Geschichte Kurdistans

Kurdische Aufstände der 20er und 30er Jahre

Von 1920 bis 1940 fanden in Nord-, Süd- und Ost-Kurdistan gegen die jeweiligen Besatzerstaaten Türkei, Iran und Irak zahlreiche Aufstände statt, die jedoch alle fehlschlugen. Allein innerhalb der Republik Türkei rebellierten die KurdInnen 20 Mal. Die oben erwähnte feudale Führung, die bewusst vorangetriebene künstliche Spaltung unter der kurdischen Bevölkerung in Religionen und Stämme und die starken geostrategischen Interessen der imperialistischen und regionalen Mächte waren die Gründe fürs Scheitern. Kein Aufstand war von längerer Dauer und umfasst den gesamten Teil des jeweiligen Kurdistan. Es fehlte eine moderne Führung, welche das Stammesdenken und die religiöse Verschiedenheit überwand und die nationale Entwicklung vorantrieb. Die drei Staaten massakrierten in der Zeit von 1925 bis 1940 mehrere hunderttausende Menschen in Kurdistan. Doppelt soviele wurden deportiert.
Doch die Diskussionen darüber, unter welchen Umständen es zu den kurdischen Aufständen ab 1925 in Nord-Kurdistan kam und welche Folgen diese für die Entwicklung in der Türkei hatte, wird seit einigen Jahren vor allem von kurdischer Seite in einem neuen Rahmen geführt. Der erste und großflächigste Aufstand Shêx Saids gegen die neue Republik Türkei im Jahre 1925 hat hierbei einen besonderen Stellenwert. Die neue türkische Republik begann seit dem Lausanner Vertrag 1923 die KurdInnen aus dem politischen Leben langsam zurückzudrängen. Die gegebenen Versprechen wurden nicht eingehalten. Die Gründe für diese Entwicklung waren nicht nur in der Person von Mustafa Kemal und seinem Nationalismus zu suchen. Der türkische Staat geriet insgesamt immer mehr unter den Einfluss der alten jungtürkischen und somit stark nationalistischen Kader. Diese erhielten besondere Unterstützung vom britischen Imperialismus, die damit Mustafa Kemal und seine „relativ“ unabhängige Linie unter Kontrolle zu bringen versuchten. Dies trieb den Nationalismus noch mehr voran. Mustafa Kemal war nicht mehr der uneingeschränkte Herrscher wie zu Zeiten des Befreiungskrieges bis 1922. Er musste sich mit diesen stärker werdenden Kreisen, zu denen auch der erste Ministerpräsident Ismet Inönü zu zählen ist, die Macht teilen.
Die Unzufriedenheit der KurdInnen führte in Kurdistan immer mehr zu einer Anspannung. Sie begannen einerseits abzuwarten und andererseits sich auf einen eventuellen Aufstand unter dem bekanntesten Stammesführer Shêx Said vorzubereiten. Die Briten mischten sich ein und signalisierten den KurdInnen, dass sie Unterstützung bekommen würden. Sie schürten somit einen Aufstand. Auch den chauvinistischen Kreisen im türkischen Staat kam ein unvorbereiteter und erfolgloser Aufstand recht, um damit gegen die KurdInnen und andere oppositionelle Kreise in der Türkei vorzugehen. Shêx Said verlangte beim Aufstand neben nationalen Rechten für KurdInnen vor allem die Wiedereinsetzung des Kalifats und anderer islamischer Gesetze. In dieser angespannten Lage brach der Shêx Said Aufstand sozusagen zu früh aus. Nach der Niederschlagung wurde in der ganzen Türkei vehementer gegen Oppositionelle vorgegangen, auch die Fortschrittspartei wurde geschlossen. Damit wurden die ohnehin geringen demokratischen Verhältnisse ganz aufgehoben.
Als der Shêx Said Aufstand ausbrach, wandte sich die Türkei an die Briten und Franzosen um Unterstützung. So erhielt sie politische und logistische Unterstützung. Als Gegenleistung verzichtete die Türkei auf die Region um Mossul und Kerkuk mit seinen großen Ölreserven (einige Monate später wurde diese Region dem Irak zugesprochen). Zuvor hatte die junge Türkei diese Gebiete diese Gebiete beansprucht.

