Geschichte Kurdistans

Neue Freiheitsbestrebungen der KurdInnen ab den 60er Jahren

Ab den 60er Jahre nehmen die Bestrebungen der KurdInnen wieder spürbar zu, für ihre Freiheit sich einzusetzen und dafür zu kämpfen. Vor allem die 68er Bewegung beeinflusste die Widerstände in Nord-Kurdistan und in Ost-Kurdistan. Das feudalere Süd-Kurdistan blieb davon weitgehend unberührt. Hier begann schon Anfang der 60er Jahre der bewaffnete Freiheitskampf, der jedoch auf traditionelle Strukturen basiert. In den beiden großen Teilen Kurdistans waren die KurdInnen, allen voran die Studierenden, von fortschrittlicheren und linken Idee stark beeinflusst. Sie gründeten im Norden und Osten besonders in den 70er Jahre viele verschiedene Organisationen. Viele KurdInnen in diesen beiden Teilen nahmen sehr intensiv auch an den türkischen und iranischen linken Organisationen teil.

1961
Der kurdischen Bewegung in Süd-Kurdistan und Irak wurde von der neuen irakischen Republik „Separatismus“ vorgeworfen, es folgten erste Verbote von kurdischen Zeitungen. Die Repressionenen die PDK nahmen zu. Mustafa Barzani zog sich in die Region Barzan, somit in die Berge nahe der türkisch-irakischen Grenze, zurück.

11.09.1961
Am 11. September begann unter der Führung der PDK-Irak der bewaffnete Aufstand in Süd-Kurdistan, der nach und nach zu einer Volksbewegung der nationalen Befreiung wurde. Die irakische Luftwaffe begann mit der massiven Bombardierung kurdischer Dörfer.

23.08.1962
Die Regierung in Damaskus erließ das Gesetzesdekret Nr. 93, wonach eine außerordentliche Volkszählung in der Provinz Djazira zulässig war. Als Ergebnis wurden 120.000 KurdInnen zu „Fremden“ erklärt. Die syrischen Staatsbürgerrechte wurden ihnen entzogen. Heute haben immer noch 200.000 Kurden ihren Pass nicht zurück.
Um der „kurdischen Gefahr“ entgegenzutreten, entwickelte die Regierung Pläne für die Einrichtung eines „arabischen Gürtels“. Danach sollte die ganze kurdische Bevölkerung, die entlang der türkischen Grenze lebte, auf einem 280 km langen Gebiet, 15 km breit, umgesiedelt und durch arabische Bevölkerung ersetzt werden. In einigen Gebieten wurde dieser Plan tatsächlich auch umgesetzt.

08.02.1963
Am 8. Februar putschte die „panarabische“ Baath-Partei im Irak, stürzte General Qasim und übernahm die Macht in Bagdad. Daraufhin folgte ein kurz andauernder Waffenstillstand an der kurdischen Front.

März 1963
Die Baath-Partei unter Führung von Michel Aflaq übernimmt die Macht in Syrien. Die Lage der KurdInnen verschärfte sich daraufhin. Im November veröffentlichte der Leiter der Provinz Djazira, eine Studie mit einem 12-Punkte-Plan für eine „Säuberungspolitik“.

Juni 1963
Im Juni 1963 begann die irakische Armee eine neue Offensive gegen die kurdische Bewegung. Die Luftwaffe von Syrien unterstützte ebenfalls die irakische Armee gegen die KurdInnen.
10.02.1964
Am 10. Februar wurde mit Oberst Aref ein Waffenstillstand, der die nationalen Rechte der KurdInnen in Süd-Kurdistan anerkennte, vereinbart. Das führte zu Streitigkeiten innerhalb der PDK-Irak. Das politische Büro unter Leitung von Celal Talabani und Ibrahim Ahmed (Schwiegervater von Talabani) kritisierte Barzani. Der berief daraufhin einen eigenen Kongreß ein und ernannte ein neues Politbüro. Das ursprüngliche Politbüro unter Talabani spaltete sich ab, und seine Mitglieder flohen nach einem Angriff von Barzani-Peschmergas nach Ost-Kurdistan.

