Geschichte Kurdistans

Befreiungskampf und Spezialkrieg in Nord-Kurdistan, „Selbstverwaltung“ in Süd-Kurdistan und Ruhe in Ost-Kurdistan

Der türkische Staat setzte ab 1992 systematisch den Spezialkrieg in Kurdistan nach US-amerikanischem Muster (wie in Vietnam angewendet) um. So wurden systematisch Dörfer in Nord-Kurdistan zerstört (knapp 4.000 an der Zahl), mindestens drei Millionen Menschen vertrieben, die Natur Kurdistans zerstört (Niederbrennen von Wäldern, Äckern und Gärten) und tausende Oppositionelle und Intellektuelle in den kurdischen Städten ermordet. Ziel des türkischen Staates war es, den Kontakt zwischen der Guerilla und der Bevölkerung zu trennen, wozu auch gegen gewisse Regionen in Sirnak, Hakkari und Dersim Nahrungsmittelembargos verhängt wurden. Bei der Ermordung von Oppositionellen und Intellektuellen in den kurdischen Städten wird die Hisbollah, eine bis dahin kleine radikalislamische Gruppe in Kurdistan, vom Staat instrumentalisiert. Der vom Militär zuvor gegründete Geheimdienst JITEM führte die Attentate, Bombenangriffe etc. gegen KurdInnen und andere Oppositionelle im Rahmen dieses Spezialkrieges durch.
Ab 1992 etabliert sich eine autonome Selbstverwaltungsstruktur in Süd-Kurdistan, die jedoch von undemokratischen Verhältnissen nach innen, Korruption und Beeinflussbarkeit durch imperialistische und regionale Mächte gekennzeichnet ist.

21.03.1992
Bei den bisher größten Newroz-Feierlichkeiten in Nord-Kurdistan erschossen die türkischen Streitkräfte über 100 Kurdinnen und Kurden, vor allem in den Städten Cizre, Sirnak und Nisebin. Tagelange dauerten die Unruhen und Proteste an. Dies war ein neuer Höhepunkt des Staatsterrors gegen die Bevölkerung. Ausländische Beobachter berichten von dem Einsatz deutscher Waffen gegen die kurdische Zivilbevölkerung. Rahshan Demirel, eine 17jährige Kurdin verbrennt sich aus Protest gegen den Krieg des türkischen Staates in Kurdistan.

19. Mai 1992
Am 19. Mai 1992 wurde das erste Parlament im selbstverwalteten Teil Süd-Kurdistans gewählt. Das Ergebnis führte zu fast gleichen Sitzverteilung zwischen der YNK und der PDK (YNK 51 Sitze und PDK 49). Daneben bekam die „Demokratische Bewegung“ der Assyrer 4 Sitze und die „Christliche Einheit“ einen Sitz. Am 4. Oktober 1992 deklarierte das Parlament den „Föderalen Teilstaat Kurdistan“. Das Parlament konnte jedoch nicht agieren, da die PDK und die YNK gegeneinander arbeiteten.

30.05.1992
Özgür Gündem, erste prokurdische Tageszeitung in türkischer Sprache, erschien zum ersten Mal nach einer langen Vorbereitungszeit am 30. Mai 1992. Die Redaktion wollte objektiv über den Krieg in Kurdistan berichten. Durch die Vielzahl von Behinderungen und Angriffen ist Özgür Gündem gezwungen, ihr Erscheinen am 15. Januar 1993 vorübergehend und im Februar 1994 endgültig einzustellen.
Viele Menschen, die als Journalisten und im Vertrieb der Zeitung tätig waren, wurden ermordet oder verletzt. Die Vertriebsfahrzeuge und Kioske, die Özgür Gündem verkauften, wurden in mehreren Städten niedergebrannt. In den Jahren 1992 bis 1994 wurden 13 Journalisten ermordet.