14.02.1925
Unter Shêx Said, einem Führer des Nakshibendi-Orden, begann in Nord-Kurdistan ein groß angelegter Aufstand. Er wurde jedoch durch eine nach wie vor „ungeklärte“ Provokation in Egil (Provinz Amed) am 14. Februar 1925 – Tötung türkischer Soldaten in einem Hinterhalt – zu früh ausgelöst. Die kurdische Bewegung war für einen späteren Zeitpunkt vorbereitet. Zu dieser Zeit ist die Lage angespannt. Denn kurz zuvor erließ Ankara Haftbefehle gegen zehn Kurden, deren Auslieferung Shêx Said verweigerte. Nun war der Aufstand unaufhaltsam ausgebrochen. Die Aufständischen befreiten in kürzester Zeit ein Drittel von Nord-Kurdistan. Die erste Stoßrichtung ist Bingöl und Elaziz, danach Amed und Siverek (Provinz Riha). Im Osten wurde sogar Varto und Mush erobert. Amed wird zum Zentrum des Widerstandes. Jedoch schließen sich viele kurdische Stämme in der Serhat-Region (Mush, Agri, Wan, Kars und Erzirom) und westlich des Euphrats ihnen nicht an; besonders die alewitischen KurdInnen halten sich u.a. wegen den islamischen Forderungen fern. Einige wenige kämpfen sogar in Mush, Erzingan und Erzirom gegen den Aufstand auf Seiten des Staates.
Der schlecht vorbereitete Aufstand wurde von schließlich aufgebotenen 80.000 türkischen Soldaten bereits im April 1925 niedergeschlagen. Shex Said und 52 andere Anführer wurden am 27. April festgenommen. Shêx Said wurde am 30. Juni zum Tode verurteilt und am 4.9.1925 in Elaziz hingerichtet. In diesem Jahr wurden bei Säuberungsaktionen bis zu 20.000 Menschen ermordet. Kleine Verbände, die entkommen konnten, setzten den Kampf als Guerilla fort. Diese Aktivitäten dauerten bis 1927.
Mit dem Aufstand wird über Nord-Kurdistan der Kriegszustand ausgerufen und es ist lange Zeit für Ausländer verboten, hierhin einzureisen.
1925-1927
In der Provinz Merdîn wurde der Shex Said Aufstand vom Haco Stamm angeführt und endete erst 1926. Es flüchteten über 70.000 Menschen über die syrische Grenze. 1927 wurde für sie vom türkischen Staat eine Amnestie ausgerufen. Daraufhin kehren viele Frauen und Kinder zurück, von denen der türkischen Staat in einem Dorf viele grausam massakrierte. Es starben hier 5.000 Menschen.

16. Dezember 1925
Am 16.12.1925 entschied sich der Rat des Völkerbunds entgegen der zuvor in Süd-Kurdistan durchgeführten Volksabstimmung und auf britische Forderungen hin, für die Angliederung des südlichen Kurdistan (einschließlich Erdölregion Kerkuk und Mossul) an den irakischen Staat. Die offizielle Einverleibung erfolgte am 5. Juni 1996. Die Anteile der Irakischen Erdölgesellschaft gingen zu 52,5 % an eine englische, zu 21,25 % an eine amerikanische, und zu 21,25 % an eine französische Firmengruppe.

1926-30
Der türkische Staat, regiert von der Einheitspartei CHP (Republikanische Volkspartei), erließ einschneidende progressistische Reformen von oben; so die Übernahme des westlichen Kalenders (26. 12. 1925), des schweizerischen ZGB (17. 2. 1926), die Übernahme der lateinischen Schrift (1. 11. 1928) und das Frauenstimmrecht (3. 4. 1930).

Mai/Juni 1926
Erster, aber kleinerer Aufstand am Berg Ararat. Auch wenn die türkischen Truppen bei Dogubeyazit geschlagen werden, wurde er nicht weiter geführt. Am Aufstand beteiligten sich auch Armenier.

Mai-August 1926
Aufstand in Mutki/Bitlis.

1926
Ein begrenzter Feldzug der türkischen Armee gegen die weitgehend unabhängigen Stämme in Dersim brachte kaum einen Erfolg.

20er, 30er und 40er Jahre
Die Grenze zwischen Syrien und der Türkei wurde nach Lausanner Vertrag durch den Verlauf der Bagdadbahnlinie festgelegt. Dadurch entstanden in Syrien drei kurdische Enklaven, nämlich Cizire, Kurd-Dag und Ain-el-Arab. Diese Enklaven waren Hunderte Kilometer voneinander getrennt, was die Kommunikation unter den KurdInnen erschwerte. Nach der Gründung Syriens unter französischem Protektorat konnten die Kurden ein Radio betreiben und Zeitschriften veröffentlichen. Viele wichtige Kurden waren von der Türkei nach Syrien geflohen, wo sie ihre politischen Arbeiten fortsetzten. Insgesamt waren die KurdInnen in Syrien zumindest physisch nicht einer Verfolgung ausgesetzt und konnten gewisse Rechte in Anspruch nehmen.

