Geschichte Kurdistans

Der 1. Weltkrieg und die zweite Teilung Kurdistans

02.08.1914
Geheimes deutsch-türkisches Bündnis kurz nach Weltkriegsbeginn: Zum Preise der Kriegsbeteiligung erhielt das osmanische Regime die Gelegenheit, seine volle Souveränität zu erklären und somit armenische Reformen, Kapitulationen und Schuldenwirtschaft zu annullieren.

14.11.1914
Beginn des 1. Weltkrieges. Das Osmanische Reich nahm an der Seite von Deutschland gegen Russland, Großbritannien und Frankreich am Krieg teil. Die osmanischen Truppen griffen noch im gleichen Jahr Russland an.
Kurdische Unabhängigkeitsbestrebungen auf politischer Bühne daher werden abgebrochen. Der Iran erklärte sich neutral, wurde aber dennoch Kriegsschauplatz.

1914-1918
Das Osmanische Reich erklärt nicht den äußeren Feinden den Krieg, sondern in besonderer Härte auch den inneren Feinden. In den Kriegsjahren geht der Staat gegen die religiösen und ethnischen Minderheiten vor und massakriert sie eine nach der anderen. Als Vorwand dienen schwere militärische Verluste am Anfang des Krieges, z.B. die berühmte verlustreiche Schlacht im Winter 1914/1915 bei Sarikamish zwischen Erzurum und Kars gegen russische Truppen. Bei dieser gescheiterten Kaukasus Offensive der Osmanen starben 90.000 osmanische Soldaten (vor allem KurdInnen).
Das erste Opfer der pantürkischen Ideologie wurde das Volk der Pontus in der mittleren Schwarzmeerregion in Nord-Anatolien. Bis zu 200.000 Pontus-Griechen wurden im 1. Weltkrieg kaltblütig dahingemetzelt. Die verbleibenden Griechen wurden 1922 im Zuge des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustau-sches nach Griechenland deportiert.
Das Kriegsregime betrieb ab Februar 1915 eine pauschale propagandistische Verunglimpfung der Armenier als Verräter und Verschwörer bei den Verlusten gegen die russische Armee. Die armenischen Soldaten in der osmanischen Armee wurden entwaffnet.
Bei Massakern an den Armeniern ab 1915 wurden bis zu 1,5 Millionen Menschen systematisch und auf die brutalste Art und Weise ermordet. Zunächst wurden die armenischen Intellektuellen in den Großstädten und Istanbul festgenommen und oft gleich ermordet. In einer breiten Aktion wurden fast alle Armenier innerhalb des Osmanischen Herrschaftsgebietes in ihren Orten überfallen; dabei wurden die führenden Köpfe umgebracht oder festgenommen. Die breite Masse der Armenier kam durch die von Mordaktionen begleiteten Deportationen in die syrische Wüste durch ums Leben. Die seit Wochen inhaftierten armenischen Soldaten in der osmanischen Armee wurden auch Opfer in diesem Massaker. 800.000 Armenier können diesem Genozid gerade noch ins russische Herrschaftsgebiet entfliehen. In der Vorkriegszeit wurden schon bis zu 200.000 bis 300.000 Armenier bei verschiedenen Massakern ermordet. Die Ausführung des Massakers lässt annehmen, dass es schon im Voraus geplant war. An den Massakern waren auch die restliche Strukturen der Hamidiye-Reiterei und viele sunnitische kurdische Stämme beteiligt. Die alewitischen KurdInnen nahmen daran nicht teil, die Dersim-KurdInnen boten sogar vielen Armeniern Zuflucht. Hingegen wurden die 80.000 armenischen Einwohner Istanbuls – vermutlich mit Rücksicht auf die dort besonders präsente internationale Diplomatie – nicht deportiert.
Dieser bis dahin größter Genozid wird bis heute von der Türkei geleugnet. Die verbündeten Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn verfolgten damals insgesamt eine leisetreterische Duldungspolitik und schwiegen, um die jungtürkischen Verbündeten nicht zu verlieren.
Gleichzeitig mit dem Genozid an den Armeniers wurden auch zehntausende christliche Assyrer, vor allem in Nord-Kurdistan, kaltblütig ermordet.
Das Morden beschränkte sich jedoch – anders als in vielen Darstellungen – nicht auf die zweifellos schlimmsten Jahre 1915/16. Auch in den syrischen Internierungslagern starben später noch zahlreiche Deportierte. In Nord-Kurdistan, Nordostanatolien, Armenien und Aserbaidschan führten wechselnde Kriegserfolge der Osmanen und der Russen zwischen 1915 und 1918 zu weiteren Massakern.
Diese Kriegszeit nutzte das Osmanische Reich auch dafür aus, mehrere hunderttausend KurdInnen, besonders aus den west-kurdischen Regionen wie Marash, umzusiedeln. Sie sollten auf ganz Anatolien verstreut „im Türkentum aufgehen“. Schlechte Organisation führt bei vielen zum Hunger-, Kälte- oder Seuchentod.
Diese Deportationen und Massaker sind Teil eines gigantischen wahnsinnigen Plans der ethnischen Umgestaltung Anatoliens, West-Armenies und Nord-Kurdistans, um die Basis zu einem ethnotürkischen Nationalstaat zu legen.