Frühling-Sommer 1992
Der Krieg zwischen der PKK Guerilla und dem türkischen Staat erreicht eine bis dahin nie dagewesene Intensität und Ausweitung. Auch in den Provinzen Dersim und Marash (in Kurdisch Tolhildan genannt) nehmen die militärischen Auseinandersetzungen erheblich zu. Es standen sich 1992 etwa 10.000 PKK Guerilleros und über 300.000 türkische Sicherheitskräfte gegenüber. Die Kämpfe fanden im Jahr 1992 vor allem zwischen April und Oktober statt, infolgedessen nach PKK Angaben einige tausend Soldaten und viele hunderte Guerilleros starben.
Im Jahr werden von der türkischen Armee etwa 500 Dörfer zwangsgeräumt (die meisten davon niedergebrannt) und ihre Bewohner vertrieben.

25. Juli 1992
Der Atatürk-Staudamm auf dem Euphrat Fluss wird fertig gestellt. Er dient offiziell der Energieversorgung, Bewässerung und Trinkwasserversorgung. Er ist die größte Talsperre im Rahmen des GAP und der Türkei. Mit diesem Projekt erhält die Türkei die Möglichkeit, das Wasser nach Syrien und in den Irak zurückzuhalten und somit als Waffe einzusetzen, was auch Ende 1998 im Falle von Abdullah Öcalan der Fall war.

01.08.1992
Das erste Internationale Kurdistan-Kultur-Festival wurde in Bochum von 60.000 Menschen mit der Forderung nach Freiheit und Frieden durchgeführt. Zum ersten Mal in der Geschichte des kurdischen Volkes kamen so viele in Europa lebende Menschen für Kurdistan zusammen.

18.08.1992
70 % der kurdischen Stadt Sirnak wird durch türkisches Militär mit schweren Waffen vernichtet. Als Anlass diente ein angeblicher Angriff der Guerilla gegen die Stadt. Drei Tage lang wird die Stadt bei dieser Zerstörung abgeriegelt. Infolge der Angriffe werden mehrere Dutzend Menschen ermordet.

17.09.1992
Während des Treffens der Sozialistischen Internationale in Berlin wurden der Generalsekretär der PDK-Iran, Sadagh Scharafkandi, Repräsentant der PDK-Iran in Frankreich Fattah Abdulli, Repräsentant der PDK-Iran in Deutschland Homayoun Ardalan und der Dolmetscher Nuri Dekhurdi von iranischen Agenten ermordet. Es geht als das Mykonos-Attentat in das Gedächtnis der Öffentlichkeit ein. Dieses Attentat führt zu einer langjährigen Diskussion in der deutsch-europäischen Öffentlichkeit über geheimdienstlichen Aktivitäten des Iran in Europa, das aber nicht dazu trägt, dass die bekannten Mörder durch die BRD aus politischen Interessen an den Iran ausgeliefert werden.

20.09.1992
Der 74-jährige Schriftsteller, Journalist, Historiker und Mitbegründer der Arbeiterpartei des Volkes (HEP) und des Kurdischen Instituts Istanbul, Musa Anter wurde der Counterguerilla in Amed (Diyarbakir) zuerst entführt, erschossen und dann am 20.09.1992 tot aufgefunden. Er ist das prominenteste Opfer der Counterguerilla in diesen Jahren.

Oktober 1992
Die südkurdische PDK und YNK griffen gemeinsam die Lager der PKK-Guerilla in den südkurdischen Bergen nahe zur Türkei (Nord-Kurdistan) an. Nach einigen Tagen marschierte in dieser koordinierten Aktion auch die Türkei in Süd-Kurdistan ein. Die Auseinandersetzungen (auch Südkrieg 1992 genannt) dauern etwa einen Monat in Form eines Frontenkrieges an. Die PKK erlitt zwar relativ hohe Verluste und musste ihre grenznahen Lager räumen, konnte sich aber in Südkurdistan halten und die Stützpunkte direkt an der Grenze zur Türkei später wieder aufbauen. In den folgenden Jahren gab es immer wieder bewaffnete Auseinandersetzungen der PKK vor allem mit der PDK und regelmäßig Invasionen der türkischen Armee in Südkurdistan.
Dieser Angriff der PDK und YNK gegen die PKK erfolgte zum einen infolge eines großen Drucks seitens der Türkei – von der Süd-Kurdistan in gewissem Maße wegen den wirtschaftlichen Beziehungen abhängig war – und auch der USA, zum anderen, weil sich PDK und YNK erhofften, durch die Zerschlagung der PKK unter den Nord-KurdInnen mehr Einfluss zu bekommen.

