Geschichte Kurdistans

Militärputsch in der Türkei, Islamische Revolution im Iran und erster Golfkrieg

Februar 1979
Der Schah Reza Pahlewi im Iran wurde von den Islamisten und Linken gestürzt. Ajatollah Khomeini, Anführer der radikalen islamischen Bewegung, übernahm jedoch die Macht. Wie viele andere Oppositionsgruppen des Landes hatten die KurdInnen gehofft, unter der neuen Regierung der Mullahs mehr Autonomie zu erlangen; doch wurden ihre Erwartungen enttäuscht. Bis zur Machtübernahme der Mullahs haben die KurdInnen sie unterstützt. Khomeini selbst hatte zunächst den ihm zur Seite stehenden Volksgruppen mehr Rechte zugesagt.
Seit der islamischen Revolution von 1979 ist der Oberste Rechtsgelehrte (Revolutionsführer) entweder der “Führer“. Der Revolutionsführer, seit 1989 Seyyed Ali Chamenei, hat die uneingeschränkte Macht und ernennt die obersten Richter (allesamt Geistliche) und ist auch Oberkommandierender der Streitkräfte. Er wird vom Expertenrat auf Lebenszeit gewählt. Dieser wird wiederum alle 8 Jahre vom Volk gewählt, wobei der sog. Wächterrat (besteht aus zwölf Personen, die zur Hälfte mit Geistlichen und zur Hälfte mit Juristen besetzt werden) die Kandidaten genehmigen muss. Nach der iranischen Verfassung wird die staatliche Gewalt, also Legislative, Exekutive und Judikative, der religiösen Führung unterstellt.

14.02.1979
Eine aus 5 Repräsentanten verschiedener Parteien und Stellvertretender bestehende kurdische Delegation traf sich mit dem Sekretär von der nationalen Front Irans Darius Faruhar. In diesen Verhandlungen stellten die kurdischen Delegierten ihre Forderungen, die sogenannten „sechs Punkte von Mahabad“, in denen Autonomie für die kurdischen Regionen gefordert wurde.

18.-22. März 1979
Die Soldaten der Garnison von Sine (Ost-Kurdistan) öffneten das Feuer auf die Menge, die Newroz feiern und für ihre Freiheit demonstrieren. Bei den Auseinandersetzungen sterben 178 Menschen.

03.08.1979
Wahlen der „Experten Versammlung“ in Iran, die die Verfassung überprüfen sollte. A.R. Ghassemlou wurde gewählt, durfte aber an der Versammlung nicht teilnehmen, da er Laizist war. In den anderen kurdischen Provinzen wie Kurdistan und Kermanshah waren die Wahlergebnisse oft gefälscht.

07.08.1979
Die Kämpfer der PDK-Irak schossen in Unschu (Ost-Kurdistan) auf die demonstrierende Menge. Es gab mehrere Tote. Die Demonstration wurde von der PDK-Iran organisiert.

17.08.1979
Khomeini erklärte die KurdInnen als untreu und revolutionsfeindlich. Nach dieser Erklärung fingen die Massaker gegen die kurdische Bevölkerung an. Khomeini verdiente sich damit den Namen „Metzger von Kurdistan“.
Am 23.08.1979 begann die iranische Armee mit der Bombardierung kurdischer Städte an. Am 23. August wurde Sakez, am 1. September Bokan, am 2. September Piranschar, am 3. September Mahabad und am 6. September Sardascht angegriffen.
2./3. Dezember 1979
Referendum über die Verfassung der islamischen Republik Irans. Die Verfassung erklärte den Schiitismus als die offizielle Religion Irans und ließ keine Form von Autonomie für ethnische und religiöse Minderheiten zu.

Frühling 1980
Die reguläre Armee Irans marschierte in alle Regionen Ost-Kurdistans ein und eroberte fast alle kurdischen Städte, die 1979 von iranischen KurdInnen befreit wurden. Am 6. Juni erklärte Iran, dass die kurdische Frage gelöst wäre. Ab diesem Datum kündigte die PDK-Iran den Guerillakrieg an. Die Spaltung und Schwächung der PDK-Iran beginnt aber auch damit gleichzeitig. Der Widerstand wurde in diesen Jahren verstärkter von der Komalah geführt.
Bis Mitte der 80er Jahre wurde ein erbitterter Krieg zwischen der Komalah und PDK-Iran auf der einen Seite und der iranischen Armee auf der anderen Seite geführt infolgedessen viele tausende Menschen auf beiden Seiten starben. Der Widerstand der KurdInnen schwächte sich jedoch ab Mitte der 80er Jahre spürbar ab.

