Geschichte Kurdistans

Der 2. Weltkrieg und die Friedhofsruhe in Kurdistan

Mit der Niederschlagung des Aufstandes von Dersim wurde Nord-Kurdistan vom türkischen Staat unter vollständige Kontrolle gebracht. In vielen Provinzen galt mindestens ein Jahrzehnt lang entweder der Ausnahmezustand oder das Kriegsrecht. Nach dem physischen Massaker wurde von nun in den folgenden Jahrzehnten das „weiße Massaker“, die systematische Assimilation, eingeleitet, während in den anderen Teilen Kurdistans die Assimilation weitaus weniger durchgesetzt wurde. Auch wurden türkische Nachnamen eingeführt und Ortsbezeichnungen durch türkische ersetzt. Vor allem in den an die türkischen Gebiete angrenzenden Provinzen wurde die Assimilierung vorangetrieben und eine ständige Ansiedlung von Nicht-KurdInnen in Kurdistan betrieben. Dabei waren vor allem die Provinzen Dîlok (Antep), Marash, Meletî, Sîwas, Erzingan und Dersim betroffen. Hier wurden z.B. viele Schulen auf dem Land errichtet und zahlreiche Internatsschulen aufgebaut. Erst später, vor allem ab dem Militärputsch von 1980 und mit technischen Mitteln (Kommunikation) und kapitalistischer Globalisierung ereichte die neue Assimilationswelle in ihrer ganzen Wucht auch die anderen kurdischen Provinzen.
Die Kurden galten ab den 30er Jahren im Sprachgebrauch als „Bergtürken“. Der Gebrauch der kurdischen Sprache war nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im privaten Leben lange Zeit verboten. Die Benutzung des Kurdischen wurde oft mit Strafen geahndet. KurdInnen, die sich jedoch als TürkInnen betrachteten, war eine Karriere in allen staatlichen und gesellschaftlichen Bereichen möglich. Diese repressive Staatspolitik hatte eine Selbstzensur kurdischer Familien zur Folge, die vom Land in die Städte ziehen. Sie führte dazu, dass zahlreiche Kinder ihre Muttersprache nicht mehr richtig lernten.
In Ost-Kurdistan herrschte nach der Ermordung von Simko bis in die Mitte der 40er Jahre weitgehende Ruhe. Es fanden keine großen Massaker statt und der iranische Staat ist gegenüber dem türkischen relativ schwach, weshalb sich schnell gewisse Tendenzen herausbilden können.
In Süd-Kurdistan kehrte nach den gescheiterten Aufständen bis Ende der 50er Jahre weitgehende Ruhe ein. Die Süd-KurdInnen unterstützen vielmehr in den 40er Jahre die Ost-KurdInnen.
In Südwest-Kurdistan (syrisch besetzt) nahmen nach dem 2. Weltkrieg erst die Repressionen gegenüber den KurdInnen zu.

1939
Der 2. Weltkrieg begann in Europa. In Kurdistan herrschte in dieser Zeit relative Ruhe.

26.12.1939
Bei einem Erdbeben in der nordkurdischen Provinz Erzingan starben 32.372 Menschen. Mehrere zehntausende Gebäude wurden zerstört.
Weitere Erdbeben in Kurdistan:
– 19.8.1966: Erbeben in Varto bei Mush. Über 3.000 Tote und 20.000 zerstörte Häuser.
– 1975: Erdbeben in Lice (Provinz Amed): Dutzende Menschen verloren ihr Leben.
– 24.11.1976: Bei einem schweren Erdbeben in Van kamen 3.837 Menschen ums Leben. Über 100.000 kurdische Bauern und ihre Familien wurden obdachlos. Der örtliche (türkische) Militärkommandant wurde in einer Zeitung mit dem Satz zitiert: „Laßt die Leute doch sterben, es sind ja nur Kurden“.
– 30.10.1983: Erdbeben in Erzingan. 1.331 Tote und Tausende von Verletzten.
– 13.03.1992: Erdbeben in Erzingan. 653 Tote. Tausende Verletzte und obdachlose Familien.

