Geschichte Kurdistans

1900 – Das Zweite Stadium der Kurdischen Nationalbewegung

Um die Jahrhundertwende entwickelte sich die erste kurdische Intelligenz. Teilweise in Istanbul und teilweise in Europa studierte KurdInnen aristokratischer Familien waren Träger eines neuen modernen kurdischen Nationalgedanken. Beeinflusst von den Ideen der bürgerlichen Revolution gründeten sie erste kurdische Organisationen, Vereine, Zeitschriften und Zeitungen, dabei arbeiteten sie vor allem von Istanbul und Kairo aus.

1897
Das „Erste Kurdische Nationalkomitee“ wurde in Istanbul von gegründet.

1898
Die erste kurdische Zeitung „Kurdistan“ wurde in Kairo von Mithat Bedirxan in kurdisch und osmanischer Sprache herausgegeben. Schnelles Verbot der Verbreitung dieser Zeitung im Osmanischen Reich.

Ab 1903
Der Bau der Bagdadbahn begann. Es handelte sich um eine 1.600 Kilometer lange (einschl. der Nebenstrecken 3205 km) Bahnstrecke, die zwischen den Jahren 1903 bis 1940 von Istanbul nach Bagdad gebaut wurde. Die Bagdadbahn war eine ingenieurtechnische Meisterleistung jener Zeit und gehörte zu den aufwändigsten Infrastrukturprojekten des deutschen Finanzimperialismus. Damit vergrößerte Deutschland seinen Einfluss im Osmanischen Reich gegenüber Großbritannien und Frankreich.
1914 waren erst 1.094 Kilometer fertig gestellt. Die Lücken wurden mit Feldbahnen überbrückt. Ab Oktober 1915 diente die Bahn mit deutscher Unterstützung auch als Transportmittel für die systematische Deportation der Armenier aus ihren Siedlungsgebieten in Richtung der Syrischen Wüste. Auch bei der Zerschlagung des kurdischen Shex Said Aufstandes 1925 förderte sie mit Zustimmung der französischen Kolonialmacht in Syrien türkischen Truppen in den Süden Merdîn’s, von wo aus die Aufständischen ernsthafte getroffen wurden.
1918 war die Strecke zwischen Istanbul und Nisebin und zwischen Bagdad und Samarra auf einer Länge von etwa 2.000 Kilometern fertig gestellt.

1905-1906
In Persien wurde die erste Verfassung verabschiedet, nach dem zuvor die Verfassungsgebende Versammlung 1899 durch die Opposition infolge einer „Revolution“ durchgesetzt wurde. Städtische KurdInnen waren dafür und die ländlichen KurdInnen dagegen. Die Schwäche des Staates führte dazu, dass die gesamte Wirtschaft und damit die Politik unter russischer und britischer Kontrolle stehen.

1908
Die Jungtürkische Revolution fand im Osmanischen Reich statt. Die Jungtürken erzwangen die Wiederinkraftsetzung der seit 1878 suspendierten Verfassung von 1876 und setzten den nur widerwillig kooperierenden Sultan 1909 schließlich ab, nachdem er einen erfolglosen konservativen Gegen-Putsch unterstützt hatte. Abdülhamids Bruder und Nachfolger Mehmed V. (1909-1918) wurde daraufhin zum machtlosen Werkzeug der jungtürkischen Regierung. Träger der Jungtürken-Bewegung waren modernistische Teile der gebildeten Eliten.
Ziel war die Stärkung des außenpolitisch geschwächten und innenpolitisch vom Zerfall bedrohten Reiches durch systematische politische, militärische und wirtschaftliche Modernisierung. Am Anfang wurde auch mehr Gleichberechtigung für alle ethnischen und religiösen Kulturen versprochen. So wurde anvisiert, eine parlamentarisch-konstitutionelle Regierung im Osmanischen Reich einzurichten, die auch die Mitbestimmungs- oder Autonomiebestrebungen christlicher und nichttürkischer islamischer Minderheiten im Vielvölkerstaat der Osmanen einzubinden versuchte.
Daraufhin traten aus dem Untergrund zahlreiche kurdische Vereinigungen mit klaren politischen Programmen hervor; im Istanbuler Exil wurden daraufhin Organisationen gegründet. Einige KurdInnen und sogar armenische Organisationen nähern sich zunächst den Jungtürken. Doch viele kurdische konservative Stammesführer blieben hingegen dem Sultan und dem gemeinsamen islamischen Banner verpflichtet.
1908-1910
Die „Gesellschaft für das Wiedererstehen und Fortschritt Kurdistans“ wurde von kurdischen Lehrern, Künstlern und Studierenden gegründet; diese gab eine kulturelle Zeitung heraus.
Ein Komitee kurdischer Intellektueller in Istanbul gründete die erste kurdische Schule.
In kurdischen Städten entstehen die sogenannten Kürt Kulüpleri (kurdischen Clubs), die sich aus Intellektuellen und jungen Aktivisten zusammensetzen. Zentren dieser halbmilitärischen Organisationen sind: Amed, Mush, Erzirom (Erzurum), Bitlis und Mossul.
Kurdische Studierende gründen 1910 den ersten studentischen Verein namens „Hevi“. Mitbegründer ist der aus Wan stammende Memduh Selîm.
Die junge Nationalbewegung war heterogen zusammengesetzt, so dass bei Streitigkeiten Spaltungen (nach den drei einflussreichsten Stämmen Bedirxan, Nehri, Ubeydullah) hervortreten. Die Fraktionen wurden in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg noch zahlreicher und kleiner.