5. Oktober 1927
Gründungskongress von „Xoybûn“ (Unabhängigkeit), einer nationalen kurdischen Liga in Syrien/Libanon. Der vollständige Name lautete „Xoybûn – Ciwata Serxwebuna Kurd“. Darin schlossen sich alle Organisationen und Parteien zusammen, die nach dem 1. Weltkrieg im Osmanischen Reich gegründet wurden. Es handelte sich fast nur um KurdInnen aus dem Norden, so war auch die politische Arbeit ausgerichtet. Es wurde auch eine Versöhnung mit den Armeniern (mit der armen. Daschnak Partei) erreicht. Erklärtes Ziel war es, Kurdistan im bewaffneten Kampf zu befreien.
In Syrien, Libanon, in Europa und in den USA wurden Vertretungen gegründet. Das Zentralkomitee wurde zur nationalen Regierung Kurdistans ernannt. Den Vorsitz von Xoybûn hatten die Brüder Celadet Ali Bedirxan und Kamuran Bedirxan inne. General wurde Ihsan Nuri Pascha, der beim Ararat-Aufstand eine sehr große Rolle spielte. Nach Niederschlagung dieses Aufstandes verlor Xoybûn an Bedeutung und löste sich schließlich 1946 auf.

1927-1929
Der Ararat Aufstand des Xoybûn Bundes begann. Somit verlagerte sich nach der Zerschlagung des Shêx Said Aufstandes das Zentrum des kurdischen Widerstandes weiter nach Nordosten. Angeführt wurde er von General Ihsan Nuri. Die Forderung nach einem autonomen Staat wurde erhoben.
Im September 1927 kam es nach 1926 wieder zu ersten großen Auseinandersetzungen, die für beide Seiten verlustreich waren (auch zweiter Ararataufstand genannt). Nach dem Rückzug der türkischen Armee vom Berg Ararat endeten die Kämpfe zunächst einmal. Bis 1929 wurde das Gebiet um den Berg Ararat weitgehend kontrolliert und die Republik Ararat ausgerufen. Kurz daraufhin am 28. Dezember 1929 beschloss das türkische Kabinett eine militärische Aktion für 1930.

1928
Nach dem gescheiterten Aufstand 1922 versuchte Simko einen neuen durchzuführen, der jedoch kaum Fuß fasst.

Mai-August 1929
Die Bevölkerung im Tal von Zilan, das südlich des Berg Ararats liegt, erhob sich gegen den türkischen Staat. Dieser Aufstand wurde besonders brutal niedergeschlagen, es starben unzählige Menschen. Es war das größte Massaker an den KurdInnen während des Ararataufstandes.

1930 bis 1932
Der Ararat Aufstand erreichte 1930 in Nord-Kurdistan seinen Höhepunkt. Der Iran, welcher sich zunächst freundlich gegenüber den KurdInnen verhielt, erlaubte der Türkei im September 1930, auf iranisches Gebiet vorzudringen, um von dort aus gegen die KurdInnen vorzugehen. Der Ararat Aufstand wurde damit endgültig blutig niedergeschlagen. Die Rache ist wieder brutal. Hunderte Dörfer wurden mit Brandbomben zerstört. Gleichzeitig gehen türkische Truppen am Tendurek Berg gegen Aufständische und Bevölkerung vor, wobei viele hunderte Zivilisten ermordet werden. Weiterhin wurden in einer Aktion 100 Intellektuelle im Wan-See ertränkt. Widerstände dauern bis 1932 lokal noch an.

Ab 30er Jahren
In der Staatsdoktrin des Kemalismus hatten vor allem nach dem Ararat Aufstand Minderheiten in der Türkei absolut keinen Platz mehr. „Dieses Land ist ein Land der Türken. Wer nicht von rein türkischer Herkunft ist, hat nur ein Recht in diesem Land; das Recht, Diener zu werden; das Recht Sklave zu sein.“ sagte Mahmut Esat, damaliger Justizminister der Türkei. Die verbliebenen kurdischen Abgeordneten im türkischen Parlament wurden verhaftet oder aufgehängt. Kurdische Schulen und Publikationen wurden endgültig landesweit verboten.

1930
Die Wahlen zum irakischen Parlament werden in den kurdischen Gebieten boykottiert.
In Silemani kommt es im September zu einer Demonstration von Schülern und Studierenden, welche die Unabhängigkeit fordern. Das Eingreifen der irakischen Truppen wird von den KurdInnen mit einem bewaffneten Aufstand in der Stadt beantwortet. Auf kurdischer Seite kostet der Aufstand 30 Menschen das Leben, Hunderte werden verletzt.