1915
Bei der erfolgreichen Verteidigung von Gallipoli und der Dardanellen (Meerenge von der Ägäis zum Marmarameer) gegen die britische Armee trat der osmanische Kommandeur Mustafa Kemal (später auch Atatürk genannt) in den Vordergrund. Mustafa Kemal blieb aber immer im Schatten von Enver Pascha, der ihn politisch kalt zu stellen beabsichtigte. Während Mustafa die Verteidigung Anatoliens in den Vordergrund stellte, wollte Enver den Machtbereich bis nach Mittelasien ausweiten. Außerdem stand Enver Pasche Deutschland sehr nahe, was Mustafa Kemal nicht gefiel.

1916
Die Alliierten schlossen geheime Verträge (Sykes-Picot-Abkommen) über die Aufteilung des Osmanischen Reiches und Kurdistans. Danach soll der größte Teil des osmanischen Kurdistans dem zaristischen Russland zufallen, was jedoch nach der Oktoberrevolution aufgekündigt wird.

Nov. 1917
Die in Russland an die Macht gekommenen Bolschewisten unter Lenin befahlen den Rückzug aus den besetzten osmanischen Gebieten, die sich bis Erzingan, Erzirom und Wan erstreckten.

8.1.1918
US-Präsident Wilson fordert in seinen 14 Punkteplänen die Alliierten auf, auch den KurdInnen die Möglichkeit der Unabhängigkeit einzuräumen.

28.05.1918
Es erfolgte die Gründung der unabhängigen Republik Armenien mit Zentrum Eriwan. Dem unpopulären osmanischen Kriegsregime gelang es, viele KurdInnen damit wieder vermehrt für sich zu mobilisieren, indem es auf das Schreckgespenst eines möglichen grossarmenischen Staates hinwies, der einen Teil des kurdischen Siedlungsgebietes umfassen würde.

30.10.1918
Das Osmanische Reich kapitulierte bedingungslos im Waffenstillstandsabkommen von Mudros und soll auf einen türkischen Reststaat reduziert werden. Das Gebiet des heutigen Irak – darunter Süd-Kurdistan – wurde von britischen Truppen und das heutige Syrien – darunter Südwest-Kurdistan – von französischen Truppen besetzt.
Izmir (Smyrna), Teile der Ägäis und Ostthrakien wurde in den kommenden Monaten von griechischen Militärs eingenommen. Ganz Anatolien und Nord-Kurdistan befanden sich in einem „Machtvakuum“. Zugleich kann diese Zeit als die bisher „demokratischste“ in der Türkei bezeichnet werden. Denn es gründeten sich überall Komitees und lokale militärische Verteidigungseinheiten, die das Leben und die Gesellschaft organisierten, wobei sie sich auf die Bevölkerung und nicht auf feudale Herrscher stützten.
In Istanbul werden die radikalen von gemäßigten Jungtürken gestürzt, diese dann wiederum von denjenigen Liberalen, die bis 1913 an der Macht waren. Diese wurden dann von englischen Besatzern vor Gericht gestellt.

