Geschichte Kurdistans

Aufkommende Freiheitsbewegung in Nord-Kurdistan

15. August 1984
Aufnahme des bewaffneten Kampfes durch die PKK gegen den türkischen Staat in Nord-Kurdistan. Durch die Besetzung der Kreisstädte Eruh in der Provinz Siirt und Shemdinli in der Provinz Çolemerg für einen Tag begann der Guerillakampf der PKK gegen die türkischen Armeeeinheiten in Kurdistan. Die PKK hatte in dieser Zeit zunächst etwa 300 Kämpfer, die unter dem Namen HRK (Hezen Rizgariya Kurdistan – Befreiungskräfte Kurdistans) agieren. Im Flugblatt der HRK vom 15.08.84 heißt es:
„Die HRK verfolgen das Ziel, den Kampf unseres Volkes um nationale Unabhängigkeit, eine demokratische Gesellschaft, Freiheit und Einheit unter Führung der PKK gegen den Imperialismus, den türkischen Kolonialfaschismus und ihre einheimischen Lakaien bewaffnet zu führen. (…)
Die kolonialfaschistischen Ungeheuer, die Blutsauger, die politischen und militärischen Herrscher und die Feinde des Volkes werden die Angriffsziele der Aktionen der HRK sein. (…) Wenn die Bildung einer Plattform des praktischen revolutionären Kampfes in Kurdistan und der Türkei gegen den faschistischen Terror und die Beteiligung der Massen an diesem Kampf eine hohe Stufe erreicht, werden die eigentlichen Ziele erreicht werden.“
Der Offensive des 15.August wurde im Allgemeinen eine hohe Bedeutung beigemessen. So verglich der Soziologe Ismail Beshikci die Bedeutung des 15.August mit dem „ersten Schuss“ bei Franz Fanon. Tatsächlich hat diese Aktion in allen Schichten und Klassen so tief greifende Veränderungen in ihrem Denken, Handeln und Beziehungen hervorgebracht, die sonst in dutzenden Jahren woanders zustande gekommen wären. Die kurdische Gesellschaft wurde nach dem Militärputsch aus ihrer Apathie und Selbstleugnung herausgeholt.

09.09.1984
Der kurdische Regisseur, Filmemacher und Schauspieler Yilmaz Güney verlor im Alter von 47 Jahren in Paris sein Leben durch Magenkrebs. Er gilt bis heute der bedeutendster Regisseur in der Türkei und Kurdistan. Er drehte ab den 60er Jahren Anfang der 80er Jahre mindestens zwei Dutzend Filme, darunter viele eindrucksvolle gesellschaftskritische. Wegen seiner Sympathie für die revolutionären Kräfte in der Türkei und Kurdistan wurde er einige Male inhaftiert. Kurz vor dem Militärputsch floh er aus einem Gefängnis und ging nach Europa. 1982 wird sein Film „Der Weg“ mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet.

21. März 1985
Gründung der Nationalen Befreiungsfront Kurdistans, ERNK (Eniya Rizgarîya Netewa Kurdistan). Sie existierte bis 2000 und wurde dann durch eine andere Organisationsstruktur ersetzt. Die ERNK  war die politisch arbeitende Frontorganisation der PKK. Ihr gehörten eine Vielzahl von gesellschaftlichen Organisationen an, Arbeiter-, Jugend- und Frauenorganisationen, aber auch verschiedene religiöse Interessengruppen der Islamisten, Alewiten, Yeziden, Assyrer sowie später Berufsorganisationen.

1985
Der Guerillakampf der PKK konnte 1985 nicht von der türkischen Armee zerschlagen werden, doch bedeutend ausgeweitet hatte er sich auch nicht.

April 1985
Nach dem die PKK nicht schnell zu zerschlagen war, führte die türkische Regierung das Dorfschützersystem ein. Dorfschützer sind bewaffnete Milizen aus feudal-reaktionären kurdischen Stämmen, die für Geld die Dörfer überwachen, um sie vor den Guerillaeinheiten zu schützen. Mitte der 90er Jahre erreichte die Zahl dieser Dorfmilizen 70.000 und blieb bis heute relativ stabil. Die Dorfmilizen waren und sind eine sehr wichtige Stütze der türkischen Armee im Kampf gegen die PKK und die kurdische Gesellschaft. Ohne sie wäre die türkische Armee bei den Operationen in den Bergen oft verloren. Die Dorfmilizen haben seit ihrer Gründung ihre Stellung dazu ausgenutzt, sich zu bereichern; in dem die Bevölkerung erpresst wurde oder die Dörfer der in den 90er Jahren Vertriebenen Menschen für den eigenen Vorteil ausgebeutet wurden bzw. ihre Bewohner nicht mehr wegen der von ihr ausgehenden Repression teilweise nicht zurückkehren können.