1965
Die Arbeiterpartei der Türkei (TIP) wurde am 13. Februar 1961 von 12 führenden Gewerkschaften gegründet. Nach den Parlamentswahlen von 1965 erreichte sie mit 3% der Stimmen ihren größten Erfolg und entsandte 15 Abgeordnete ins türkische Parlament. Sie hatte als erste Partei die Realität einer Kurdenfrage anerkannt und dies in ihr Parteiprogramm aufgenommen. U.a. deswegen wurde die TIP am 20. Juli 1971 vom Verfassungsgericht verboten.
1965-1966
Die Gruppe um Talabani kehrte 1965 nach Süd-Kurdistan zurück und richtete sich in der südlichen Provinz Silemani ein. Hier bildete diese Gruppe mit anderen Kreisen eine Splittergruppe der PDK-Irak. Jedoch war diese erste einmal insgesamt unter den KurdInnen relativ einflusslos. 1966 verbündete sich diese Gruppierung sogar mit der Zentralregierung in Bagdad, um mit militärischen Mitteln gegen die PDK-Irak vorzugehen.

1965
Zum ersten Mal dürfen ausländische Besucher nach Nordwest-Kurdistan einreisen. Die Region war seit 1925 „für Ausländer verbotenes Militärgebiet“.

1965
Gründung der Demokratischen Partei Kurdistan in der Türkei, PDK-Türkei. Vorsitzender war Sait Kirmizitoprak. Schon ein Jahr später wurden die neben ihm wichtigsten Mitglieder Faik Bucak und Sait Elçi durch Agenten des türkischen Geheimdienstes ermordet. 1970 kam es zu einer Spaltung. Nach einer weiteren Spaltung 1979 verlor diese Partei endgültig an Bedeutung und blieb wirkungslos bis heute.

1966
Die erste Pipeline zum Transport von Rohöl und Ölprodukten aus Nord-Kurdistan wurde 1966 zwischen Batman und Dörtyol (im Golf von Iskenderun) in Betrieb genommen. Um 1950 wurde am Raman Berg in der Provinz Batman Erdöl gefunden. Die Provinz Batman stellt nach wie vor die meisten Erdölvorkommen der Türkei dar.

1967
Das „Gesetz zur Kulturpflege“ intensivierte das Verbot kurdischer Literatur und Musik in Nord-Kurdistan.

1968
Weltweit fanden parallel linke Studierenden-, Bürgerrechts- und Antikriegsbewegungen statt, von denen viele die jeweiligen Gesellschaften in den kommenden Jahrzehnten entscheidend prägten. Diese 68er Bewegung war auch in der Türkei/Nord-Kurdistan und im Iran/Ost-Kurdistan sehr stark (in Süd- und Südwest-Kurdistan schwach wegen feudalerer Zustände und schwachen Kapitalismus). Diese stützten sich vor allem auf Studierende, welche das bestehende politische System auf revolutionärem Wege überwinden wollten. Aus dieser Bewegung gehen sehr viele linke, sozialistische und marxistische Organisationen in Kurdistan, Türkei und Iran hervor.

1967
Spaltung innerhalb der PDK-Iran: Eine von den Ideen der weltweiten nationalen Befreiungsbewegungen, besonders von Che Guevara beeinflusste Gruppe kritisiert die passive Haltung der Partei und deren enge Anbindung an die PDK-Irak, die massive Unterstützung vom iranischen Schah erhält. Die marxistisch orientierte Gruppe organisierte sich als Komalah und bildete bewaffnete Guerillaeinheiten in Ost-Kurdistan. In Frühjahr 1968 werden ihre führenden Kader, darunter der Priester Mala Avara, der Student Abdullah Moini und der Elektroingenieur Sharif Zadeh getötet. Die Peshmerga der PDK-Irak von Barzani beteiligte sich in den folgenden Jahren zusammen mit der iranischen Armee aktiv an der Verfolgung dieser revolutionären Gruppe.
1969
1969 erfolgte die Gründung der „Revolutionären Kulturvereinigungen des Ostens“ (DDKO) in Nord-Kurdistan und in der Türkei. Zuvor prangerten zum ersten Mal am 16. September 1967 kurdische Mitglieder der Arbeiterpartei der Türkei (TIP) das Ungleichgewicht zwischen West und Ost im Lande an. Dies geschah in Form von so genannten „Ost-Treffen“. Diese Treffen bereiteten die Basis für die Gründung der DDKO. Mehdi Zana, Mümtaz Kotan, Ibrahim Güçlü, Sait Kirmizitoprak, Mehmed Emin Bozarslan, Tarik Ziya Ekinci, Naci Kutlay, Kemal Burkay und Ümit Firat fanden sich dort ein. Nach einer kurzen Zeit gab es ein repressives Vorgehen der türkischen Polizei gegen diese Kulturvereinigungen.

