JXK: Das Massaker von Dêrsim

JXK: Das Massaker von Dêrsim

Das verschwiegene Massaker von Dersîm und der entfesselte Vergewaltigungsrausch

Heute jährt sich das Massaker von Dêrsim zum 82. Mal. Das systematische Massaker an den alevitischen Kurd*innen wurde im Jahre 1938 von Mustafa Kemal, dem Gründer der türkischen Republik, angeordnet und durchgeführt. Die Anzahl der Todesopfer liegt zwischen 70.000 und 80.000.

Aus Besessenheit über den Gedanken eines homogenen türkischen Staates, entflammte Mustafa Kemal Zeit seiner Herrschaft einen kollektiven Hass unter der Bevölkerung gegenüber kurdischen Alevit*innen und ließ in kürzester Zeit zahlreiche kurdische Provinzen einem Kriegsgebiet gleichen.
Im Rahmen des Ethnozids und der Kriegspolitik, wurden in den Jahren 1937 bis 1938 in Dêrsim tausende Menschen deportiert, bombardiert und Hunderte von ihnen entführt und anschließend zwangsassimiliert.
Im Begeisterungstaumel der Vergewaltigungskultur türkischer Soldaten, fing zudem zeitgleich die Jagd auf Frauen und Mädchen an. Nach den Vergewaltigungen an jungen Mädchen und Frauen, ertränkte man sie zu Tausenden in den Flüssen des Euphrats.
Tausende Frauen stürzten sich freiwillig von hohen Klippen in den Fluss Munzur und den Tal Lac, um der Barbarei und der Vergewaltigungslust türkischer Soldaten zu entkommen. Augenzeug*innen berichten heute noch davon, dass am Tal Lac so viel Blut in den Munzur-Fluss floss, dass dieser tagelang blutgetränkt war.
Systematisch und exemplarisch wurde der Plan des Dersîm-Massakers vorbereitet und nach dem Befehl Mustafa Kemals durchgeführt. Der Befehl war, „in Dersîm
kein einziges Lebewesen am Leben zu lassen“.
Seyîd Riza, bis heute die
legendäre Leitfigur des Dersîm-Widerstandes und Initiator zahlreicher Aufstände gegen den türkischen Faschismus, wurde zudem auf Befehl von Mustafa Kemal mit weiteren seiner Genossen entführt und hingerichtet.

Schon vor der Gründung der türkischen Republik im Jahre 1923 war die Stadt Dersîm
eines der Hauptsiedlungsgebiete der kurdischen Alevit*innen, galt als aufständisch und reich an alevitischer Kultur und Tradition und rückte somit besonders in das Visier der Jungtürken.
Bis heute sind die Alevit*innen in der Türkei und in Nordkurdistan eine von der türkischen Regierung verfolgte kulturelle Minderheit und gelten in der Türkei aufgrund ihrer Zugehörigkeit als verfolgt und bedroht. Da die Existenz der Alevit*innen jedoch bis heute verleugnet wird, erkennt der Staat weder alevitische Vereinshäuser noch Gelehrte an und ist vielschichtig darum bemüht, sie weiterhin einer Zwangsislamisierung und Assimilierung zu unterziehen.
Nicht selten werden zudem auch heute noch Hausfassaden von Alevit*innen in den nordkurdischen Städten Malatya (Meletî) und Maraş (Gurgum) mit roten Kreuzen versehen, die Anlass zu Angriffen und Jagden auf die Anwohner*innen sind.

Eine Krönung für ein Massaker:
Sabiha Gökçen, die Adoptivtochter Mustafa Kemals wurde beim Dêrsim-Massaker als Bombenpilotin gegen die alevitischen Kurd*innen eingesetzt und anschließend dafür ausgezeichnet. Im Jahre 2001 eröffnete in Istanbul später der Flughafen-Sabiha Gökçen und ist heute der zweitgrößte Flughafen der Türkei.

Verschwiegen und nie vergolten: Deutschlands Beihilfe zum Genozid

Deutschland pflegte in den 1930er Jahre enge Beziehungen zur faschistischen kemalistischen Türkei und leistete entscheidende Beihilfe am Dêrsim-Massaker.
Denn heute belegen Dokumente und Beweise aus dem türkischen Staatsarchiv, dass die von Türkei in Dêrsim eingesetzten Chemiewaffen aus Deutschland stammten.
Heute erkennt die Bundesregierung das Leid der Opfer und Angehörigen an, sieht sich jedoch keinesfalls in der Schuld.
Diese Ereignisse lassen erschreckende Parallelen zur heutigen Zeit ziehen, in der die BRD der Türkei weiterhin als treuer Kriegspartner dient, Waffenabkommen in Millionen Höhe genehmigt und politische Beihilfe beim Krieg gegen Kurd*innen leistet.

