In Zeiten wie diesen – Die Pandemie und was wir von ihr lernen müssen – Aufruf zur Selbstorganisation 

In Zeiten wie diesen – Die Pandemie und was wir von ihr lernen müssen – Aufruf zur Selbstorganisation

 

„In schweren Zeiten kommt die Gesellschaft enger zusammen“, so der aktuelle Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Doch in wie weit ist unsere Industriegesellschaft während dieser Phase enger zusammengekommen? Was bedeutet es eigentlich, enger zusammen zu kommen?

 

Zunächst einmal ist zu unterstreichen, dass die Pandemie eine Realität ist. Viren befallen die Menschheit schon seit jeher und werden auch in Zukunft die Menschheit weiter begleiten. So erkennen wir abermals, dass die Beziehung zwischen Mensch und Natur nicht getrennt werden kann. Wir atmen die Luft, die durch die Natur produziert wird, wir ernähren uns von ihr und wir leben in ihr. Der Mythos der Aufklärung, die Menschen könnten sich durch Wissenschaft und Erkenntnis über die Natur transzendieren und über sie herrschen, ist ein Trugschluss. Auch, wenn wir immer mehr die „Mechanismen“ der Natur durch wissenschaftliche Forschung und Methoden dechiffrieren können, auch wenn wir irgendwann die unendlichen Geheimnisse das Universums kennen, werden wir ewig ein Teil dieses sein. Es verhält sich wie zwischen Körper zum Geist. Die Voraussetzung des Seins des einen ist das Sein des anderen. Diese hohe Erkenntnis ist einigen bewusst, doch die Ignoranz und Übermütigkeit vieler Menschen in der Industriegesellschaft und besonders der Regierungen blenden diese hohe Erkenntnis für den Profit weniger komplett aus.

 

Wir sehen die kapitalistische Moderne nicht als ein hinreichend geeignetes System, die die Menschheit vor ökologischen Krisen wie die Corona-Pandemie zu schützen weiß, zumal die kapitalistische Moderne die Ursache solcher Krisen ist. Im folgenden Abschnitt möchten wir Beispiele aufzeigen, die diese These unterschreiben. Abgesehen davon, wie schädlich die Herrschaft der westlichen Zivilisationen für Mensch und Planet ist, möchten wir Fakten nennen, die deutlich machen, dass wir uns anders organisieren müssen als im Rahmen von Staat und Macht, um ein würdevolles Zusammenleben zwischen Mensch und Natur gewährleisten zu können. Wir wollen anhand der BRD exemplarisch die Verantwortungslosigkeit als das Wesen der Nationalstaaten aufzeigen. Abschließend wollen wir auf die zu Anfang gestellten Fragen eingehen.

 

Die Zahlen der vom mutierten Coronavirus Sars-CoV-2 betroffenen Menschen steigt. Einerseits ist zu erkennen, dass die Menschen sich, wie bei einer „normalen“ Grippe-Infektion, durch ihr Immunsystem heilen. Andererseits treten Sterbefälle auf, die statistisch gesehen am häufigsten ältere Mitmenschen zwischen 60 und 80 Jahren oder Menschen mit Vorerkrankung betreffen [1]. Dennoch ist der Virus für die Sterbefälle die Ursache. Ohne Impfstoff, Medikamente und ausreichend versorgte Krankenhäuser sind immer wieder (auch jüngere) Menschen in Lebensgefahr, die keine Immunität zu diesem Virus aufgebaut haben. In so einer Situation muss die Gemeinschaft entschlossen Zusammenhalten und jede*r muss versuchen seinen Nächsten zu helfen. Doch beobachten wir Folgendes: Die Staaten, von denen eine gewisse Handlungskompetenz zu erwarten wäre, da diese sich die Mittel und den Willen der Bevölkerung angeeignet und diese in Institutionen wie dem Ministerium für Gesundheit akkumuliert haben, reagieren trotz dem Wissen der Forschung und der ökonomischen Mittel nicht präventiv, nachhaltig und menschenwürdig. Eine Simluation wurde im Jahre 2012 vom Robert-Koch-Institut und mehreren Ministerien durchgeführt und in Drucksache 17/12051 des deutschen Bundestages festgehalten, wo in (intensiven) Studien und Forschungen genau eingeschätzt worden ist, wann und in welchem Ausmaß eine dem Corona ähnlichen Virus uns befallen kann. Das Szenario wurde richtig bis auf den Monat (Februar 2020 und die Mutation in China) vorhergesagt[2]. Alle Politiker und besonders die deutsche Regierung wissen seit mindestens 2012 genau von der Möglichkeit solch einer Pandemie und ihren Folgen bescheid. Wieso wurde bei Auftreten der Pandemie in China nicht umgehend reagiert oder die allgemeine Öffentlichkeit erst nach vollem Umgreifen der Pandemie sensibilisiert? Wieso wurden die Krankenhäuser und das komplette Gesundheitssystem seit spätestens 2012 nicht reformiert und wesentlich unterstützt, um sich auf eine möglichen