11.03.1970
Am 11. März wurde eine kurdisch-irakische Vereinbarung (Märzmanifest) über die „Autonomie Kurdistans“ unterzeichnet. Laut Abkommen sollten fünf kurdische Vertreter Kabinettsminister in Bagdad werden. Eine Landreform sollte auch durchgeführt werden. Gesundheitsversorgung und Erziehungswesen sollten in die entlegendsten Flecken ausgeweitet werden. An den Schulen sollte kurdisch gelehrt und eine kurdische Akademie der Wissenschaften gegründet werden.

1970-1974
Als Bagdad 1970-74 die Aussöhnung mit Barzani suchte, wurde Talabani vorübergehend fallengelassen. Dieser kehrte 1971-75 wieder in Barzanis KDP zurück.

1970
Hafiz Al-Assad wurde Staatspräsident in Syrien. Assad stoppte zwar zumeist die Diskriminierungen gegen die Kurden, aber unternahm nichts, um ihre Rechte wieder herzustellen.

1971
Der 1939 geborene türkische Soziologe Dr. Ismail Besikci befaßte sich seit 1961 wissenschaftlich mit der kurdischen Frage in der Türkei. Er verlor aufgrund seiner engagierten Forschungen 1971 seine Professur an der Universität Ankara. Im gleichen Jahr wurde er zum ersten Mal festgenommen. 1974 freigelassen, veröffentlichte er in den folgenden Jahren eine Vielzahl von Untersuchungen zur kurdischen Frage. Fast jede seiner Schriften wurde kriminalisiert und verboten. Seit 1978 befand sich Besikci aufgrund seiner wissenschaftlichen Arbeit mehr im Gefängnis als in Freiheit. Zuletzt wurden 1990 in einem Verfahren insgesamt 45 Jahre Haft gefordert. Weitere Strafverfahren gegen ihn sind anhängig. 1993 wurde er erneuert ins Gefängnis gesteckt und Oktober 1999 auf Bewährung freigelassen.

12.03.1971
Am 12. März übernimmt das türkische Militär unter Führung von General Tagmac und Nihat Erim in der Türkei die Macht. Das Parlament wird für eine gewisse Zeit außer Funktion gesetzt. Linke Parteien und Organisationen werden verboten. Mehrere tausend Menschen werden verhaftet und eingesperrt.

1972
Deportation von mehr als 3.000 Bauern aus der Provinz Hakkari in Nordwest-Kurdistan ins westliche Anatolien.

1972
Die Gründung der ersten Universität nach der Vierteilung Kurdistans (1923), in der auch in Kurdisch gelehrt wird, fand in Silemani (Süd-Kurdistan) statt. Dies wurde durch die entspannende politische Atmosphäre nach dem Märzabkommen von 1970 ermöglicht.

1972-1975
Die Zentralregierung in Bagdad war nach 2-3 Jahren des Märzabkommens nicht bereit, die kurdischen Forderungen nach Kontrolle der Erdölgebiete um Kerkuk und Xanaqin zu erfüllen. Hier entzündete sich die Anspannung und die folgenden Jahre waren von ständigen Angriffen, Attentaten auf kurdische Führer und einer Politik der Arabisierung geprägt. Der Autonomiestatus Südkurdistans existierte de facto immer weniger.

April 1972
Der kurdische Student aus Urfa (Riha) Abdullah Öcalan wurde bei einer von ihm mitangeführten Protestaktion an der Ankara Universität gegen das Ermorden des türkischen Revolutionärs und Anführers der Organisation THKP-C Mahir Çayan festgenommen und für sieben Monate in U-Haft gesetzt.

März 1973
Am kleinen Çubukçu-Stausee nahe Ankara traf sich Abdullah Öcalan mit fünf weiteren kurdischen Studierenden. Es war das erste Treffen für eine frühe Organisationsform. Von den anderen fünf Studierenden trennten sich nach kurzer Zeit vier, aber Ali Haydar Kaytan bleibt in der Bewegung.