28. Februar 1986
Der sozialdemokratische Ministerpräsident von Schweden, Olof Palme, wurde auf offener Straße erschossen. Daraufhin begann eine jahrelange währende Kampagne, diesen Mord der PKK in die Schuhe zu schieben. Alle künstlichen Konstrukte scheiterten schließlich vor Gericht. Doch dieser Vorwurf fügte der PKK einen lang währenden Imageschaden zu.
Dieser Vorwurf war in dem Bestreben der westlichen imperialistischen Staaten zu verstehen, die PKK Struktur und Sympathien in Europa zu zerschlagen. Die Nato fasste höchstwahrscheinlich schon im Jahre 1985 den Beschluss, also nach dem Beginn des bewaffneten Kampfes, gegen die PKK in Europa vorzugehen. Vor allem der BRD wurde eine besondere Rolle vorgesehen, denn hier lebten die meisten KurdInnen in Europa. So führte im Oktober 1986 der deutsche Generalbundesanwalt Rebmann Gespräche mit hochrangigen Vertretern der Türkei (darunter dem Botschafter) über die Zusammenarbeit gegen den “internationalen Terrorismus”, wobei es hauptsächlich um die PKK ging.

März 1986
Sowohl in Damaskus als auch in der südwestkurdischen Stadt Afrin griffen syrische Polizeieinheiten mit Waffen kurdische Newroz-Feiern an. In Damaskus wurde ein Kurde getötet, in Afrin drei Menschen. Zu der Beerdigung kamen 40.000 Kurdinnen und Kurden.

28. März 1986
Der führende ARGK Kommandant Mahsum Korkmaz (Agit) wurde am Berg Gabar (Provinz Sirnak) durch bis heute ungeklärte Umstände in einem Hinterhalt getötet. Er war eine sehr entscheidende Person in den ersten zwei Jahren des Guerillakampfes gegen die türkische Armee.

Oktober 1986
Vom 25-30.Oktober 1986 fand der 3. PKK-Kongreß im Bekaa-Tal im Libanon, statt. Dieser Kongress wird als ein Wendepunkt im Kampf der PKK betrachtet. Auf diesem Kongress wurden selbstkritisch Mängel in der politischen Arbeit angemerkt und mehrere wichtige Entschlüsse gefaßt: die Intensivierung der politischen Arbeit in den Städten bei gleichzeitiger Ausweitung der militärischen Operationen in städtischen Gebieten, die Intensivierung der Beziehungen zu anderen politischen Kräften national wie international, die Bildung von Frauen-, Jugend-, Arbeiter- und Intellektuellenverbänden unter dem Dach der ERNK und der Übergang von der Phase der bewaffneten Propaganda zu der des Guerillakrieges. Letzteres ging einher mit dem Beschluß, die HRK in die ARGK (Artesha Rizgariya Gele Kurdistan – Volksbefreiungsarmee Kurdistans) umzuwandeln, was die Vergrößerung der Guerillaeinheiten und die Bildung eines militärischen Rates beinhaltete.
Als die wichtigsten Schritte des 3. Kongresses der PKK wird die Stärkung ihrer inneren Struktur und Einführung eines offiziellen Funktionsmechanismus betrachtet. Seit dieser Zeit verstärkte die PKK ihre Aktivität auf internationaler Ebene (Öffentlichkeitsarbeit und Diplomatie) und konnte stellenweise ihre Isolation durchbrechen.

1986
Angehörige von Gefangenen, Intellektuellen, Juristen und Wissenschaftler gründen in der Türkei den Menschenrechtsverein IHD. Dieser setzte sich seitdem bis heute für Menschen ein, die Folter und Repression ausgesetzt wurden.

1986
Der Verband der Patriotischen Frauen Kurdistans (YJWK) wird gegründet. YJWK kämpft für ein befreites Kurdistan und für die Befreiung der kurdischen Frau.

1987
In diesem Jahr konnte die ARGK Guerilla sich im Kampf gegen die türkische Armee sowohl qualitativ als auch quantitativ verbessern. Sie war nun in mehreren Regionen Nord-Kurdistans aktiv und nicht mehr nur in Botan (Sirnak, Teile von Siirt und Hakkari).