12.09.1980
Am 12 September 1980 putschte das Militär unter General Kenan Evren zum dritten Mal in der Türkei. Der Putsch wurde von der NATO und den USA direkt oder indirekt unterstützt. Die NATO stationierte anschließend schnelle Eingreiftruppen im Herzen Kurdistans, in Van und Batman. Evren begründete den Putsch damit, „zu den Quellen des Kemalismus zurückzukehren“ zu wollen und „die separatistische Umtriebe zu bekämpfen“.
Das Militär verhängte über das Land das Kriegsrecht und verbot alle politischen Parteien. Die Regierung wurde des Amtes enthoben, Gewerkschaften, Vereine und Stiftungen wurden verboten und ihre Funktionäre wurden vor Gericht gestellt. Das Militär versuchte die Gesellschaft der Türkei durch Säuberungsaktionen in staatlichen Institutionen zu entpolitisieren. 30.000 Menschen sollen davon betroffen gewesen sein. Der Putsch richtete sich grundlegend gegen die aufkeimende kurdische Befreiungsbewegung und gegen die starken links-revolutionäre Kräfte. Insgesamt wurden 650.000 Menschen zu politischen Gefangenen, die meisten von ihnen gefoltert. In 210.000 Prozessen wurden 230.000 Personen vor Gericht gestellt. Es gab 7.000 beantragte, 571 verhängte und 50 vollstreckten Todesstrafen. 14.000 Personen wurden aus der Staatsbürgerschaft entlassen. 30.000 Personen flohen ins Ausland. 3.854 Lehrer und Lehrerinnen, 120 Universitätsdozenten und 47 Richter wurden entlassen. 133.607 Bücher wurden verbrannt.
Dieser Putsch ist der dramatischste aller drei Putsche. Alle revolutionären Organisationen konnten dem Putsch nicht viel entgegensetzen. In kürzester Zeit war ihre Basis zerschlagen. Das Ergebnis war, dass neben den revolutionären Strukturen auch gewerkschaftliche, soziale und kulturelle Bewegungen und Strukturen zerschlagen wurden. Das Militär schaffte es, die Hoffnungen in der Gesellschaft zu begraben. Es förderte neben dem Faschismus den Islam gegenüber linken Ideen, so wurden systematisch Moscheen in allen Orten gebaut. Es wurde eine türkisch-islamische Synthese vertreten, die auch heute von vielen türkischen Kräften vertreten wird. Vor allem die türkische Gesellschaft hat sich bis heute von diesem Putsch immer noch nicht erholen können, während die KurdInnen ab Ende der 80er Jahre Widerstand aufbauen konnten. Dies lag u.a. daran, dass die PKK (auch Abdullah Öcalan) sich schon ein Jahr zuvor teilweise aus Nord-Kurdistan in den Libanon zurückzog. Nach dem Putsch rief sie alle Gruppen ins Ausland gerufen, wovon mehrere es nicht schaffen. Türkische oppositionelle Gruppen gehen auch ins Exil, die meisten nach Europa, von wo sie aus jedoch den Kampf kaum vorantreiben können.

22.09.1980
Beginn des ersten achtjährigen Golfkrieges zwischen Irak und Iran, der vor allem auf dem Gebiet der KurdInnen tobt. Der Krieg führt auf iranischer Seite bis zu einer Millionen Toten. Auf irakischer Seite, die vom Westen zu diesem Krieg geschürt und militärisch ausgestattet wurde, starben deutlich weniger Menschen.

1980 – 1984
Die PKK Mitglieder hielten sich in der Bekaa Ebene vor allem in Lagern der PFLP (Befreiungsfront Palästinas) auf. Hier bildeten sie sich sowohl politisch als auch militärisch aus. In dieser festigte sich wieder langsam nach dem Militärputsch die Parteistruktur.

1981
In Libanon fand die 1. Konferenz der PKK statt, die als Vorbereitung für den 2. PKK Kongress dienen sollte.

1981
Streitigkeiten zwischen der YNK und der PDK-Irak bestimmen die politische Landschaft in Süd-Kurdistan. 1981 kommt es sogar zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen beiden Parteien.

21.03.1982
Mazlum Dogan, Mitbegründer und Mitglied des Zentralkomitees der PKK, verbrennt sich aus Protest gegen die brutalsten physischen und psychischen Foltern gegen die Gefangenen im Gefängnis von Amed. Damit leitet er den bedeutenden Gefängniswiderstand von 1982 ein. Er wurde am 1.10.1979 gefangen genommen.

17.05.1982
Ferhat Kurtay, Esref Anyik, Mahmut Zengin und Necmi Öner verbrennen sich aus Protest im Gefängnis von Amed. Dieser Tag geht als die „Nacht der Vieren“ in Geschichte ein.

6. Juni 1982
Im Sommer 1982 kämpften Einheiten der PKK auf palästinensischer Seite gegen den Einmarsch der israelischen Armee in den Libanon. Dabei starben insgesamt elf PKK Kämpfer. Dieser Einsatz schaffte aber die Voraussetzung für die Übernahme des „Camps Helve“ 1986 in der Bekaa-Ebene im Libanon. Dieses Camp wurde später nach dem gefallenen legendären ARGK Kommandanten Mahsum Korkmaz benannt (Mahsum Korkmaz Akademie). Dort wurden bis Ende 1992 Mitglieder der PKK politisch und militärisch geschult.