1918-1920
Etablierung der „Aufschwungsvereinigung Kurdistans“ im Dezember 1918. Ziel war die Vertretung der Rechte der KurdInnen im Allgemeinen. Die Vereinigung wurde in Istanbul durch reiche kurdische Familien, einige Intellektuelle und Beamten gegründet. Die Mitglieder setzten sich hauptsächlich aus Mitgliedern früherer kurdischer Organisationen wie den „Kürd Teavün ve Terrakki Cemiyeti“ und der „Civata Talebeyi Kurdan – Hevi“ zusammen. Die Aufschwungsvereinigung fand unter den Kurden Istanbuls schnell eine breite Unterstützung. Bald darauf wurden auch in den östlichen Provinzen Zweigstellen, die so genannten Kurdische Clubs, eröffnet. Seyyit Abdülkadir war sowohl Vorsitzender der Vereinigung als auch Mitglied des Osmanischen Senats und Präsident des Osmanischen Staatsrates. 1920 spaltet sich diese Gesellschaft. 1921 wird sie vom türkischen Parlament verboten.
1918-1919
Die wöchentliche Zeitschrift „Jin“ („Leben“) wurde u.a. von Memduh Selîm im Auftrag der Aufschwungsvereinigung Kurdistans in Istanbul ab dem 7.11.1918 herausgegeben. Es ist das wichtigste Sprachrohr der Vereinigung.

1918-1922
Im Jahre 1918 begann der Simko-Aufstand in Ost-Kurdistan, der bis 1922 andauerte. Simko ist ein kurdischer Stammesführer aus der Region um den Urmia See. Simko hatte Kontakte zu anderen politischen KurdInnen wie Abdurrazaq Bedirxan.
Im Sommer 1918 hatte Simko das Gebiet westlich des Urmiasees unter seine Kontrolle gebracht. Ab 1919 konnte er mit seiner Armee mehrere Städte der Umgebung erobern. Urmia wurde sein Hauptquartier, wo einer seiner Verwandten als Gouverneur eingesetzt wurde. Später fielen die Städte Mahabad, Xoy, Miandoab, Maku und Piranshahr in einer Reihe von Kämpfen unter die Herrschaft Simkos. 1921 eroberte Simko die Stadt Maragha und ermunterte die Loris ebenfalls zum Aufstand gegen den Schah. Da die Vorteile auf Simkos Seite waren, wollte sich die Regierung in Teheran mit dem Angebot einer begrenzten kurdischen Autonomie mit Simko einigen. Simko eroberte 1922 noch die Städte Baneh und Sardasht. Damit hatte er fast ganz Ost-Kurdistan kontrolliert.
Simko wollte auch die kurdische Kultur verbreiten und eröffnete so in Khoy eine kurdische Schule. Außerdem brachte er schon ab 1912 mit Abdulrazzaq Bedirxan, der 1918 durch die türkische Regierung hingerichtet wurde, ein monatliches Magazin namens Kurdistan raus. Kulturelle Aktivitäten wurden vornehmlich von der Organisation Gîhandanî (Zur Hilfe eilen), die 1912 in Khoy gegründet wurde, veranstaltet. Von 1919 bis 1922 erschien auch die Zeitung Roja Kurd, das offizielle Organ der Regierung in Urmia. Herausgeber war Muhammad Turjanizade.
Simkos Vorherrschaft in der Region wurde 1922 von der iranischen Armee bei der Stadt Salamas gebrochen. Nach dieser Niederlage konnte die Armee sogar den Familiensitz Chari erobern. Simko selber flüchtete mit tausenden seiner Kämpfer in den Irak, wo sie allerdings ihre Waffen niederlegen mussten. Als er 1930 zu eingeladenen Gesprächen mit dem iranischen Staat ging, wurde er in einem Hinterhalt getötet.

April 1919
Aufstand unter Scheich Mahmud Berzenci in der Region um Silemani gegen das englische Mandat. Berzenci stammte aus einer Sufi-Familie der Qadiriyya, deren Scheich er später wurde.
Als der Irak nach dem ersten Weltkrieg zu einem Mandat Großbritanniens wurde, suchten die Briten ein geeignetes Mittel, um den kurdischen Norden zu regieren. In Anlehnung an die Stammesregierung in den Stammesgebieten unter Bundesverwaltung im heutigen Pakistan, das damals zu Britisch-Indien gehörte, bestimmten die Briten 1918 Berzenci als Gouverneur über die KurdInnen in Silemani. Allerdings war die Bestimmung von Berzenci nicht im Sinne einiger KurdInnen, da die Rivalität zwischen Stämmen und Orden groß war. Da Berzenci Rückendeckung durch die Briten hatte, konnte er seinen Einfluss über die KurdInnen vergrößern. Allerdings begann er seine Stellung im Sinne der kurdischen Freiheitsbestrebungen zu nutzen, was ihn in Konflikt mit den Briten brachte. Er ernannte sich selber zum Herrscher von ganz Kurdistan. Im Mai 1919 konnte er sogar die Briten aus Silemani vertreiben. Unter den Anhängern Berzencis gab es viele KurdInnen aus dem Iran, darunter auch der später berühmte Mustafa Barzani. Die Briten setzten bei der Niederschlagung des Aufstandes im Juni auch die Royal Airforce ein. Berzenci wurde verraten und ausgeliefert, vor ein britisches Gericht gestellt, zu Tode verurteilt, dann begnadigt und nach Indien verbannt.