19. Juli 1987
Die Türkei verhängte am 19. Juli 1987 den Ausnahmezustand über 13 kurdische Provinzen. Damit konnten die Menschenrechte sehr unproblematisch durch den Gouverneur außer Kraft gesetzt werden. Der Ausnahmezustand wurde in einzelnen Provinzen bis zum November 2002 aufrechterhalten.

1987
Durch die Unterstützung der kurdischen PDK-Irak Peshmergas errang das iranische Militär in den Jahren 1987 an der Nordfront einen Sieg über die irakischen Truppen. Bagdad revanchierte sich schon schnell mit ersten Giftgasangriffen auf das Hauptquartier der YNK und auf dutzende Dörfer in Süd-Kurdistan.

1988
Spaltung der PDK-Iran. Es gab unterschiedliche Ansichten zum Verhalten gegenüber der iranischen Zentralregierung: Während die einen für Verhandlungen eintraten, lehnten die anderen solche Gespräche – zu dem Zeitpunkt – rigoros ab. Es gründete sich neben der PDK-Iran die PDK-Iran/Revolutionäre Führung. Diese konnte sich jedoch in den kommenden Jahren nicht stärken und eine bedeutende Rolle in der Gesellschaft spielen.

1987-1988
Die Anfal-Operation der irakischen Armee begann gegen die kurdischen Siedlungsgebiete im Irak. Im Verlauf der acht Anfall-Offensiven werden unter systematischem Einsatz von Giftgas bis zu vier tausend Dörfern zerstört und nach diversen Schätzungen bis zu 180.000 Menschen verschleppt bzw. getötet.

Februar 1988
Die BRD begann schon 1987 im Rahmen eines eingeleiteten Ermittlungsverfahrens mit einer massiven flächendeckenden „staatliche Verfolgung“ der KurdInnen mit den Mitteln des Straf-, Polizei- und Verwaltungsrechts, Hausdurchsuchungen, Verboten von Veranstaltungen und Demonstrationen, der Beschlagnahme von Spendengeldern. Im Februar 1988 wurden insgesamt 20 KurdInnen in Deutschland, die für die PKK bzw. für die Solidarität mit dem kurdischen Befreiungskampf arbeiteten, inhaftiert. Dazu dienten gefälschte Aussagen von zwei früheren PKK-Mitgliedern, von denen einer zum Kronzeugen wurde. Damit das auch juristisch funktionierte, verabschiedete das deutsche Parlament eine Kronzeugenregelung. Unter den Verhafteten waren u.a. Ali Haydar Kaytan, Hüseyin Çelebi, Selman Arslan. Sie alle wurden im so genannten Düsseldorfer Prozess nach Paragraph 129a wegen terroristischen Aktivitäten angeklagt. In der Anklageschrift wurde behauptet, innerhalb der PKK gäbe es eine – nur vage und ohne klare Konturen umschriebene – terroristische Vereinigung, die zur Durchsetzung des Alleinvertretungsanspruchs der PKK zur Erreichung eines kommunistischen Gesamt-Kurdistans Parteiabweichler und führende Repräsentanten anderer kurdischer Organisationen bestrafe und liquidiere. In dem Zusammenhang wurden der PKK in Westeuropa mehr als ein Dutzend Morde angelastet, ohne auch nur ein einziges authentisches Dokument mit Anweisungen o.ä. oder einem Tatzeugen für die Verantwortlichkeit der PKK-Führung präsentieren zu können.
Dieses politisch motivierte Verfahren dauerte daher lange und wurde zum teuersten Gerichtsverfahren der BRD. Für das Verfahren wurde das speziell in den 70er gegen die RAF gebaute Stammheim Gefängnis benutzt. Es endete 1994 mit der Freilassung aller Angeklagten.

16.03.1988
Die kurdische Stadt Halabja wurde von irakischen Bombern mit Giftgas (C-Waffen) angegriffen. Über 5.000 KurdInnen meist Frauen, Kinder und alte Menschen sterben noch am gleichen Tag einen qualvollen Tod, Zehntausende wurden verletzt. In den folgenden Jahren verlieren weitere zwei bis vier tausend Menschen infolge der Verletzungen ihr Leben. Halabja ist in der Menschheitsgeschichte die erste Stadt, die mit chemischen Waffen systematisch angegriffen wurde.
Die irakische Armee wurde vor allem von deutschen Unternehmen mit dem Know-How zur Herstellung von chemischen Waffen beliefert. Überhaupt besaßen deutsche Unternehmen zu dieser Zeit gute Beziehungen zum Saddam Regime.

