Stellungnahme: Solidarität mit den Studierenden in der Türkei

Seit mehreren Tagen erhöhen sich die Meldungen von protestierenden Studierenden in der Türkei und in Kurdistan gegen studentische Armut und Obdachlosigkeit. In mehreren Städten führen sie Mahnwachen in öffentlichen Räumen wie Parks oder Parteibüros durch. Angriffe und Verhaftungen durch die Polizei lassen nicht auf sich warten. 

Sie kritisieren vor allem, dass der türkische Staat diese Armut aktiv produziere, um eine freie und demokratische Bildung zu verhindern. Die staatlichen Zuschüsse und Stipendien für Studierende seien so gering, dass viele Studierende trotz Nebenjobs in Prekarität leben müssen. Die Situation in den staatlichen Studierendenwohnheimen und Wohnungen, die Studierenden vermietet werden, entspricht keinem Standard. Die Wohnheime bieten oft ungenießbares Essen an, die Sanitär-, Heiz- und Beleuchtungsanlagen sind defekt. Die Wohnungen sind meist unbewohnbar, besonders weil es zum Beispiel feuchte Keller oder schlicht Bruchbuden sind. Aus diesen Gründen landen Studierende in der Obdachlosigkeit oder in Heimen von religiösen Orden, wo sie einer ideologisch-religiösen Indoktrination ausgesetzt werden. Darin erkennen wir eine Methode des türkischen Staates, die kolonialistische und neoliberale Politik auf die Studierendenschaft  auszuweiten. Für den AKP/MHP-Faschismus reicht der Einsatz von Zwangsverwalter-Direktoren wie an der Boğaziçi-Universität nicht aus. Er zielt darauf, die gesamte freie und demokratische Akademie auszuschalten, deren Basis und Zukunft die studierende Jugend ist. Auf diesem Weg soll den Unterdrückten, den Frauen, der Jugend, den Kurd*innen, und den Arbeiter*innen das freie Bewusstsein genommen werden. Dass sich diese Studierenden, unsere Kommiliton*innen, dagegen wehren, nach Lösungen suchen und mit der Gesellschaft zusammenkämpfen, begrüßen und unterstützen wir. 

Auch wenn die Situation in der Türkei und in Europa unterschiedlich ist, sehen wir trotzdem, dass sich gewisse Muster des Systems hier wie dort wiederholen. Es handelt sich hierbei um die Neoliberalisierung der Hochschule. Während in der Türkei dieser Prozess mit einer offenen Faschisierung der Hochschule einhergeht, steht hier ihre Ökonomisierung und Hierarchisierung im Fokus. Das alte Ideal der Universität, in dem der Gelehrte frei und neugierig forscht und lehrt, ist nicht mehr. Aber auch die von der Jugendrevolution von 1968 durchgesetzte demokratische Hochschule wird massiv angegriffen. Übrig bleibt eine Maschinerie, die Jugendliche zu mittelmäßigen Fachangestellten ausbilden soll. Prekarität ist der Motor, liberale Propaganda das Schmieröl dieser Maschinerie. Erst nimmt man der Jugend ihre Lebensgrundlage und Perspektive, dann integriert man sie mit Leichtigkeit in die Staats- und Wirtschaftsbürokratie. Das ist die Rechnung der Staaten. Als Jugend und Studierende, ob in der Türkei oder hier in Europa, akzeptieren wir das jedoch nicht. Unsere Gesellschaft und unsere Geschichte zog uns mit freiheitlichen Werten und Prinzipien groß. Die umfassenden Analysen von Serok APO (Abdullah Öcalan) helfen uns dabei, ein Bewusstsein zu erlangen. Im Gegensatz zu den Bürokraten, Kapitalisten und Zwangsverwalter-Direktoren haben wir ein Gewissen. Wir können nicht zusehen, wenn unsere Kommiliton*innen auf der Straße schlafen müssen. Das ist ein Verbrechen! Wir werden auch all die anderen Verbrechen der Staaten nicht vergessen. Daher möchten wir ein weiteres Mal unsere Solidarität mit den Studierenden und Akademiker*innen in der Türkei erklären und verurteilen jeden Angriff auf sie. Gemeinsam und organisiert wird der Widerstand erfolgreich sein.

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