15. Mai 1919
Am 15. Mai 1919, unmittelbar vor Mustafa Kemals Einschiffung nach Samsun, hatte die von der britischen Regierung unterstützte griechische Invasion in Smyrna, heute Izmir, begonnen, die dann in eine östliche Expansionsbewegung griechischer Truppen überging und von der Regierung in Konstantinopel nicht verhindert werden konnte.

Mai 1919
Der letzte Sultan Mehmed IV. sendete Mustafa Kemal (später „Atatürk“ genannt) als Generalinspekteur in die östliche Schwarzmeerregion (Samsun) und nach Kurdistan mit dem Auftrag der Bekämpfung griechischer Milizen im Hinterland von Samsun (griechisches Siedlungsgebiet, Pontus genannt) und zur Demobilisierung der IX. Armee in Kurdistan. Doch er entmachtete nicht, wie von den Alliierten gefordert, die dortigen osmanischen Truppen. Vielmehr begann er mit den zwei türkischen Heerführern Kazim Karabekir, Ali Fuad und mit ihren bereitstehenden Truppen einen Widerstand gegen die Besatzungsmächte zu organisieren.
Er schaffte es, die KurdInnen mit Versprechungen auf seine Seite zu bringen. M. Kemal versicherte bei den Kongressen von Sîwas und Erzirom den KurdInnen, einen „zukünftigen Staat der Türken und Kurden zu gründen“, wenn sich die KurdInnen am Kampf gegen die gemeinsamen Feinde, die griechischen, französischen und armenischen Besatzungsmächte, beteiligen würden. Die KurdInnen beteiligten sich daraufhin sehr zahlreich an den Kämpfen in den folgenden drei Jahren. Diese Unterstützung durch die KurdInnen ist sehr entscheidend für die Erfolge in diesen Jahren gegen die griechischen und anderen Armeen. Nach der Schlacht von Malazgirt 1071 und von Çaldiran 1514 standen die KurdInnen zum Dritten Mal in der Geschichte entscheidend den TürkInnen in sehr kritischen Situationen bei.

23. April 1920
Die neue Unabhängigkeitsbewegung brachte schnell Nord-Kurdistan, die Schwarzmeerregion und Mittelanatolien unter Kontrolle. Es erfolgte im April 1920 die Gründung der türkischen Nationalversammlung in Ankara, die Mustafa Kemal zu ihrem Vorsitzenden machte und eine gegen den Sultan und die Alliierten gerichtete Gegenregierung installierte. Seit der Jahreswende 1919/20 nahm diese ihren Sitz in Ankara, das nun nach und nach zur neuen türkischen Hauptstadt ausgebaut wurde. Diese Regierung schaffte es im Laufe der Zeit regionale Widerstände in die ihrige durch verschiedene geschickte Maßnahmen „einzugliedern“.

10.08.1920
Vertrag von Sêvres zwischen dem Sultan und den Alliierten: Die kurdische Frage wurde in den Artikeln 62-64 behandelt, wonach ein autonomes Kurdistan – das allerdings nur ein Viertel des ganzen Kurdistan ausmacht – vorgesehen wurde. Eine internationale Kommission sollte vor Ort prüfen, ob die kurdische Bevölkerung diese Möglichkeit “annehmen” würde.
Weiterhin war ein armenischer Staat an der östlichen Schwarzmeerregion und im Ararat-Hochland um Erzurum, Kars und den Wan-See vorgesehen. Im Süden würde es ans geplante Kurdistan anschließen. Die Region ums Marmarameer und Istanbul sollte englische, die westliche Mittelmeerregion um Antalya italienische Besatzungszone und Smyrna (Izmir) mit Umgebung dem griechischen Staat einverleibt werden. Die in Ankara ansässige türkische Nationalversammlung lehnt den Sevres-Vertrag ab.
24.08.1920
Kemalisten und Bolschewisten einigten sich am 24. 8. 1920 in Moskau auf den Entwurf zu einem Freundschaftspakt.