1939 – 1942
Gründung der Partei „Freiheitliebendes Kurdistan“ in Ost-Kurdistan. In ihrem Programm forderte die Partei das Selbstbestimmungsrecht für die KurdInnen. 1942 erfolgte jedoch die Auflösung dieser Partei.

16.09.1942
In Ost-Kurdistan wurde die „Auferstehungspartei Kurdistans“, kurz JEKAF, gegründet. Ihr politisches Programm lautete: „Was man den KurdInnen durch Gewalt weggenommen hat, können die KurdInnen nur durch Gewalt zurückbekommen“. Kurze Zeit später erfolgte die Umbenennung der JEKAF in die Demokratische Partei Kurdistans-Iran, I-PDK.

1943 bis 1945
Mullah Mustafa Barzani gelang 1943 die Flucht aus dem Arrest in Silemani. Er organisierte neue Aufstände, die sich bis nach Ost-Kurdistan zogen. Er legte der Regierung in Bagdad ein Memorandum vor, in dem kulturelle und wirtschaftliche Interessen der KurdInnen sichergestellt werden sollten. Bagdad lehnte jedoch dies ab. Erneut folgten irakisch-britische Angriffe auf die kurdischen Gebiete, gegen welche die kurdische Peschmerga („die für die Freiheit sterben“) standhalten konnten.
1944 kam es zu einem Waffenstillstand. 1945 flammten die Kämpfe erneut auf, und im September mussten sich die Peschmerga, unter Führung Barzanis, mit ihren Familien nach Ost-Kurdistan zurückziehen.

Juli 1943
In der Kleinstadt Özalp der Provinz Van wurden 33 KurdInnen, die ihr Lebensunterhalt durchs Schmuggeln von Waren in den Iran verdienten, vom dortigen türkischen General Muglali gefangen genommen und erschossen. Zuvor wurden mehrere wegen Schmuggel angeklagte Dutzend Personen vom Gericht freigelassen. Der in die Region geschickte General Muglali nahm diese 33 KurdInnen, die dem grossen Stamm der Milan angehören, aus Hass gegen die KurdInnen wahllos fest. Er lies es offiziell so dokumentieren, als seien sie bei der Flucht erschossen worden. Dieses Massaker ging in die Geschichte als der Vorfall „33 Kugeln“ (kurdisch: sî u se gule) ein. Dieses Massaker hatte in den kommenden Jahren (von 1950 bis 1958) parlamentarische Diskussionen zur Folge, was auch mit einer Konkurrenz innerhalb der beiden großen türkischen Parteien CHP und DP (Demokratische Partei) zu tun hatte. 1950 wurde der General Muglali verurteilt, sogleich von einem Militärgericht aber freigesprochen. 1951 starb er allerdings einen natürlichen Tod.
2004 wurde der Militärkaserne in Van-Özalp, in der der General Muglali gedient hatte, sein Name (Mustafa Muglali) vergeben, was von der Bevölkerung als Beleidigung aufgefasst wurde.

Ab 1945
Nachdem Syrien im Anschluss an den zweiten Weltkrieg ein souveräner Staat wurde, begann es schrittweise mit der Beschneidung der Rechte der KurdInnen. So wurden die KurdInnen immer mehr aus dem öffentlichen Dienst ausgeschlossen, die kurdischen Ortsnamen verändert und Menschen verhaftet. Nach dem ersten Krieg gegen Israel 1948 putschten die Offiziere und es folgten Jahre sozialer Unruhen in Syrien.

1946-1948
Aufhebung des Kriegszustandes in den kurdischen Provinzen in Nord-Kurdistan.