und nun eingetreten  Pandemie vorzusorgen? So müssen aktuell nun viele von ihrer Arbeit zurücktreten und sind praktisch arbeitslos oder sie müssen Kurzarbeit beantragen. Und die wenigsten arbeiten für die meisten, d.h. die Pfleger*innen, Sanitäter*innen, Ärzt*innen und andere schuften in den Krankenhäusern und Altenpflegehäusern bis an ihre körperlichen Grenzen, um die erhöhte Gefahr gegen die gesamte Gesellschaft abzuwenden. Wir haben also mit einem Staat zu tun, der öffentlich, zugibt von der Möglichkeit einer Pandemie längst gewusst zu haben und erst nach 8 Jahren reagiert. Wie soll auf so eine Mentalität vertraut werden?

 

Es ist anmaßend von der Bundeskanzlerin der Bevölkerung im Fernsehen gegenüberzutreten und mit einer Sprache zu sprechen, mit der man nur mit Kindern spricht, die man von der Wahrheit fernhalten will, damit diese nicht schreien und rebellieren. Die Kanzlerin weiß mind. seit 8 Jahren von der Gefahr dieser Pandemie Bescheid und stellt nun die Verantwortung gegen diese Pandemie an die Bevölkerung. Es wird eine Moral aufgebaut, die dahinzielt, dass wer sich nicht an die Ausgangssperre hält, kein Teil der Lösung ist, sondern das Problem verschärft. Es wird eine Moral aufgebaut, wo der Staat sich entspannt zurücklehnen möchte und jegliche Schuld oder Verantwortung abwendet und gleichzeitig gravierende Menschenrechte eindämmt. Der Staat war immer gut und handelte immer richtig, jetzt sind die Menschen schuldig und gefährlich – das ist die Losung der Regierung. Das ist falsch. Als gewählte Verantwortliche tragen sie eigentlich die fast vollständige Verantwortung für diese und andere Krisen. Sie müssen verantworten, warum sie nicht vorgesorgt haben. Dass das bis heute nicht geschehen ist, ist ein Indiz für die Mangelhaftigkeit und Korruptheit des Staatswesen mit einigen demokratischen Elementen. Zu den verspäteten Maßnahmen des Staates gehören, wie bekannt, eine bundesweite Ausgangsperre und eine Finanzspritze für Unternehmen und Selbstständige.

 

Wie sieht es aber mit älteren und immunschwachen Menschen in der Gesellschaft aus? Was wurde für Sie beschlossen und unternommen? Was wird für Studierende gemacht (knapp 3 Millionen Studierende in DE[3])? Für die Millionen Jugendlichen insgesamt, die ihrer Ausbildung, Schule und Arbeit nicht nachgehen können? Für die internationalen Menschen, die nach DE gekommen sind zum studieren, arbeiten oder leben? Was ist mit den geflüchteten Menschen, die an den Grenzen mit Schlagstöcken und Tränengas weggedrängt oder in Lagern fest- und gefangengehalten werden? Für die bereits angekommenen geflüchteten Menschen, die in Zwang zu Tausend in engen Gebäuden und Räumen von deutschen PolizistInnen, die bekanntlich mit Rassismus und Rechtsradikalismus in eigenen Reihen zu kämpfen hat, 24 Stunden in Beobachtung eingesperrt sind?[4] In Halberstadt mussten Refugees in Hungerstreik treten, da sie keine anderen Mitteln mehr finden, gegen die menschenunwürdigen und allen effektiven Gesundheitsmaßnahmen entbehrenden Lebensbedingung protestieren zu können. Weder die Bundeskanzlerin in ihren drei Ansprachen, die über 10 Minuten dauerten, noch irgendwelche Minister haben ein Wort zu diesen Gesellschaftsgruppen geäußert. Dies ist ein Skandal und nicht hinnehmbar.

 

Alle Asten der Universitäten bekommen täglich hunderte Emails von Studierenden, besonders von internationalen Studierenden, zugeschickt, die stark verzweifelt sind, weil sie ihre (prekäre) Arbeit verloren haben und sonst weiter keine Einkünfte beziehen können. Die Situation in Deutschland während der Pandemie ist also alles andere als geregelt und gerecht. Der Staat beweist mit dieser Situation, dass er versagt. Der Staat kann nichts wesentliches, außer Krieg zu führen, das Privateigentum der Konzerne zu sichern, bei Bedarf Produktionsmittel und Güter mit Zwang anzueignen und für sich monopolisieren, wesentliche Gruppen der Gesellschaft (Frauen, Jugendliche, Migrant*innen, ältere Menschen) zu ignorieren.