1930
Simko – seit 1918 die Führungsfigur im kurdischen Widerstand gegen den iranischen Staat – wurde vom iranischen Staat zu Gesprächen in den Iran eingeladen. Er begab sich dahin, doch wurde er in einem Hinterhalt ermordet.

Mai 1932
Ankara verkündete ein Gesetz zur Deportation und Verschleppung der KurdInnen. Mehrere 100.000 Kurden werden nach Zentral- und Westanatolien deportiert. Im Gegenzug werden im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte Nicht-KurdInnen in Kurdistan angesiedelt. Offizielles Ziel ist es, die „türkische Kultur“ zu verbreiten.

3.10.1932
Unter Führung von Ahmed Barzani und seinem Bruder von Mullah Mustafa Barzani kam es in Süd-Kurdistan zu Aufständen gegen die britische Kolonialherrschaft im Irak und Süd-Kurdistan, die von der britischen Armee und Luftwaffe niedergeschlagen werden. Die Briten nahmen beide schließlich fest und stellten sie unter Hausarrest in Silemani.

30er Jahre
Der aus Mêrdîn stammende große Dichter Cîgerxwîn (Sexmus Hasan, 1903-1984) entwickelte früh literarische Fähigkeiten. Er schreibt für Zeitschriften wie Hawar in den 30er Jahren. Cîgerxwîn studiert ausführlich den Marxismus-Leninismus. Er hat insgesamt 8 Gedichtesammlungen und ist nach Ehmedê Xanî der bedeutendste kurdische Literat.

1932
Celadet Ali Bedirxan fertigte ein lateinisches Alphabet für die kurdische Sprache an, das heute unter den KurdInnen weit verbreitet ist.

1932-1945
Die Brüder Kamuran und Celadet Ali Bedirxan gaben die kurdische Zeitschrift Hawar („Hilferuf“) in Damaskus heraus. Hawar wurde schnell zur bedeutendsten kurdischen Zeitschrift.

30er Jahre
In den 30er Jahren war die Stadt Amed nach Istanbul und Izmir statistisch gesehen die drittwichtigste industrielle bzw. gewerbliche Stadt innerhalb der Republik Türkei. Die Gesamtprovinz Amed liegt heute jedoch sozio-ökonomisch gesehen nach offizieller Statistik auf dem 55. Platz, unter mehr als 80 Provinzen. Dies war ein Ergebnis einer bewussten Vernachlässigung und Benachteiligung der Wirtschaft in Nord-Kurdistan. Genauso verlief die Entwicklung für die anderen kurdischen Provinzen.

1935
Erster Roman der Neuzeit in kurdischer Sprache ist das Werk „Schivane Kurd“ (Der kurdische Schäfer) von Erebê Schemo.

Dezember 1935
Das seit 1934 vorbereitete „Tunceli Gesetz“ wurde verabschiedet. Damit wurde die kurdische Provinz Dersim in Tunceli umbenannt und die gesetzliche Grundlage für das brutale Vorgehen in Dersim geschaffen. Demnach waren die Bewohner Dersims zur Deportation freigegeben und den Militär-Kommandanten alle Rechte des Ministeriums übergeben. Das Gesetz sah auch Regionen vor, die für türkischstämmige Neusiedler freigegeben werden sollten. Eine weitere Zone sollte vollständig evakuiert werden.
Dersim war zu dieser Zeit die einzige kurdische Provinz, wo der Staat noch nicht seine Herrschaft ganz durchsetzen konnte. Schon 1926 wurde ein Einmarsch im Süden Dersims erfolglos verfolgt oder 1930 wurden in einer Aktion 10.000 Menschen aus Dersim in den Westen der Türkei deportiert. Doch einen Erfolg brachten solche Aktionen nicht. Daher dieses Gesetz.

8.7.1937
Saadabad-Abkommen zwischen der Türkei, dem Irak, dem Iran und Afghanistan, in dem auch ein koordiniertes Vorgehen bei der Bekämpfung der KurdInnen vereinbart wurde.