22.01.1946 – 16.12.1946
Gründung der bisher einzigen ganz selbstständigen kurdischen Republik Mahabad (kurdisch: Komara Kurdistan a Mahabadê) in Ost-Kurdistan. Diese wurde nach ihrer Hauptstadt Mahabad benannt und umfasste die Gebiete von der armenischen Grenze bis Saqqez, jedoch nicht die Region um Sine und Kermanshah. Zu dieser Zeit war der Iran im Norden (auch die Gebiete der Republik Mahabad) von der Sowjetunion und im Süden von Großbritannien besetzt gehalten. Es wurde ein Kabinett aufgestellt und alle Geschäfte einer regulären Regierung aufgenommen. Es wurde ein Parlament mit 13 Abgeordneten gebildet. Präsident wurde Qazi Mohammed von der PDK-Iran, Mullah Mustafa Barzani hingegen Verteidigungsminister. Die Ausrufung erfolgte durch Qazi Mohammed auf dem Platz Çar Çira. Die Hymne des neuen Staates wurde das Lied Ey Reqîb, was heute von allen KurdInnen als Nationalhymne akzeptiert wird. Die beschlossenen Hauptaufgaben der Republik waren der Aufbau und Entwicklung eines Bildungswesens und die Pflege der kurdischen Sprache und Kultur.
Als im November 1946 jedoch die sowjetische Armee ihre Stellungen in Ost-Kurdistan und im Nordiran verlies, drangen am 16.12.1946 die Armee des Schahs von Iran in Mahabad ein. Dagegen wurde kein bewaffneter Widerstand durchgeführt. Qazi Mohammed und weitere Mitglieder der knapp ein Jahr existierenden kurdischen Republik wurden von iranischen Militärs am 31. Mai 1947 erhängt. Barzani floh mit mehreren hunderten Kämpfern entlang der iranisch-türkischen Grenze in die Sowjetunion, wo er viele Jahre im Exil verbrachte.
Ein großes Problem der Republik Mahabad war, dass es von der Sowjetunion zu abhängig war und sich nicht selbst verteidigen konnte. Den KurdInnen fehlte das nötige Material, um sich zu behaupten, auch wenn es Pläne seitens der Sowjetunion gab, die KurdInnen mit den nötigen militärischen Gütern zu versorgen. Aber gerade diese engen Verbindungen zur UdSSR sorgten dafür, dass es innerhalb der konservativen Stämme eine große Opposition zur Republik gab. Eine Differenz gegenüber Qazi Mohammed war das Misstrauen der kurdischen Stämme, die auf dem Land lebten, gegenüber ihm und seiner Führungsriege, die gebildete Städtebewohner waren. Diese Abneigung und Angst sorgte dafür, dass viele Stämme der KurdInnen sich auf die Seite der iranischen Armee schlugen und die Republik stellten.

16.08.1946
Am 16. August 1946 wurde von Vertretern der kurdischen Intelligenz, dem städtischen Kleinbürgertum und Mitgliedern des Barzani Clans in Süd-Kurdistan die „Demokratische Partei Kurdistans“ PDK-Irak gegründet. Mustafa Barzani wurde trotz Abwesenheit zum Vorsitzenden gewählt. Von Anfang an gab es innerhalb der Partei unterschiedliche Bestrebungen über die Zukunft Kurdistans: grundsätzlich auf der einen Seite diejenigen, die eine kurdisch-arabische Geschwisterlichkeit innerhalb eines Iraks anstrebten, und auf der anderen Seite, die auf eine überregionale Lösung der Kurdenfrage hinarbeiteten.

1946-1952
1946 wurde in der Türkei erstmalig eine weitere politische Partei zugelassen: Die DP (Demokratische Partei) errang bei den zweiten Parlamentswahlen (nach 1946) am 14. Mai 1950, unter der Führung von Adnan Menderes, die Mehrheit der Sitze im Parlament. Damit endete die seit Republikgründung herrschende Einparteienherrschaft der CHP.
Der sich abzeichnende Ost-West-Konflikt und die Versuche der Sowjetunion, Einfluss auf die Türkei auszuüben, führten zur endgültigen Aufgabe der außenpolitischen Neutralität der Türkei. 1950 nahm die Türkei als Teil eines UNO-Kontingents am Korea-Krieg teil und trat 1952 in die NATO ein.

1950-1951
Viele hunderte kurdische Familien aus Dörfern in der Region Wan wurden zwangsdeportiert. In ihren Häusern wurden türkische Familien aus Bulgarien und Jugoslawien angesiedelt.