19. Oktober 1992
Hüseyin Çelebi wird während des „Südkrieges“ bei einem Angriff der südkurdischen PDK auf die ARGK in der Region Haftanin getötet. Hüseyin Çelebi hatte in Europa seit Mitte der 80er Jahre viele Institutionen mit aufgebaut und war an der Herausgabe vieler deutschsprachiger Publikationen beteiligt. Für die Entwicklung der Außenarbeit der KurdInnen in Europa war Hüseyin insgesamt eine sehr wichtige Person.
Hüseyin Çelebi ist Ehrenvorsitzender des Verbands der Studierenden aus Kurdistan (YXK). In Erinnerung an ihn wird vom YXK seit 1993 eine Gedichts- und Erzählungenaktivität in Form einer Literatursammlung jährlich durchgeführt.

20. bis 22.11.1992
Erste Wahlen zum kurdischen Nationalparlament in Europa. Insgesamt 153 Delegierte wurden von 87.719 Kurdinnen und Kurden gewählt, darunter 27 Frauen. Auf der Delegiertenkonferenz einen Monat später werden 15 Abgeordnete für die Arbeit im kurdischen Nationalparlament gewählt. Der Versuch ein solches Nationalparlament auch in Nord-Kurdistan durchzuführen, konnte sehr begrenzt durchgeführt werden. Insgesamt wurde ein Jahr später die Idee eines Nationalparlaments nicht mehr weiterverfolgt.

17.03.1993
Der Vorsitzende der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Abdullah Öcalan verkündete am 17.03.1993 auf einer Pressekonferenz in Bar Elias-Libanon einen einseitigen Waffenstillstand. Abdullah Öcalan erklärte dabei, dass die PKK bereit ist, die kurdische Frage auf politischem Wege zu lösen, nicht mehr auf einem eigenen Staat zu bestehen, vielmehr einen demokratischen föderalen Gesamtstaat zu befürworten und Verhandlungen ohne große Vorbedingungen zu beginnen. Der Waffenstillstand wurde für einen Monat verkündet. Die türkische Öffentlichkeit nimmt diese Entwicklung recht positiv auf; es beginnen weite Diskussionen und die Situation entspannt sich kurz vor Newroz erheblich.
Auf der Pressekonferenz war auch Celal Talabani anwesend. Er traf sich kurz zuvor mit dem türkischen Staatspräsidenten Turgut Özal. Özal traf kurz vor der Verkündung des Waffenstillstandes auch einige HEP-Abgeordnete, wo er sein Interesse am Start eines Dialoges offen darlegte. Der Premierminister Süleyman Demirel verhält sich dagegen zurückhaltend.
Ab diesem Waffenstillstand nimmt die PKK von der Idee eines kurdischen Staates endgültig Abstand. Vielmehr wird eine demokratische Türkei gefordert, in der die KurdInnen ihre grundlegenden kulturellen, sozialen und politischen Rechte in Anspruch nehmen können.

21.03.1993
Die Newroz-Feiern verlaufen wegen dem einseitigen Waffenstillstand in Kurdistan und der Türkei weitgehend friedlich. Es gab keine Tote und wenige Verletzte zu beklagen.

16.04.1993
Auf einer zweiten Pressekonferenz am 16. April 1993 in Bar Elias im Libanon erklärte Abdullah Öcalan, dass der Waffenstillstand unbefristet verlängert sei, damit der neue eingeschlagene Weg eine ernsthafte Chance erhält.