1936 bis 1938
Der längste und erbittertste der kurdischen Aufstände gegen die Republik Türkei war in Dersim. Die sehr gebirgige alewitische Region Dersim war seit langem unter den kurdischen Provinzen die am meisten erfolgreich Widerstand leistende Provinz. Seit der Gründung des Osmanischen Staates hatte Dersim niemals Steuern gezahlt oder Soldaten für die Besatzungsmacht bereitgestellt. Es stellte sich als erstes gegen die Hamidiye-Reiterei und lehnte grundsätzlich jede Zusammenarbeit bei der Massakrierung der Armenier ab. Die Stammesstruktur war in Dersim sehr stark, die Region Dersim wurde daher von Stammesführern geleitet.
Im Jahre 1936 häuften sich die Überfälle der türkischen Armeeeinheiten auf die Dörfer in der Region Dersim. Unter dem Vorwand, Waffen zu suchen, wurden die Menschen zusammengetrieben, gefoltert, vertrieben und ihre Ernte vernichtet. Alle Verhandlungsversuche seitens der Stammesführer wurden von der türkischen Regierung abgelehnt. Die Einwohner ihrerseits bereiteten einen Aufstand vor, um die Pläne Ankaras zu verhindern. Allerdings waren nicht alle Stämme bereit für einen Widerstand. Der Aufstand wurde von Seyit Riza angeführt, ein geistlicher Führer der Region, der seit Anfang des 20. Jh.s die meisten Aufstände in Dersim leitete. An seiner Seite standen Alishêr, seine Frau Zarife und Dr. Nurî Dersîmî, die alle drei auch am Aufstand in Koçgîrî beteiligt waren.
Der Kampfhandlungen begannen mit einem Überfall von einigen Stämmen unter der Führung eines der Stammesführers, Kamber Aga, Ende 1936 kurz vor dem Winter. Infolgedessen wurden der türkischen Armee schwere Verluste zugefügt. Daraufhin wurde in der Türkei eine Mobilmachung ausgerufen und über 100.000 Soldaten nach Dersim verlegt. Mit dem Angriff der Aufständischen auf eine Polizeistation am 21. März 1937 brach der Widerstand dann ganz offen aus. Im Frühling 1937 flammten schwere Kämpfe auf. Die ersten Invasionspläne durch türkische Truppen scheiterten weitgehend. Zerschlagen zog sich die Armee zum größten Teil nach Elaziz (Elazig) zurück, wo sie sich auf den neuen Feldzug vorbereitete.
Der Herbst 1937 war für die Einwohner Dersims sehr schwer. Mehrmalige Aufrufe der Widerstandsführer an die Weltorganisationen waren erfolglos. Seyit Riza schlug den türkischen Behörden wieder Verhandlungen vor, die vom türkischen Staat angenommen wurden. Als er für Verhandlungen nach Erzingan ging, wurde er festgenommen. Noch im gleichen Jahr wurde er in Elaziz mit anderen Anführern gehängt. Seine letzten Worte lauteten: „Ich bin 75 Jahre alt. Ich werde auf dem Feld der Ehre fallen. Dersim ist unterlegen. Nieder mit den Unterdrückern! Nieder mit den Niederträchtigen und Verlogenen!“ Etwa zur gleichen Zeit wurde Alishêr – der militärische Kopf des Aufstandes – durch einen Verrat des berühmten Kollaborateurs in Dersim, Raybero Qop, ebenfalls ermordet. Ohne Führung konnten die türkischen Truppen unter Einsatz der Luftwaffe gegen einen nicht koordinierten Widerstand vorgehen und Dersim einnehmen und vollständig zerstören.
Zunächst war der Westen Dersims das Zentrum des Aufstandes. Als der Völkermord auch den Osten erreichte, begann dort ein Aufstand, der ebenfalls sehr blutig niedergeschlagen wurde. 1938 erreichten die Massaker – als Genozid zu verstehen – ihren Höhepunkt. Beim Genozid wurde in Dersim systematisch Dorf für Dorf mit seinen Bewohnern vernichtet. Viele Menschen flüchteten in die hohen Berge und Höhlen. Auch hier wurden sie oft durch verschiedene Verräter ausgeliefert. Manche Höhlen wurden zugemauert, manche mit Giftgas in einen Ort des Sterbens verwandelt. Fliehende Menschen warfen sich in tiefe Täler, um nicht gefangen genommen zu werden. Das so genannte Tal Laç ist hier sehr berühmt. Hier floss so viel Blut in den Munzur-Fluss, dass nach Erzählungen dieser tagelang blutgetränkt war.
Ende 1938 war der Aufstand ganz niedergeschlagen und das schwer zugängliche Territorium schließlich unter dem türkischen General Abdullah Alpdogan erobert. Zwischen 50.000 und 80.000 Menschen (verschiedene Schätzungen) waren massakriert und mindestens genauso viel in den Westen deportiert worden. Dieses Massaker hinterließ bei den Menschen aus Dersim bis heute sehr einschneidende, deutliche Spuren. In anderen Wörtern ausgedrückt, könnte auch von einem Traumata gesprochen werden, wenn auch nicht in der Dimension wie bei den Armeniern, die vollständig vertrieben wurden.