50er Jahre
Der Kapitalismus fand ab den 50er Jahren in Nord-Kurdistan langsam Einzug. So entstand in einigen Städten wie Dîlok und Meletî Amed eine kleine Industrie bzw. Gewerbe. Damit entwickelte sich langsam aber sicher ein Kleinbürgertum, eine Bourgeoisie (die aus den dominanten Clans kamen) und eine Arbeiterklasse in den größeren Städten. Etwa zur gleichen Zeit fand eine ähnliche Entwicklung in den großen Städten Ost-Kurdistans und in der südkurdischen Edölstadt Kerkuk aus.

23.02.1955
Bagdad-Pakt zwischen Türkei, Irak und Iran. Gemeinsame Militäroperationen gegen jede kurdische Befreiungsbewegung wurden darin vereinbart. Anfang April trat Groß-Britannien dem Abkommen bei. Die USA nahmen bei den Treffen einen festen Beobachterstatus ein.

1956
Der in einer unzugänglichen Gebirgsregion nördlich von Kermanshah, nahe der irakischen Grenze lebende Stamm Djuwanroj widersetzte sich den Anordnungen der Zentralregierung in Teheran. Mit massiven Militärkräften einschließlich der Luftwaffe wurde der Stamm in die Berge vertrieben, ihre Festung bombardiert und völlig zerstört. Es starben dabei unzählige KurdInnen.

1956
Nach dem Beispiel der PDK-Irak wurde in Südwest-Kurdistan die „Demokratische Partei Kurdistans – PDK-Syrien“ von Intellektuellen, Bauern und Arbeitern gegründet. Ziel war die Anerkennung der KurdInnen als ethnische Gruppe, eine Landreform und grundlegende demokratische Rechte.
Eine große Anzahl der Verantwortlichen der PDK-Syrien wurden 1959 jedoch verhaftet. Die Partei bestand weiterhin, spaltet sich aber aufgrund großer politischer Differenzen in viele Untergruppen und blieb bis heute politisch wirkungslos.

1958
Sturz der Monarchie im Irak. Die neue Regierung unter Abdel Karim Qasim machte daraufhin Zugeständnisse an die KurdInnen. So kehrte Mustafa Barzani aus dem sowjetischen Exil in den Irak zurück. Es begann eine relativ kurze Zeit für die KurdInnen, die von gewissen Freiheiten geprägt ist.

1959
Ein militanter Flügel der PDK-Iran begann 1959 in der Gegend um Mahabad, Banah und Sardascht mit dem Guerillakampf. Mustafa Barzani von der „Schwesterpartei“ PDK-Irak, die Beziehungen zum Iran pflegte, stellte sich nach einer gewissen Zeit an die Seite des Schahs und bekämpfte die Mitglieder der PDK-Iran.
Bis zum Anfang der 90er Jahre sollte sowohl die PDK-Irak als auch PDK-Iran aufgrund ihrer Beziehungen zum jeweiligen Staat auf der anderen Seite der Grenze und den damit verbundenen Interessen sich gegenseitig bekämpfen.

1959
Im berühmten „49er Prozess“ im Jahre 1959 wurden 49 damals bekannte kurdische Intellektuelle wie Musa Anter, Sait Kirmizitoprak, Sherafettin Elçi, Naci Kutlay verurteilt. Diese hatten Bestrebungen, auf legaler Ebene sich für die Rechte der KurdInnen einzusetzen. Später nahmen alle diese Personen wichtige Positionen in diversen kurdischen Parteien und Institutionen ein.

27.05.1960
Am 27. Mai 1960 putschte in der Türkei das Militär unter Führung von General C. Gürsel gegen die Regierung von Menderes. Kurz zuvor proklamierte der regierende Ministerpräsident Adnan Menderes ein Ermächtigungsgesetz, um die politische Opposition auszuschalten. Nachdem das Militär 1961 eine neue Verfassung eingeführt hatte, gab es die Macht an eine Zivilregierung ab. Diese war liberaler, garantierte aber keine erweiterten Rechte für die KurdInnen. „Kürtçülük“, so wird in der türkischen Sprache der so genannte „kurdische Separatismus“ genannt, wird weiterhin zum Staatsverbrechen erklärt.