität für die Veranstaltung „Wer ist Öcalan“ entzogen worden.3 Es kann daher nur vermutet werden, dass eine veränderte politische Lage sowie das Flaggenverbot, welches auch die YXK/JXK (JXK: Studierende Frauen aus Kurdistan; YXK: Verband der Studierenden aus Kurdistan) betrifft, zum Sinneswandel des Präsidiums der LUH geführt hat.

Sara Tolhildan, Sprecherin der YXK dazu: „Dass in der Türkei alles was kurdisch und intellektuell ist von Erdogan unter Terrorismusverdacht gestellt und verboten wird, wissen wir inzwischen. Das Präsidium der Leibniz Universität Hannover scheint diese Einschätzung aus Angst vor der politischen Brisanz übernommen zu haben. Damit reiht sich das Präsidium in die Rückratlosigkeit deutscher Behörden vor dem türkischen Staat ein. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung darf nicht aus vorauseilendem Gehorsam vor der Empörung türkischer Nationalisten unterbunden werden.“

Das sind die Umstände, mit denen alle Ortsgruppen der YXK sowie sämtliche kurdische Organisationen aktuell konfrontiert sind.

 

Wie wollt ihr weiter machen?

Der Verband der Studierenden aus Kurdistan ist allseits bestrebt, der studentisch-universitären und allgemeinen Öffentlichkeit in Europa ein Verständnis über die kurdische Frage und die mit ihr zusammenhängenden Konflikte zu ermöglichen. Wir werden uns nicht einschüchtern oder unterkriegen lassen, sondern diese Vorfälle und vieles mehr zum Anlass nehmen, um die Aktivitäten gegen das Verbot der PKK und für die Freiheit Abdullah Öcalans weiter zu verstärken. In den kommenden Wochen wer-den wir unsere Arbeiten darauf forcieren.

 

Was wünscht ihr euch?

StudentInnen sind Teil der Gesellschaft und sollten deshalb auf der Basis wissenschaftlicher Kriterien kritisch-analytisch auf das Gesamtgeschehen einwirken. Der Verband sieht die Notwendigkeit, in Richtung einer gerechteren Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, die Gleichberechtigung der Ge-schlechter und die Toleranz unter ethnischen, religiösen oder anderen Gemeinschaften zu verstärken. Wir halten es für ein bedenkenswertes Wissenschaftsverständnis, wenn kritische Auseinandersetzung mit Literatur und Analysen als Propaganda eingeordnet wird. Wir wünschen uns ein Umdenken seitens der Universitätsleitung. Nahezu alle Teilnehmenden haben in der vergangenen Woche in der studentischen Vollversammlung der LUH ihre Solidarität zur YXK ausgesprochen. So fordern wir, dass dies gehört wird und die Repressionen gegen unsere Veranstaltungen und Seminare aufhören.

 

Warum ist der kurdische Befreiungskampf so bedeutsam?

In den vergangenen zwei Jahrhunderten ist der Nationalismus in den Gesellschaften des Mittleren Ostens geschürt worden. Die nationalen Fragen sind nicht gelöst, sondern vielmehr in allen gesellschaftlichen Bereichen verschärft worden. Statt produktiven Wettbewerb zu betreiben, erzwingt das Kapital im Namen des Nationalstaates Kriege und Bürgerkriege. Dem Mittleren Osten kann Demokratie nicht durch das kapitalistische System und seine imperialen Mächte aufgezwungen werden, die ihr nur Schaden zufügen. Die Verbreitung der Basisdemokratie ist von fundamentaler Bedeutung. Die ist die einzige Methode, die angesichts verschiedener ethnischen Gruppen, Religionen und Klassenunterschiede bestehen kann. Die kurdische Bewegung stellt den „Demokratischen Konföderalismus“ als Gegenkonzept auf. Sie ist eine anti-nationalistische Bewegung und beabsichtigt die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts der Völker durch die Ausweitung der Demokratie. Sie basiert sozusagen auf der Mitwirkung der Basis. Seine Entscheidungsprozesse liegen bei den Gemeinschaften. Höhere Ebenen dienen nur der Koordination und Umsetzung des Willens der Gemeinschaften, die ihre Delegierten zu den Vollversammlungen schicken. Für einen begrenzten Zeitraum sind sie sowohl Sprachrohr als auch aus-führendes Organ. Jedoch liegt die grundlegende Entscheidungsgewalt bei den lokalen Basisorganisationen. Ein weiteres grundlegendes Element beim Demokratischen Konföderalismus ist die legitime Selbstverteidigung. Sie geht weit über das herkömmliche Verständnis von militärischer Verteidigung hinaus. Aufklärung und Bildung stellen beispielbeispielsweise ein Mittel dar in der Verteidigung gegen mediale und psychologische Kriegsführung oder gegen Angriffe auf die Errungenschaften des Freiheits-kampfes und die eigenständige Organisierung der Bevölkerung.  Der kurdische Befreiungskampf stellt diese Alternative in den Vordergrund ihrer Revolution und führt einerseits entschieden den Kampf gegen die Hegemonialmächte im mittleren Osten. Andererseits wer-den zum jetzigen Zeitpunkt diese Ideen in Syrien umgesetzt und von der Bevölkerung angenommen. (siehe auch: Gesellschaftsvertrag der demokratischen Föderation von Nordsyrien).