Ab März 1974
Im März verkündete Bagdad einseitig ein Gesetz, was aber weit weniger Rechte für KurdInnen vorsah als 1970 verhandelt wurde. Die KurdInnen lehnten es ab und es begann ein Krieg zwischen den KurdInnen und dem irakischen Staat, der sich schnell zuspitzte. Die irakischen KurdInnen wurden vom Iran mit Waffen beliefert. Der Aufstand stützt sich überhaupt auf den Iran. Es kam zu heftigen Kämpfen 1974 und 1975, bei denen die irakische Artillerie massiv die kurdischen Fronten angreift. Hunderttausende von Dorfbewohner flohen in iranische Flüchtlingslager.
30.04.1974
Hinrichtung der 19-jährigen Leyla Kasim und vier weiterer Studierenden nach schweren Folterungen wegen „Begünstigung und Gutheißung der separatistischen Bestrebungen“ in Süd-Kurdistan durch das irakische Regime.

November 1974
Als die Militärdiktatur von Griechenland die Macht in Zypern an sich zu reißen versuchte, intervenierte die Türkei mit ihrer Armee im Norden der Insel, wo auch TürkInnen lebten. Diese sollten angeblich geschützt werden. Nach schweren Kämpfen wurde ein Waffenstillstand vereinbart, der bis heute gilt. 1983 wurde die Nordzypriotische Türkische Republik ausgerufen. Eine politische Lösung lässt nach wie vor auf sich warten.

70er Jahre
In den 70er Jahre verliessen die verbliebenen nicht-moslemischen Bevölkerungsgruppen wie Assyrer und Armenier fast alle die Türkei, als Mitte der 70er Jahre der Chauvinismus wieder geschürt wurde und tätliche Angriffe zunahmen. Bis dahin bildeten sie in Orten wie Midyad und Merdîn einen erheblichen Teil der Bevölkerung.

1975
Gründung der Sozialistischen Partei Kurdistans, Türkei (PSK-T) in Ankara. Sie wurde in den 70er Jahre zu einen der wichtigeren kurdischen Organisationen. Sie gab auch verschiedene Zeitungen in kurdischer und türkischer Sprache. Nach Verhängung des Ausnahmezustandes 1978 und dem Militärputsch 1980 stellte die Organisation in der Türkei ihre Arbeit ein. Die meisten Mitglieder gingen wie vielen anderen kurdischen Organisationen nach Europa ins Exil, wo sie heute u.a. unter dem der Vereinigung Komkar arbeiten.

1975
Zwischen den kurdischen Städten Amouda und Derik Südwest-Kurdistan wurden in der Provinz Djazira 40 neue Dörfer gebaut. 7.000 arabische Bauernfamilien wurden dort angesiedelt und bewaffnet. Seit 1968 hatten mehr als 30.000 KurdInnen die Provinz verlassen und im Libanon oder im Landesinneren von Syrien versucht, eine neue Existenz aufzubauen.

05.03.1975
Algier-Abkommen zwischen Iran und Irak, womit die Auseinandersetzungen zwischen dem Irak und Iran zunächst einmal endeten. Dieses Abkommen sah u.a. die Einstellung iranischer Waffenhilfe an die SüdkurdInnen unter Barzani. Daraufhin begann Bagdad eine mörderische Offensive am 8. März. Der kurdische Widerstand brach daraufhin zusammen, Mustafa Barzani floh ins Exil und die PDK konnte die kurdische Bevölkerung nicht mehr schützen.
Entlang der iranischen und türkischen Grenze wurde ein zehn bis zwanzig Kilometer breiter Streifen von den irakischen Behörden menschenleer gemacht. Ganze Dörfer wurden evakuiert. Die südkurdische Bevölkerung wurde in strategischen Dörfern oder Lagern angesiedelt. Junge KurdInnen, unterstützt von städtischer Intelligenz, organisierten in den Bergen unabhängig von der PDK einen bewaffneten Widerstand gegen die Deportationen.