In Folge des Dêrsim-Massakers flohen tausende Menschen in den Westen der Türkei, wo sie anschließend einer blutigen Assimilierung unterzogen wurden.
Weitere Tausende flüchteten nach Efrîn (Rojava, Nordsyrien). Efrîn zeichnet dabei sowohl einen bekannten Zufluchtsort als auch eine der berühmtesten Regionen der kurdischen Rebellion gegen die türkisch-faschistische Republik von Mustafa Kemal und heute Erdogan. Heute wird die Region von der türkischen Armee und ihrer dschihadistischen Verbündeten belagert. Doch weiterhin führen die YPG, YPJ und SDF den Befreiungskampf um Efrîn fort, wo das türkische Militär derzeit noch sein Unwesen treibt.

Genozid im Schatten des Krieges:
Das Dêrsim-Massaker fand zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges statt, weshalb es der Türkei gelang, ihr Verbrechen an den kurdischen Alevit*innen in Dêrsim am Rande der Öffentlichkeit zu begehen.
Möglich war dieses Verbrechen der Türkei zudem folglich nur durch das Schweigen anderer Regierungen.
Und dieses Schweigen zieht sich bis zur heutigen Gegenwart, wo die Türkei weiterhin die Staatsideologie von „einem Staat, einer Nation, einer Sprache“ in der Türkei umsetzt und Hand in Hand mit dschihadistischen Milizen in Bakur (Nordkurdistan), Rojava (Westkurdistan) und Başur (Südkurdistan) eindringt.
Was Mustafa Kemal damals mit den alevitischen Kurd*innen in Dêrsim und in ganz Nordkurdistan tat, fährt Erdogan nun in zahlreichen anderen kurdischen Städten fort. Indem dutzende kurdische Städte dem Erdboden gleichmacht, eine gesamte Bevölkerung verfolgt, tausende Menschen massakriert, inhaftiert, vertrieben und zwangsassimiliert werden, wird das faschistische Erbe des Massenmörders Mustafa Kemal fortgesetzt.
Den Vernichtungsversuchen der Türkei stehen heute seit vier Jahrzehnten jedoch die kurdische Freiheitsbewegung entgegen. In allen Regionen Kurdistans wird der Kampf gegen den türkischen Staatsterror und seiner Verbündeten in jeder Form fortgesetzt.
Tausende Frauen und Männer in den Reihen der kurdischen Freiheitsbewegung stehen Erdogans Besatzerarmee, der kapitalistischen Weltordnung und dem sogenannten Islamischen Staat entschlossen gegenüber und zeichnen historische Erfolge.

Die Massaker des türkischen Staates an der alevitisch-kurdischen Bevölkerung von Dêrsim in den Jahren 1937/38 sind für Menschen aus dieser Region bis heute eine prägende und traumatisierende Erfahrung. Zum historischen Geschehen äußert sich die Türkei bis heute nicht und leugnet das Massaker in Dêrsim.

Dêrsim ist heute nicht nur ein Ort des Leids und der Assimilierung, sondern zeitgleich auch des Widerstands, der Kultur und der Hoffnung auf einen demokratischen Mittleren Osten.
Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen für die Historik von Dêrsim ist es heute, die Verbrechen aufzuarbeiten, damit sich die Geschichte nicht wiederholen kann.
Die Vernichtungsversuche der Türkei sind allgegenwärtig und erfordern besonders in Europa Handlung und Verantwortung.
Es müssen zudem Möglichkeiten und geschaffene Alternativen zur Weiterbildung wahrgenommen und zugänglich gemacht werden. Es ist positioniertes und konsequentes Handeln erforderlich und dafür ist ein Zusammenschluss aller solidarischen und demokratischen Kräfte notwendig, welcher bei der Wurzel des Problems ansetzt und ein Kollektiv gegen jegliche menschenverachtenden und antidemokratischen Ideologien bildet.
Daher sehen wir es als die Pflicht eines jeden demokratisch und fortschrittlich denkenden Menschen, die Stimme gegen jedes Menschheitsverbrechen zu erheben und sich zur Prävention und Legitimierung solcher Verbrechen, entschlossen gegen jede Art von Faschismus, Sexismus, Unterdrückung, Diskriminierung und Ausbeutung zu organisieren. Keines der Verbrechen ist je vergeben – und keines vergessen!

Als JXK sagen wir:
Die Schreie, die von den Klippen Dêrsims in die Wolken stiegen, sind immer noch zu hören!

Mit Sehnsucht und Entschlossenheit gedenken wir den Opfern des Dêrsim-Massakers.
Dêrsim 1937/38 – Em ji bîr nakin!