 

Was sagt ihr dazu, dass Abdullah Öcalan von der Öffentlichkeit verurteilt wird?

Abdullah Öcalan wird von Kurdinnen und Kurden als ihr politischer Repräsentant angesehen. Er ist ihr bedeutsamster Vertreter im Kampf um kulturelle Rechte und Demokratie und gilt als Symbol für die Freiheit der KurdInnen. Die weltweite Kampagne für seine Freiheit hat 10,3 Millionen Unterschriften gesammelt.

Öcalan wendet sich gegen Separatismus und Sezessionismus und präsentiert als Lösungsperspektive einen demokratischen mittleren Osten mit gleichberechtigten Völkern. Wir als linke Kräfte sehen uns in der Verantwortung seine Ideen eines gesellschaftlichen Aufbaus entlang basisdemokratischer, öko-logischer und auf Frauenbefreiung basierende Prinzipien mit Leben zu füllen. Oftmals wird medial ein einfältiges Bild seiner Person gezeichnet. Er wird als inhaftierter Separatist oder Anführer dargestellt. In der Bundesrepublik ist mittlerweile das Zeigen jeglicher Abbildungen Öcalans, durch einen Erlass des Innenministeriums verboten worden. Dass er Kritiker, nicht nur der kapitalistischen und patriarchalen Ordnung, sondern auch des Realsozialismus und seiner autoritären Auswüchse ist, wird zumeist verschwiegen. Dies verkennt aber die Dimensionen der Bedeutung Abdullah Öcalans und seiner Freiheit. Wir verurteilen diesen Umgang mit der kurdischen Gesellschaft und fordern eine Auseinandersetzung mit den Schriften Öcalans. Diese Person sitzt seit 1999 in Isolationshaft, hat dort eine Vielzahl an Büchern geschrieben, die sowohl für die Türkei als auch für den gesamten mittleren Osten konkrete Lösungen vorschlagen.

 

Welche Rolle spielt der Feminismus in eurer Bewegung?

Die Frau spielt in der Bewegung eine zentrale Rolle und wird neben der Jugend, als die treibende Kraft der Revolution gesehen. Ein oft zu hörendes Zitat Öcalans ist dabei „Unsere Revolution ist weiblich“. So existieren in allen Organisationen der Bewegung, selbstorganisierte Frauenstrukturen. Auch in unserem Verband (siehe: Selbstverständnis der JXK). In der Zivilisation des Mittleren Ostens steht die Frau im Brennpunkt aller gesellschaftlichen Probleme. Solange die gesellschaftliche Freiheit der Geschlechter nicht hergestellt ist, bleibt jede Forderung nach Freiheit und Gleichheit sinnlos und unerfüllbar. Die Freiheit der Frau ist der umfassendste Bestandteil jeglicher Demokratisierung. Folgender Ausschnitt aus dem Buch „Jenseits von Staat, Macht und Ge-walt“ gibt die Haltung der kurdischen Freiheitsbewegung zu der Frage kurz wieder:  „Das Niveau der Freiheit einer Gesellschaft lässt sich am Niveau der Freiheit der Frau ablesen. Die Gesellschaft, die die Frau am geringsten schätzt, ist diejenige, die am tiefsten in der Sklaverei lebt.“

 

 YXK - Verband der Studierenden aus Kurdistan e.V.

Kalender

September 2018
M T W T F S S
1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30
Top