01.06.1975
Am 1. Juni wurde in Berlin-Dahlem die Patriotische Union Kurdistans, YNK, gegründet. Vorsitzender der YNK ist seitdem Celal Talabani. Talabani warf grundlegend der PDK-Irak vor, ihre Struktur wäre auf Stämmen basiert, nicht modern und daher der Führungsstil klassisch. Talabani arbeitete von Anfang an mit dem iranischen Staat gegen den Irak zusammen. In diesen Jahren bestanden auch enge Beziehungen zu Syrien, was anti-irakisch eingestellt war.

1976
Der Chef der PDK-Iran, Abdul Rahman Ghassemlou, ließ sich im Pariser Exil nieder, wo er bis 1978 blieb. Während dieses Aufenthalts versuchte er Kontakte mit Verantwortlichen anderer iranischen Oppositionellen aufzubauen.

1976
Die Gruppe um Abdullah Öcalan, die sich als „Revolutionäre Kurdistans“ bezeichnen, begab sich nach der „Dikmenversammlung“ im Frühjahr 1976 von Ankara aus nach Kurdistan. Der Schwerpunkt der politischen Arbeit lag nun immer mehr dort. Die Arbeit konzentrierte vor allem in den Städten wie Dîlok (Antep), Siverek, Marash, Amed, Batman, Dersim, Cewlik (Bingöl), Beyazid und Varto. Die Provinzen Siirt, Sirnak und Çolamerg (Hakkari), später Zentren des Guerillakampfes, stehen dabei kaum im Mittelpunkt.
März 1977
Die „Revolutionäre Kurdistans“ (zu dieser Zeit auch Apocular – Apoisten – genannt) verloren in einer Auseinandersetzung mit einer türkischen linken Gruppierung ihren ersten Aktivisten Aydin Gül in Dersim.

18. Mai 1977
Haki Karer, Türke, Internationalist und ein wichtiger ideologischer Kopf der Bewegung um die Revolutionären Kurdistan, wurde in Dîlok von einer kurdischen kollaborierenden namens Sterka Sor ermordet.

1977
Gründung der KUK (Partisanen der Nationalen Befreiung Kurdistans) und Gründung der Partei „Rizgarî“ (Befreiung) in Nordwest-Kurdistan.

1. Mai 1977
Bei der größten 1. Mai-Demo in der Geschichte der Türkei werden 37 Menschen durch Angriffe türkischer Counterguerillakräfte getötet.
In der Türkei und in Nord-Kurdistan sterben Ende der 70er Jahre bei politischen und bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen revolutionären und faschistischen Kräften täglich oft bis zu 20-25 Menschen.

1977
Die wichtige Ölleitung zwischen dem Norden Iraks und der Türkei wurde eingeweiht. Das aus Kerkuk geförderte Erdöl wurde über die Pipeline, die durch den südlichen Teil Nord-Kurdistans führt, ans Mittelmeer (Iskenderun) transportiert. Die Leitung wurde wegen des Golfkrieges und dem anschließenden Embargo zwischen 1990 und 1997 außer Betrieb gesetzt und spielte bei strategischen Überlegungen verschiedener Mächte immer eine gewisse Rolle.

1978
Mullah Mustafa Barzani zog sich, schwer an Krebs erkrankt, in die USA ins Exil zurück. Er starb dort 1979. Seine Nachfolge traten seine Söhne Idris und Masud Barzani an. Nach dem Tod von Idris Barzani 1987 führt seitdem Mesud Barzani die PDK-Irak allein an.