Ab 1909
Trotz diesen Entwicklungen, die in der Praxis der osmanischen Politik Widerhall fand, kam es seitens der KurdInnen zu mehreren Aufständen, die aber nicht mit denen des 19. Jh. vergleichbar sind.
– 1908 Dersim Aufstand unter Seyit Riza
– 1909 Mossul Aufstand
– 1908 Aufstand kurdischer Bauern in Silemani
– 1910 Barzan Aufstand führt zur vorübergehenden Teilbefreiung Süd-Kurdistans
– 1910 Bitlis Aufstand

1912
Gründung des Vereins „Freunde Kurdistans“, der bedeutendste unter den KurdInnen. Aus ihr stand später die Partei Mucjedad (Partei der Erneuerung) in der türkischen Nationalversammlung, dessen Ziel primär die Thematisierung der kurdischen Frage war. Sie stand u.a. für Laizismus, mehr Gleichstellung von Mann und Frau, Lateinisierung des Alphabets.

1912/1913
Die Balkankriege wurden mit Beteiligung der kurdischen Milizen (aus der Hamidiye Reiterei) durchgeführt. Diese Kriege verursachen auch muslimische Flüchtlingsströme Richtung Anatolien.

1913
Die „Heviya Kurd“ (Kurdische Hoffnung) gab die Zeitung „Roja Kurd“ (Kurdischer Tag) heraus, die später in „Hetewa Kurd“ umbenannt wurde. Ihre Ziele waren die „Reformierung des kurdischen Alphabets, die Erziehung des kurdischen Volkes und die Propagierung des kurdischen Nationalismus“.

Januar 1913
Mit der zweiten jungtürkischen Machtübernahme der Jungtürken im Januar 1913 entwickelte sich ein Bündnis zwischen radikalen Intellektuellen (Ziya Gökalp, Nazim) mit zivilen Bürokraten (Talat Pascha) und den letztlich entscheidenden Offizieren (Enver Pascha, Cemal Pascha). Der demokratisch-parlamentarische Versuch von 1908 zur Reformierung des Reiches wurde endgültig aufgehoben.
Ab jetzt stiegen Personen von „ganz unten“ in die höchsten Positionen auf, so Talat Pasche 1917 zum Großwesir, womit eine Radikalisierung des türkischen Nationalismus ganz offen zutage trat, während vorher Personen aus der alten Elite im Vordergrund waren. Das Triumvirat von Enver, Talat und Cemal Pascha regierte das ganze Reich diktatorisch bis 1918.
In diesen Jahren wurden gute Kontakte zu deutschen demokratischen Intellektuellen (auch aus der Sozialdemokratie) aufgebaut. Diese waren mit einer der Ursachen für die starken wirtschaftlichen Verbindungen zwischen der BRD und der Türkei nach 1945, die mittelbar auch Grund für die Einwanderung von mittlerweile zwei Millionen Menschen nach Deutschland seit den sechziger Jahren waren. Eine weitere enge Verbindung entwickelte sich nach 1908 und namentlich von 1913 bis 1918 zwischen den jungtürkischen Offizieren der osmanischen Armee und ihren verstärkt ins Land geholten deutschen Militärberatern unter dem jungtürkischen Kriegsminister Enver Pascha.