17.04.1993
Nur einen Tag nach der Verlängerung des einseitigen Waffenstillstandes starb Turgut Özal, was für den Friedensprozess ein entscheidender Rückschlag ist. Offiziell erlag er einem Herzinfarkt. Doch höchstwahrscheinlich wurde er von denjenigen Kreisen ermordet, die seine Ambitionen, einen Friedensdialog mit den KurdInnen zu beginnen, skeptisch gegenüber standen und den Krieg und die Repression fortgesetzt haben wollen.
Wenige Tage nach dem Tod von Özal verlor auch Bitlis, einer der höchsten Generäle der Türkei, sein Leben durch einen Absturz eines Armeejets. Bitlis stand Özal sehr nahe. Damit waren die zwei wichtigsten Protagonisten eines Dialogs aus dem Weg geräumt. Anschließend kamen von türkischer Seite kaum noch positive Signale.
April/Mai 1993
Nach dem Tod von Turgut Özal wurde der damalige Premierminister Süleyman Demirel vom Parlament zum Staatspräsidenten gewählt. Er blieb bis 2000 im Amt.
Gleichzeitig wird die bis dahin relativ unbekannte DYP-Abgeordnete Tansu Çiller zur Premierministerin. Sowohl Çiller als auch Demirel leugneten die kurdische Frage weiterhin und setzten zusammen mit dem Militär und dem höchsten türkischen General Dogan Güresh den Spezialkrieg in höchster Intensität um. Kurz nach der Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Demirel und Çiller nahmen die Militäroperationen wieder zu.

07.05.1993
Die Demokratie Partei (DEP) wurde am 7. Mai 1993 gegründet. Auch gegen die DEP wurden die Repressionen unvermindert fortgesetzt. Die Provinz- und Kreisgebäude der Partei wurden bombardiert, Festnahmen und Folter an den Führenden Politikern wurden verstärkt.

24. Mai 1993
In der Provinz Bingöl wurden 33 Soldaten durch den ARGK-Kommandanten Shemdin Sakik umgebracht. Dies war keine von der PKK Zentrale verordnete Aktion, vielmehr eine Aktion in eigener Sache. Die PKK verurteilt später diese Aktion; Shemdin Sakik floh 1998 von der PKK und arbeitete anschließend mit dem türkischen Staat zusammen. Durch diese Tat wird der Waffenstillstand jedoch wirkungslos. Die türkische Öffentlichkeit nimmt von einem möglichen Friedensdialog ganz Abstand und die Militäroperationen erreichen wieder eine hohe Dimension.

8. Juni 1993
Die PKK hebt den einseitigen Waffenstillstand auf, nach dem ab Mai die militärischen Auseinandersetzungen in Nord-Kurdistan wieder zunahmen und der türkische absolut kein Interesse an seiner Fortführung zeigte. Ab jetzt intensivierte sich der Krieg, der gegenüber 1992 noch brutaler vom türkischen Staat geführt wurde. 1993 wurden noch mehr Dörfer als 1992 zerstört und ihre Bewohner vertrieben. Die systematischen Verhaftungen nahmen spürbar zu. Die Hisbollah ermordete auf offener Strasse vor allem in den Städten Amed, Batman und Farqin (Silvan) weiter. Die Bevölkerung in den Städten eingeschüchtert. Die Wirtschaft kam zum Erliegen und die Menschen verarmten weiter, auch durch die Massenzuflucht verursacht. Die Bevölkerungszahl in Städten wie Amed und Batman verdoppelte sich innerhalb von 2-3 Jahren.

02.07.1993
Bei einem gezielten Massaker in Sivas wurden 37 systemkritische Schriftsteller, Künstler und Sänger ermordet. Die im Hotel Madimak versammelten Menschen werden von einem aufgebrachten islamisch-faschistischen Mob umzingelt. Durch ein gelegtes Feuer verbrannten sie in diesem Hotel. Das Massaker wurde staatlichen Stellen stundenlang geduldet bevor eingeschritten wurde, womit dies erst möglich wurde. Die Schriftsteller, Künstler und Sänger trafen sich in Sivas anlässlich des alewitisch-kurdischen historischen Dichers und Volkshelden Pir Sultan Abdal, der in Sivas vor 400 Jahren einen Widerstand anführte, zu einer Versammlung.