27.11.1978
Am 27.11.1978 wurde die Gründung der Arbeiterpartei Kurdistans, PKK (Partîya Karkêren Kurdistan) im Dorf Fis bei Lice in der Provinz Amed vollzogen. Vor der Gründung arbeiteten die Aktivisten von 1973 bis 1977 auf ideologischer, politischer und soziologischer Ebene und führten viele Untersuchungen zu der kurdischen Gesellschaft durch. Das Ziel der marxistisch-leninistisch orientierten Organisation lautete, durch einen Volkskrieg (Guerillakrieg) eine Revolution zu erreichen und anschließend einen eigenen kurdischen Staat zu gründen. Als zentrales Problem Kurdistans wurde eine doppelte Unterdrückung gesehen: Eine nationale Unterdrückung durch den türkischen Staat und die ihn unterstützenden imperialistischen Mächte und eine Unterdrückung der Demokratie durch die feudalen innerkurdischen Strukturen. Beiden wurde der Kampf angesagt. Träger der kurdischen Revolution sollten ArbeiterInnen, normale Landbewohner (Bauern) und die kurdische Jugend sein.
Beim Gründungskongress wurde die grundlegende Schrift „Der Weg der Revolution Kurdistans“ und ein Programm verfasst, das bis 1995 Gültigkeit hatte.
Als wesentlicher Unterschied zu den anderen kurdischen Parteien werden immer wieder die soziale Basis der Partei und die damit verbundene politische Ausdrucksformen gesehen. Im Gegensatz zu anderen, vergleichbaren kleineren marxistisch-leninistisch orientierten Gruppen gelang es der PKK, eine Mitgliederbasis auch unter Bauern, Arbeitern und den Tagelöhnern zu finden, was ihr in den folgenden Jahren Stabilität verlieh und weshalb die PKK die einzige kurdische Organisation wurde, die ihr Programm mit Leben füllen konnte. Die PKK war zweifellos die proletarischste unter den kurdischen Organisationen.“
Aufgrund des sozialen Charakters der PKK sei die Programmatik nicht nur eine solche geblieben, sondern inklusive des bewaffneten Kampfes auch angegangen worden. Die PKK sah den bewaffneten Kampf als eine Notwendigkeit an, die sich aus dem Nichtbestehen der Möglichkeit von legalen Aktivitäten herleitete. Hauptangriffsziel der PKK waren zu dieser Zeit die kurdischen Stammesführer und Großgrundbesitzer. Offensive bewaffnete Aktionen fanden zu dieser Zeit noch nicht statt. Die PKK organisierte Landbesetzungen, verteilte Kader im Land zur Propaganda und gebrauchte Waffen vor allem zur Selbstverteidigung. Mit zahlreichen anderen linken Organisationen kam es in dieser Zeit zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Dies wurde jedoch 1981 auf dem 1. Konferenz der PKK selbstkritisch eingestanden und versucht zu ändern.
Bei der PKK spielte von Anfang an Abdullah Öcalan zwar eine sehr entscheidende Rolle; ohne ihn ist die PKK kaum vorstellbar. Doch die Aktivisten Kemal Pir, Haki Karer, Hayri Durmus und Mazlum Dogan waren bei der Herausbildung der Ideologie und Struktur unverzichtbar. Diese wurden jedoch im Laufe des Befreiungskampfes entweder ermordet oder inhaftiert.
Das erste Zentralkomitee bestand aus sieben Personen und zwar: Abdullah Öcalan, Cemil Bayik, Shahin Dönmez, Mehmet Karasungur, Baki Karer, Mazlum Dogan û Mehmet Hayri Durmush.

23.12.1978
Massaker in Marash an KurdInnen alewitischer Glaubensrich-tung durch türkische Faschisten (Graue Wölfe), die vom türkischen Geheimdienst unterstützt wurden. Bis zu 1000 Menschen werden bestialisch ermordet. Wenige Tage später wurde der Ausnahmezustand in acht kurdischen Provinzen verhängt.

Ende 1978 / 1979
Die PKK führte in den Regionen den Widerstand von Siverek und Hilvan in der Provinz Riha (Urfa) durch. Wegen Aufklärungsarbeit unter der Landbevölkerung und Organisierung der Menschen wurden die kurdischen Revolutionäre der PKK von den Großgrundbesitzern angegriffen. Es fand eine wochenlange Auseinandersetzung mit feudalen Großgrundbesitzern mit vielen hunderten Toten auf beiden Seiten statt. Vor allem die Großgrundbesitzfamilie Bucak ging brutal vor. Durch sie werden gefangen genommene Menschen regelrecht zerstückelt. Durch den langen und hartnäckigen Widerstand in Siverek und Hilvan wurde die PKK zu einer ernsthaften Massenbewegung in Kurdistan.

Ende der 70er Jahre
Die revolutionäre linke Bewegung im Iran hatte großen Zulauf. In Ost-Kurdistan wurde die Komalah nach 12 Jahren des Widerstands sehr stark. Volksaufstände und Guerilleros breiten sich Ende der 70er rapide aus. So wird kurz vor der Revolution die Garnison von Sardascht (Ost-Kurdistan) von den KurdInnen erobert.