 

Effektive und menschliche Maßnahmen kommen wie so oft von der demokratischen Gesellschaft. Die Menschen gründen jenseits von staatlichen Apparaten und Institution Solidaritätsbündnisse für ihre Belange. Vom Virus Betroffene oder Menschen, die zur Risikogruppe gehören, werden aktiv Hilfen für ihren Einkauf oder weitere Unterstützung angeboten. Vereine oder organisierte Gemeinschaften treten mit ihren Mitgliedern aktiv für betroffene Menschen ein. Kein Staat hat bis jetzt praktisch den Menschen so geholfen wie die Menschen sich selbst. Wenn es in Krisenzeiten möglich ist sich parallel zum Staat zu organisieren und ein würdevolles Leben aufzubauen, so ist dies erst recht möglich, wenn wir uns in keiner lebensbedrohlichen Situationen befinden. Außerdem ist stark zu betonen, dass sich unsere Umwelt und die Menschen nicht seit der Pandemie in Lebensgefahr stecken. Es ist heuchlerisch von den Industriegesellschaften, erst durch die Pandemie eine Moral und Sensibilisierung gegenüber Unverhältnismäßigkeiten aufzubauen und das Leben zu schätzen. Eine Moral und Sensibilität, die wie oben aufgezeigt, auch jetzt Minderheiten vernachlässigt. Auf jedem Kontinent herrscht immer noch Krieg. Menschen werden nicht nur von den Viren getroffen und sterben, sondern gezielt von Waffen und Drohnen. Kurdistan ist immer noch besetzt und kolonialisiert. Die Gesellschaften des Globalen Südens, von Lateinamerika, Afrika, dem Mittleren Osten bis nach Asien werden bis heute von ihren Ex-Kolonialsiten mit neuen Methoden und unter neuen Masken ausgebeutet. Die Ebola-Epidemie hat die Industriegesellschaft in keinster Weise dazu gebrac

ht die Menschen vor Ort, beispielweise in Kongo, zu helfen. Es waren wieder Menschen, die sich parallel und gegenüber dem Staat organisiert haben und anderen Menschen zu Hilfe geeilt sind. Dieses und mehr dürfen wir besonders in diesen Zeiten wie heute nicht aus den Augen lasse.

 

Und wie sieht die Situation zwischen den Staaten während der Pandemie aus? Es gibt kaum Vernetzungen und Solidarität. Die Staaten setzten auf Abschottung und Egoismus. Jeder soll selber mit der Pandemie zurechtkommen. Diese Mentalität hat den ersten und zweiten Weltkrieg hervorgebracht. 200.000 Masken für die Berliner Polizei wurden von den USA in Bangkok am Flughafen Piratenmäßig abgegriffen und enteignet und in den Vereinigten Staaten gebracht[5]. Diese Mentalität und Vorgehensweise muss von der demokratischen Zivilgesellschaft konsequent abgelehnt werden und in jedem Fall müssen sich alle Menschen für den Frieden positionieren.

 

Wir hoffen darauf, dass so viele Gesellschaften wie möglich ihre Lehren aus der aktuellen Krise ziehen und sich die Ungereimtheiten und Widersprüche der Staaten und Staatsmänner vor Augen führen, wie unbedeutend, wie scheinheilig und gefährlich ihre Wörter und Beschlüsse sind. Wir hoffen, dass im Anschluss an die Pandemie viele Gemeinschaften neue Wege eingeschlagen werden, abseits von Faschismus, Egoismus und Ausbeutung, hin in Richtung Demokratie, Humanismus und Internationalismus. Das bedeutet vor allem, sich nicht durch einen Staat verwalten zu lassen, sondern sich selbst zu organisieren und sich selbst zu schützen.

 

 

[1]https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/NCOV2019/FAQ_Liste.html

[2]https://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/120/1712051.pdf(ab Seite 55)

[3]https://de.statista.com/infografik/12037/zahl-der-studenten-an-hochschulen-in-deutschland/

[4]https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-fluechtlingsheime-quarantaene-gesundheitspolitik-1.4859837

[5]https://www.rbb24.de/panorama/thema/2020/coronavirus/beitraege_neu/2020/04/atemschutzmasken-berlin-bestellung-usa-abgefangen.html