14.07.1993
Die Ansprache des Vorsitzenden der HEP, Fehmi Isiklar, wurde zum Anlaß genommen, die Partei per Gerichtsbeschluss zu schließen.

15.08.1993
Bei Demonstrationen anlässlich der Aufnahme des bewaffneten Kampfes durch die PKK am 15. August vor neun Jahren kam es in Malazgirt (Provinz Mush) und Digor (Provinz Kars) zu Massakern gegen die Bevölkerung. Es wurde direkt auf die Menschen scharf geschossen. In beiden Städten starben dabei jeweils 25 Menschen.

04.09.1993
2. Internationales Kurdistan-Kultur-Festival in Frankfurt mit ca. 100.000 Teilnehmern. Seitdem wird in Europa jährlich dieses Festival mit jeweils rund 100.000 Teilnehmern Anfang September durchgeführt.
Am gleichen Tag wurde der Abgeordnete der DEP, Mehmet Sincer, von der Counterguerilla in Qoser (Kiziltepe)/Merdîn ermordet.

22.10.1993
Erhebliche Zerstörung der Kleinstadt Lice (Provinz Amed) durch türkisches Militär ähnlich dem Muster im September 1992 in Sirnak. Dutzende Menschen ließen dabei ihr Leben. Lice war eine der Hochburgen der PKK, hatte aber auch eine Symbolwirkung, weil die PKK hier gegründet wurde.

20.11.1993
Die Lehrervereinigung Kurdistans YMK (Yekîtiya Mamosteyên Kurd) wurde in Braunschweig/BRD gegründet.

26.11.1993
Der deutsche Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) verkündete das „PKK-Verbot“. Neben der PKK und ERNK, die in Deutschland kein Sitz hatten, werden weitere 34 kurdische Organisationen verboten. Ihnen wird vorgeworfen, sie hätten gegen das Recht verstoßen, seien gegen den „Gedanken der Völkerverständigung“ gerichtet und würden die „innere Sicherheit“ gefährden.
Es werden Polizeibeamte eingesetzt, die in 19 Städten mit Durchsuchung von privaten Häusern und Vereinen beauftragt werden, die alles Vorgefundene beschlagnahmten. Die Mitglieder der kurdischen Vereine leisteten oft Widerstand, was dazu führte, dass sie wieder geöffnet wurden (unter anderen Namen).
Seit diesem Verbot kurdischer Organisationen wurden und werden regelmäßig kurdische Vereine, Büros, Verlage, private Wohnungen durchsucht und geschlossen, aber auch Veranstaltungen, Demonstrationen, Versammlungen, sogar Feiertage untersagt. Tausende Ermittlungsverfahren wurden seit 1993 eingeleitet und hunderte, ja tausende Menschen zu hohen Geldstrafen verurteilt.

15. Januar 1994
Innerhalb kurzer Zeit werden die berühmten kurdischen Geschäftsleute Savash Buldan und Behçet Cantürk von der Counterguerilla ermordet. Diese waren sehr reich und unterstützten angeblich die PKK. Zuvor am 4. November 1993 hatte die Premierministerin Çiller angekündigt, dass sie über gewisse Geschäftsleute und Schauspieler Bescheid wüßten, die der PKK finanziell halfen, und dass „sie zur Rechenschaft gezogen würden“.
2. März 1994
Die Immunität der DEP-Abgeordneten im türkischen Parlament wurde am 2. März 1994 aufgehoben; alle Abgeordneten wurden anschließend in einer unmenschlichen Art und Weise festgenommen. Sofort wurde ein Gerichtsverfahren gegen sie eingeleitet und die lebenslängliche Strafe bzw. Todesstrafe vom Staatsanwalt verlangt. Während einige von ihnen relativ schnell rauskommen, bleiben die prominentesten bzw. beliebtesten DEP-Abgeordneten (Leyla Zana, Hatip Dicle, Selim Sadak, Orhan Dogan) weiter Haft und erhalten jeweils 15-jährige Haftsstrafen.