19 Juli – 15. September 1988
Das irakische Regime griff in Hakurk am Staatendreieck Iran-Irak-Türkei die KurdInnen an. Dabei wurden chemische Waffen gegen die kurdische Kämpfer und Zivilbevölkerung benutzt. Daraufhin flohen über 50.000 KurdInnen in die Türkei.

20.08.1988
Eine Waffenstillstandserklärung zwischen Iran und Irak wurde bekannt gegeben. Damit endete der grausame 8-jährige Krieg, den keine der beiden Seiten gewinnen konnte.

14.07.1989
Tödliches Attentat auf den Generalsekretär der PDK-Iran, Abdul Rahman Ghassemlou, in Wien. Zusammen mit zwei weiteren kurdischen Vertretern hatte er sich mit einem inoffiziellen Vertreter der Teheraner Regierung getroffen.

Frühjahr 1990
Die ersten Massenproteste fanden in Nord-Kurdistan statt, was der Ausdruck eines qualitativen Sprungs des von der PKK angeführten Befreiungskampfes war. Der erste große Serhildan (=Volksaufstand) fand 14.03.1990 in Nisebin (Nusaybin) in der Provinz Merdîn für einen gefallenen Guerillakämpfer mit vielen tausenden Teilnehmern statt. Eine Woche später wurde Newroz zum ersten Mal offen gefeiert, so am 20.03.1990 in Cizre. Am 25.01.1991 kamen in Kulp-Lice bei Diyarbakir kamen auch tausende aus Protest zusammen. Der Staat geht massiv gegen die Menschen vor und es sterben Zivilisten durch Schüsse der türkischen Sicherheitskräfte; doch bleiben die Einschüchterungsversuche erst einmal wirkungslos.
Die Aufstände drückten eine veränderte Situation aus: Nationales Bewusstsein hatte sich inzwischen massenhaft in Kurdistan verbreitet.

21.03.1990
Die kurdische Medizinstudentin Zekiye Alkan verbrennt sich aus Protest gegen den Vernichtungskrieg des türkischen Staates gegenüber der kurdischen Bevölkerung in Amed.

07.06.1990
Auf Basis der Massenproteste gegen den türkischen Staat fand die Gründung der Partei des Volkes (HEP) statt. Damit begann für die KurdInnen in der Republik Türkei auch die Auseinandersetzung auf legaler Ebene. Auch wenn ihre Parteien immer wieder verboten wurden, setzen sie ihren politischen Kampf und intensivierten ihn immer mehr.

1990
Die PKK schaffte es um 1990, die Sympathien der KurdInnen in Südwest-Kurdistan und Syrien für sich zu gewinnen und sie zu organisieren. Viele hunderte und tausende KurdInnen beteiligten sich aktiv als Guerillero in den anschließenden Jahren am Befreiungskampf der PKK in Nord-Kurdistan.

26.-31.12.1990
4. Kongreß der PKK in Süd-Kurdistan.

Anfang Januar 1991
Die türkische Regierung unter Özal schaffte ein Gesetz ab, wonach es verboten war, selbst zuhause Kurdisch zu benutzen (totales Verbot der kurdischen Sprache). Doch diese Abschaffung führte nicht zur Belebung der kurdischen Sprache, weil sich an der Praxis des türkischen Staates gegen die KurdInnen sich nichts änderte. Nur war es erlaubt, in den Straßen Kurdisch zu sprechen ohne dafür geahndet zu werden.

17.01.1991
Am 17. Januar 1991 greifen alliierte Truppen unter der Führung der USA den Irak an (2. Golfkrieg), weil dieser am 2. August 1990 in Kuwait einmarschiert war. Als die irakische Armee aus Kuweit zurückgedrängt wurde, begannen die KurdInnen einen Aufstand gegen das Regime von Bagdad. Innerhalb kürzester Zeit wurde ganz Süd-Kurdistan (auch Kerkuk und Mossul) befreit. Als die alliierten Truppen den Feldzug im Süden des Iraks stoppen und sich nach Kuweit zurückziehen, gehen die irakischen Truppen ab dem 27. März 1991 zu einer Offensive gegen die KurdInnen und auch gegen die aufständischen Schiiten im Südirak über. Die kurdischen Peshmergas konnten vor allem in den Ebenen wenig Widerstand leisten und zogen sich zurück. Im April 1991 begann daraufhin eine Massenflucht der kurdischen Bevölkerung vor dem Angriff irakischer Truppen in den Iran und die Türkei. Bis zu knapp 2 Millionen Menschen fliehen an die Grenzen. Allerdings hält die Türkei die Flüchtlinge in den Bergen fest. Täglich sterben wochenlang in den provisorischen Lagern bis zu 1.000 Menschen.