23.09.1920
Die erste kemalistische Offensive führte gegen Armenien: bis im Dezember Eroberung des westlichen Teils des ehemaligen Russisch-Armeniens. Gleichzeitig fand eine Invasion der Roten Armee in dessen Ostteil statt (6.12.1920). Der kemalistisch-bolschewistische Freundschaftspakt vom 16. 3. 1921 anerkennte die türkischen Annexionen.

6.3.1921
Offener Aufstand der KurdInnen in Koçgiri (Region im Osten der Provinz Sîwas und im Westen der Provinz Erzingan; hat enge Beziehungen zu den KurdInnen in Dersim) gegen türkische Truppen. Die erste Phase begann eigentlich schon im Juli 1920 und wurde nach Bekannt werden des Friedensvertrages von Sevres intensiver. Einige Führer des Aufstandes wollten einen eigenen Staat entsprechend dem Sevres-Vertrag und andere waren weniger fordernd und wollten wiederum sich mit der türkischen Regierung in Ankara einigen. Ankara nahm die Forderungen der Rebellen nicht ernst und spielte auf Zeit. Andere kurdische Abgeordnete aus Ankara sollten die aufständischen Stämme dazu bewegen, den anti-republikanischen und von Dr. Nuri Dersimi (von der Aufschwungvereinigung Kurdistan), Alisher und Zarife gelenkten Aufstand zu beenden. Als die Verhandlungen scheiterten, verhängte am 10. März 1921 Ankara das Kriegsrecht. Die Kämpfe intensivierten sich, Ankara marschierte voran und brannte mehrere Dörfer nieder. Einige Anführer flohen nach Dersim, wo Seyit Riza sie beschützen konnte. Weitere Verhandlungen in Erzingan brachten nichts, weil Ankara sich daran nicht hielt und seine Stärke ausspielte. Der Aufstand wurde im Frühling 1921 endgültig niedergeschlagen.

August 1921
Mit einem die Griechen überraschenden Konzept flexibler Flächenverteidigung – statt eines starren Stellungskriegs – gelang es Mustafa Kemal am Sakarya-Fluss (bei Izmit und Adapazari) im August 1921 die Gegner erneut zurückzuschlagen. Die türkischen Truppen konzentrierten ihre Auseinandersetzungen vor allem gegen die griechischen Truppen und kaum gegen die britische Besatzungsmacht in Istanbul und den Meerengen.

1921-1923
Reza Chan, der spätere Reza Schah Pahlawi (ab 1925), führt einen Staatsstreich im Iran durch. Er wird zum Kriegsminister und somit praktisch zum Herrscher, der diktatorisch regiert. Als 1923 der Schah Ahmad-Mirza das Land verlässt wird Reza Chan zum Premierminister.

August 1922
Erst nach einem weiteren Jahr des Kräftesammelns gelang es Mustafa Kemal mit einem Überraschungsangriff bei Dumlupinar/Kütahya am 26. August 1922 seinen Triumph über die griechische Armee zu vollenden und die griechischen Truppen vernichtend in die Flucht zu schlagen. Der Vertrag von Sèvres war damit praktisch hinfällig.

01.11.1922
Abschaffung des Sultanats, jedoch noch nicht des Kalifats.

23.05.1923
Die „Kurdische Autonome Provinz“, auch Rotes Kurdistan (Kurdistana Sor) genannt, bildete sich in der sowjetischen Provinz Aserbaidschan an der Grenze zu Armenien (zwischen dem armenischen Berg-Karabach und dem armenischen Kernland). Die Region wurde am 23. Mai 1923 ausgerufen und die Hauptstadt war Laçin. Andere Städte waren Kelbecar, Kubatliski und Cebrail. Der erste Ministerpräsident war Gussi Gaciyev. Dieser Staat existierte bis 1929, als dann die Bewohner durch Stalin nach Mittelasien umgesiedelt wurden. Ein Versuch, sie 1991 wieder zu gründen, scheiterte am Zerfall der UdSSR. Der Krieg Anfang der 90er Jahre zwischen Armenien und Aserbaidschan vertrieb die meisten Kurden aus diesem Gebiet.