12./13.03.1994
Die erste internationale Konferenz über Nord-Kurdistan findet in Brüssel statt. Repräsentanten aller bedeutenden kurdischen Organisationen, prominente türkische und kurdische Intellektuelle, Mitglieder von Verbänden und Gewerkschaften, europäische Parlamentarier, Akademiker und Menschenrechtsaktivisten aus ganz Europa, Afrika, den Vereinten Staaten und Kanada kamen zusammen. Die Konferenz fasste eine Reihe von Beschlüssen.

21. März 1994
Nahezu alle geplanten Veranstaltungen anlässlich des kurdischen Newrozfestes werden verboten. Als Reaktion darauf blockieren Kurdinnen und Kurden überall in Deutschland Autobahnen. Es kam zu Hunderten von Festnahmen.

19.-21.03.1994
Nachdem kurdische Newroz-Veranstaltungen in ganz Deutschland kurzfristig verboten wurden, protestierten tausende KurdInnen gegen diese Maßnahmen und blockierten u.a. an mehreren Stellen die Autobahnen. Bei den Autobahnblockaden griff die Polizei ein und es kam zu Auseinandersetzungen, infolge dessen ein Mann sich verbrannte. Er überlebte diesen Brand. Diese Proteste wurden in den deutschen Medien so negativ dargestellt, dass eine anti-kurdische Kampagne gestartet wurde. Der Freiheitskampf der KurdInnen wurde systematisch versucht zu diskreditieren und als terroristisch darzustellen.

21.03.1994
In Mannheim verbrennen sich die beiden Kurdinnen Bedriye Tas (Ronahi) und Nilgün Yildirim (Berivan) aus Protest gegen den Völkermord in Kurdistan und gegen die Verfolgung der KurdInnen in Deutschland. Die Trauerkundgebung in Mannheim wurde verboten und die Stadt in eine Festung verwandelt. Trotz massiven Behinderungen und Wasserwerfereinsatz beteiligten sich 30.000 Menschen an der Kundgebung und setzten sich durch.

Ende März 1994
Die türkische Armee marschierte mit mindestens 10.000 Soldaten in Südkurdistan ein, um gegen die PKK Guerilla vorzugehen. Es kam zu mehreren Gefechten mit Dutzenden Toten. Doch war dieser Einmarsch gegenüber dem vom Oktober 1992 eingegrenzter. Die Truppen wurden recht schnell zurückgezogen.

11.05.1994
Die Demokratiepartei des Volkes (HADEP) wird gegründet. Repressionen, Folter, Drohungen und Mord wurden auch gegen die HADEP fortgesetzt. Die ganze Parteiführung wird noch im Jahre 1994 verhaftet und mehrere Monate lang ins Gefängnis gesteckt. 16 Parteimitglieder der HADEP werden Opfer von „unaufgeklärten Morden“.

Frühling 1994
Die Rivalität zwischen der PDK-Irak und YNK über die Verteilung der Einnahmen aus dem Grenzhandel führte 1994 zu einem bewaffneten Konflikt zwischen beiden, der sogar soweit ging, dass die KDP Saddam Hussein um Hilfe bat, um ihren Gegner die PUK aus Hewlêr zu vertreiben. Das tat Saddam Hussein auch. Die PDK kontrollierte den Norden des selbsverwalteten Süd-Kurdistans und die YNK den Süden. Der Konflikt endete erst 1996 in Washington, D.C.

16. Juni 1994
Am 16. Juni 1994 wurde die DEP per Gerichtsentscheid verboten.

01.07.1994
Halim Dener, ein 16-jähriger Kurde wurde im Stadtzentrum von Hannover von einem Zivilpolizisten gezielt erschossen; er hatte zuvor Plakate für die ERNK verklebt.