April 1991
Durch die Einrichtung der Alliierten Schutzzone im Norden des Iraks werden die Flüchtlinge aus der Türkei und dem Iran in den Süden (Nordirak) zurückgeführt. Die Alliierte Schutzzone hat zur Folge, dass die irakische Armee sich aus den meisten Gebieten in Süd-Kurdistan zurückzieht, allerdings nicht aus den erdölreichen Städten Mossul und Kerkuk. Über den Irak wird ein UN-Embargo verhängt, worin die kurdischen Gebiete auch inbegriffen sind.
Mit der Alliierten Schutzzone nördlich des 36. Breitengrades im Irak erhielten die KurdInnen de facto eine selbstverwaltete Region Kurdistan. Die Kontrolle dieser Region, die Hewler (Erbil) als Hauptstadt hat, wurde von den beiden größten Parteien in Süd-Kurdistan, nämlich von der PDK-Irak und YNK, ausgeübt. Im ersten Jahr herrscht unter der Bevölkerung große wirtschaftliche Not, denn die Selbstverwaltungsstruktur ist zu schlecht aufgebaut. Außerdem waren viele Politiker der beiden regierenden Parteien korrupt und bedienten sich selbst.
Dieses selbstverwaltete Gebilde ist jedoch vollkommen abhängig von den USA und auch von der Türkei, von wo die einzigen Hilfsgüter in die Region kommen. Damit konnte die Türkei beide südkurdische Parteien unter Druck setzen, wovon sie in den kommenden Jahren auch oft Gebrauch machte. So sah die PKK in der Autonomieregelung in Südkurdistan keine Lösung. und gründete 1992 die PAK (Partiya Azadiya Kurdistan – Freiheitspartei Kurdistans) als Ableger in Südkurdistan. Das Verhältnis zu den großen südkurdischen Parteien YNK und PDK ist gespannt.

1991
Das Kulturzentrum Mesopotamien (NÇM-MKM) wurde in Istanbul gegründet. Es wurde die Grundlage und der Ort der Entwicklung der kurdischen Kultur im Zuge der zeitgenössischen kurdischen Freiheitsbewegung in Nord-Kurdistan. In den folgenden Jahren wurden jedoch die meisten Zweigstellen in Kurdistan verboten. Sie blieb auf Istanbul, Izmir und Adana beschränkt.

13.11.1991
Der Verband der StudentInnen aus Kurdistan (YXK) wurde nach einigen Vorbereitungstreffen am 12./13.12.1991 in Bochum/BRD gegründet.

08.07.1991
Vedat Aydin, Vorsitzender der Arbeiterpartei des Volkes (HEP) in Amed und Vorstandsvorsitzender der örtlichen Sektion des Menschenrechtsvereins (IHD), wurde am 5. Juni 1991 von türkischen Spezialeinheiten aus seinem Haus geholt, bis zur Unkenntlichkeit misshandelt und ermordet. Der Leichnam von Vedat Aydin wurde am 8. Juni 1991 unter einer Brücke auf einer Landstraße gefunden. An der Trauerfeier am 10. Juni 1991 im Zentrum von Amed nahmen über 100.000 Menschen teil. Der Staat reagiert repressiv. Durch den Kugelhagel der militärischen Spezialeinheiten und der Polizei werden 11 Menschen getötet und mehrere Hundert verletzt. Dieser Protest ist der bis dahin größte Serhîldan der kurdischen Bevölkerung gegen den repressiven türkischen Staat.

November 1991
Die HEP ging bei den Parlamentswahlen ein Bündnis mit der Sozialdemokratischen Volkspartei (SHP) unter Erdal Inönü ein und konnte dadurch 15 Abgeordnete ins türkische Parlament schicken. Unter ihnen war auch Leyla Zana, die einzige Frau. Beim Amtseid im Parlament am 6. November sagte sie – sie trug auch einen Band in den traditionellen kurdischen Farben Gelb, Grün und Rot um den Kopf – einen Satz des Eides auch in Kurdisch. Dies löste einen Tumult unter nationalistischen Abgeordneten aus.