Demokratischer Konföderalismus und Selbstverteidigung – Ein Delegationsbericht über die Angriffe auf den demokratischen Aufbau Kurdistans

Die kurdische Bewegung entwickelt sich in einem beständigen Prozess der Selbstreflektion fort. Aus der ersten kollektiven Organisierung und der Bildung einer politischen Identität als Reaktion auf die ethnische Verfolgung und Unterdrückung in der Türkei, Syrien, Irak, Iran und im Exil ist über Jahrzehnte hinweg ein politischer Prozess geworden, der die Erfahrungen kultureller und politischer Kämpfe in ein Projekt des gesellschaftlichen Umbaus mitgenommen hat. Ohne im globalen Spiel des Kapitalismus selbst um einen Nationalstaat zu kämpfen, entwickelt sich ideologisch und praktisch ein gelebtes Modell einer gesellschaftlichen Alternative jenseits von Staat, Macht und Gewalt: der demokratische Konföderalismus. Dass dieser nicht nur linke Utopie ist, zeigt sich am konkreten Aufbau basisdemokratischer, emanzipatorischer Strukturen in der demokratischen Autonomie.

Da Syrien zunehmend zerfällt, konnte die kurdische Freiheitsbewegung im Vakuum der postkolonialen Staatenherrschaft eine selbstverwaltete Autonomie aufbauen. In Rojava (West-Kurdistan, im Norden des ehemaligen Syriens) bauen die progressiven kurdischen Kräfte unter ständigen militärischen Attacken eine emanzipatorische, gesellschaftliche Selbstorganisation jenseits von ethnischen Trennungslinien, kapitalistischer Ausbeutung und patriarchaler Herrschaft auf.

Von Anfang an musste dieses Projekt gegen die vorherrschenden, postkolonialen Herrschaftsstrukturen und gegen die Angriffe reaktionärer Strömungen verteidigt werden. Aktuell steht dieses Projekt unter den heftigsten direkten Angriffen seit seiner Entstehung vor drei Jahren. Die Welt schaut zu, während der IS seit dem 15. September eine militärische Großoperation mit schwerem Gerät gegen die Region und Stadt Kobaní führt. Einzig die Selbstverteidigungskräfte der YPG & YPJ leisten erbitterten Widerstand. „Gesellschaften ohne jeglichen Selbstverteidigungsmechanismus verlieren ihre Identität, ihre Fähigkeit zur demokratischen Entscheidungsfindung und ihren politischen Charakter“, schreibt Abdullah Öcalan. „Demnach ist die Selbstverteidigung einer Gesellschaft nicht allein auf die militärische Dimension beschränkt.“

Nach dem ausgerufenen „Ende der Geschichte“ durch den Neoliberalismus, ist der demokratische Konföderalismus einer der wichtigsten Bezugspunkte und Perspektiven für eine radikale Linke weltweit. Denn er zeigt ganz praktisch die realen Ansätze, dass eine Gesellschaft und eine Welt jenseits der dominanten Hegemonie des globalen Kapitalismus möglich ist. Gerade in Europa kann die radikale Linke viel von der kurdischen Freiheitsbewegung lernen. Internationale Solidarität bedeutet so für uns auch, das kurdische Projekt des demokratischen Konföderalismus und des praktischen gesellschaftlichen Umbaus besser kennen und verstehen zu lernen.

Dazu gibt diese Veranstaltung die Gelegenheit. Zwei Göttinger Genossen haben vor Kurzem die Gebiete und Institutionen der demokratischen Autonomie im Rahmen einer Delegationsreise besucht und konnten in unmittelbaren Austausch mit der kurdischen Bewegung treten. Sie geben einen eindrücklichen Bericht ihrer Erfahrungen. Im Anschluss gibt es Raum für Diskussionen.

Datum: 3. Dezember, 19:00 Uhr

ORT: Cafe Autonomicum, Göttingen

Mehr Infos unter: http://www.inventati.org/blgoe/, http://localhost/index.php/ortsgruppen/goettingen

veranstaltet von der Basisdemokratischen Linken (BL) Göttingen und der YXK Göttingen