24.07.1923
Der Vertrag von Lausanne wurde unterzeichnet: Denn für die Alliierten hatte sich alles nicht so entwickelt wie im Vertrag von Sevres vorgesehen; sie wurden vor vollendeten Tatsachen gestellt, weshalb die Regierung von M. Kemal anerkennt wurde. Und dass keine KurdInnen in Lausanne dabei waren und die türkischen Vertreter (vor allem der zweite im neuen Staat Türkei wichtige Mann Ismet Inönü) angeblich auch im Namen der KurdInnen gesprochen haben, trug dazu bei, dass von kurdischer Autonomie nicht mehr die Rede ist. Nur religiöse Minderheiten wurden erwähnt und ihnen Rechte zugesprochen, in ihrer Religion praktizieren zu können. Zugleich folgte die vertragliche Aufteilung Kurdistans unter vier Staaten; der Türkei, dem Irak, Iran und Syrien. Somit wurde die 2. Teilung Kurdistans vollzogen.
In der Folge dieses Vertrages mussten eineinhalb Millionen Griechen Kleinasien verlassen und eine halbe Million Türken aus Griechenland in die Türkei umsiedeln.

29.10.1923
Die Türkische Republik unter Mustafa Kemal wurde ausgerufen. In der Anfangszeit wurden 75 KurdInnen ins Parlament einberufen. In den Reden wurde öfters von der Republik der TürkInnen und KurdInnen gesprochen.
Die neue türkische Republik nimmt sich den folgenden offiziellen kemalistischen Leitlinie an: Republikanismus im Sinne von Volkssouveränität, Nationalismus als Wendung gegen den Vielvölkerstaat des osmanischen Zuschnitts, Populismus als Ausdruck einer auf die Interessen des Volkes, nicht einer Klasse gerichteten Politik, Revolutionismus im Sinne einer stetigen Fortführung von Reformen, Laizismus und Etatismus mit partieller staatlicher Wirtschaftslenkung.

3. März 1924
Das Kalifat wurde vom türkischen Parlament abgeschafft. In der Folge wurden die Derwischklöster und die religiösen Gerichtshöfe geschlossen, Religionsschulen für Geistliche und Richter aufgelöst; die allgemeine Schulpflicht wurde eingeführt und alle Schulen einem Erziehungsministerium unterstellt. Der Bruch mit den jahrhundertealten Strukturen und Institutionen des Osmanischen Reiches blieb ein Wagnis, das Widerstand hervorrief. So gründete sich im November 1924 – noch mit Erlaubnis von Mustafa Kemal – die oppositionelle Fortschrittspartei durch wichtige Mitstreiter des türkischen Befreiungskampfes.
1923-1924
Nach der Ausrufung der Republik entwickelten sich die ersten Ansätze mit dem Ziel, die KurdInnen langsam aus dem politischen Leben zu verdrängen. So waren nach einigen Monaten die kurdischen Abgeordneten im neuen Parlament immer weniger willkommen. Der Nationalismus wurde nun mehr vorangetrieben. Noch führte dieses Verhalten nicht zu Repressionen in Kurdistan, doch langsam zu mehr Angespanntheit.

10. Oktober 1924
Auf Druck der KurdInnen und vor Angst einer türkischen Einflussnahme auf den Nordirak wurde Berzenci 1922 aus dem indischen Exil zurückgeholt. Berzenci nutze diese Gelegenheit aus und rief eigenmächtig am 10. Oktober 1922 das Königreich Kurdistan aus. Da die Briten militärisch nicht stark genug waren, duldeten sie Berzenci. 1924 wurde er dann endgültig von den Briten besiegt und all seiner Ämter enthoben. Mit ihm endete auch das Königreich Kurdistan. Am 9. Oktober 1956 starb Berzenci in Bagdad.

Januar 1925
Bei einer unter Kontrolle des Völkerbunds durchgeführten Volksabstimmung in Süd-Kurdistan (Irak) entschied sich die Mehrheit der KurdInnen gegen einen Anschluss an den Irak und für die Unabhängigkeit.

1925
Im Iran erfolgte am 31. Oktober 1925 die formelle Absetzung des letzten Qadscharen, Ahmad-Mirza Schah, durch das Parlament. Am 12. Dezember 1925 wurde Reza Chan durch das Parlament zum Schah ernannt. In diesem Jahr wurde auch ein staatliches Monopol auf Zucker und Tee, sowie Tabak- und Zündholz-Steuer eingeführt.