14.07.1982
Beginn des großen Todesfastens der kurdischen politischen Gefangenen im Gefängnis von Amed. M. Hayri Durmush, Akif Yilmaz, Ali Çiçek und Kemal Pir verlieren im September 1982 an Folgen des Hungerstreiks ihr Leben.

1982
Der türkische Staat beschloß das Südostanatolienprojekt (GAP). Dieses besteht aus 22 Staudämmen und 19 Wasserkraftwerken am Euphrat und Tigris. Neben der Energieproduktion soll intensiv bewässert und eine exportorientierte Landwirtschaft aufgebaut werden. Infolgedessen sollen bis zu 3,6 Millionen Arbeitplätze entstehen und die ökonomisch schwachen kurdischen Provinzen regional entwickelt werden. Bis heute ist nur etwa die Hälfte umgesetzt worden, es hat bisher der Region nichts außer Vertreibung und Zerstörung von wichtigsten Kulturgütern gebracht. GAP wurde und wird vom Staat auch als ein Mittel zur Aufstandsbekämpfung und eine politische Waffe (durch die Staukapazitäten) gegen den Irak und Syrien verstanden.

20.-25.08.1982
2. Kongress der PKK fand in Libanon an der Grenze zu Jordanien, in einem PFLP-Ausbildungslager statt. Die beiden wichtigsten Punkte dieses Kongresses waren: 1) die selbstkritische Bestandsaufnahme der vergangenen Jahre. Diese Selbstkritik öffnete den Weg für die Zusammenarbeit mit sieben anderen linken Organisationen in der FKBDC (Einheitsfront des antifaschistischen Widerstandes). Diese scheiterte jedoch bald, vor allem aufgrund dessen, dass es den meisten Organisationen, außer der PKK, nicht gelang in der Türkei und Kurdistan erneut Fuß zu fassen. 2) Der Beschluß zur Rückkehr nach Kurdistan, um dort die Vorbereitungen für den bewaffneten Kampf zu treffen.
Nach diesem Kongress schickte die PKK ihre Kader wieder zurück nach Kurdistan, um die Vorbereitungen für den Beginn des bewaffneten Kampfes zu treffen. Für die PKK war nun die Phase vom Sommer 1982 bis Frühjahr 1983 die Phase des Eruierens und der Rückkehr ihrer Kader in ihr Land. Die eigentliche Phase der bewaffneten Propaganda begann erst im Frühjahr 1983. Die Kader der PKK bestanden aus Studierenden, Intellektuellen, aber auch einigen Bauern.

September 1982
Viele Tage lang fanden Kämpfe zwischen den beiden ostkurdischen Parteien PDK-Iran und der Komalah statt. Anschließend kam es jedoch zu Verhandlungen, infolgedessen beide Parteien „das Respektieren der Demokratie in Kurdistan“ vereinbarten.

1982
1982/83 schloss sich die Komalah mit anderen linken Gruppen zur Kommunistischen Partei Iran (KPI) (nicht zu verwechseln mit der Tudeh-Partei) zusammen; der Name Komalah wurde für die Parteistrukturen der neuen Partei in Iranisch-Kurdistan weiterverwendet. Die Komalah hat auch Frauen bei ihren Peshmerga-Einheiten.

7. November 1982
Die von den türkischen Militärs vorgelegte neue Verfassung wurde in einem Volksentscheid mit knapp 92% der abgegebenen Stimmen angenommen. Diese Verfassung ist nach wie vor gültig, es wurden bisher nur einige wenige Veränderungen an ihr vorgenommen. Mit der Abstimmung zur Verfassung wurde der Juntachef Kenan Evren für die nächsten 7 Jahre zu einem mit verstärkten Rechten ausgestatteten Staatspräsidenten ernannt.

Juli 1983
Die Iranische Armee und die PDK-Irak besetzten die Stadt Haci Umran in Süd-Kurdistan. Kurz darauf lies Saddam Hussein 8000 junge und alte Männer des Barzani Klans in die Lager an der saudischen Grenze bringen, wo sie später exekutiert wurden.

6. November 1983
Bei den ersten Parlamentswahlen in der Türkei nach dem Putsch traten drei Parteien an. Unerwartet gewann die Mutterlandspartei ANAP unter Turgut Özal die Wahlen. Diese Partei vereinigte Technokraten, Konservative und auch islamische Kreise. Sie blieb bis 1991 allein an der Macht, führte die bisherige Staatspolitik gegen die KurdInnen an der Seite der Generäle weiter und leitete viele liberale Reformen ein.

22. Juli 1984
Am 22.Juli 1984 wurde bei einem Treffen der PKK in Südkurdistan der Beschluß zur militärischen Offensive gefasst