Frühling-Sommer 1994
Der Krieg zwischen der PKK und dem türkischen Staat erreichte 1994 seinen Höhepunkt. Die meisten militärischen Auseinandersetzungen fanden in diesem Jahr statt und die meisten Toten auf beiden Seiten sind in diesem Jahr zu beklagen. Nach PKK Angaben starben mehr als 10.000 Soldaten und mehr als 1200 Guerilleros im Jahre 1994. Die PKK hatte 1994 bis zu 25.000 Guerilleros, die Türkei bietete bis zu einer halben Million Militärs auf.
Sommer 1994
Der Kurdische Rote Halbmond (Hevya Sor a Kurdistane) wird 1994 im Exil in Deutschland gegründet und verfügt über verschiedene regionale Stellen. Die Organisation betreut vor allem kurdische Flüchtlinge und Kriegsversehrte aus dem Nordwesten Kurdistans.

Sommer 1994
Der Freie Frauenverband Kurdistans YAJK wurde gegründet. YAJK organisiert kurdische Frauen, die sich für die aktive Unterstützung des Befreiungskampfes in Kurdistan engagieren wollen.
Der Frauenfrage wird in der PKK ein hoher Stellenwert beigemessen. Ohne die Befreiung der Frau könne es keine Befreiung geben. Die Frauenbefreiung wird als eine „Revolution in der Revolution“ gesehen. Frauen seien in Kurdistan einer doppelten Unterdrückung ausgesetzt. Auf der einen Seite die koloniale Unterdrückung, auf der anderen die als Frauen.

03.12.1994
In der Nacht zum 3. Dezember 1994 wurde das Zentralbüro der Tageszeitung Özgür Ülke (Nachfolger von Özgür Gündem) in Istanbul und ihr Zweigbüro in Ankara durch Bombenattentate völlig zerstört. Der Redaktionsmitarbeiter Ersin Yildiz kam dabei ums Leben und 20 weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Der Angriff war auf das Konto der Counterguerilla zurückzuführen.
Özgür Ülke konnte nach zwei Tagen dank der Solidarität anderer linker Zeitungen wieder mit dem Titel „Dieses Feuer wird auch euch erfassen“ erscheinen. Doch noch nur wenigen Wochen später wurde der Vertrieb eingestellt, weil jede Ausgabe beschlagnahmt wurde. Die Herausgabe der Tageszeitung Özgür Ülke wurde dann am 03.02.1995 verboten.

08.-27.01.1995
5. Kongreß der PKK fand unter der Losung „Bildung der Volksmacht“, ab. Neben der Verabschiedung des neuen Parteiprogramms, was das alte von 1978 ersetzte, wurde auf dem 20tägigen Kongreß die Praxis der letzten 4 Jahre ausgewertet. Anfang 1995 konnte die PKK eine militärische Stärke in Kurdistan erreichen, wonach weder die türkische Armee noch die PKK gewinnen konnte. In dieser Phase wollte die PKK in den Gebieten, in denen ein Kräftegleichgewicht herrschte, mit dem Aufbau von Institutionen eines neuen Staates beginnen. Dies stand unter der Losung „Bildung der Volksmacht“.
Auf dem 5. Kongreß wurde auch beschlossen, die Arbeit der DHP (Revolutionäre Volkspartei, stand der PKK sehr nahe und war von 1993 bis 1999 in türkischen Provinzen propagandistisch und militärisch aktiv) stärker zu entwickeln und sämtliche türkische demokratische und revolutionäre Kräfte nach Kräften zu unterstützen. Es wurde auch ein Beschluss über die internationalen Aufgaben gefaßt, in dem die Orientierung auf eine neue sozialistische Internationale festgelegt wird. Diese konnte in den folgenden Jahren nicht realisiert werden.

Februar 1995
Im Februar 1995 unterzeichnete die PKK die Genfer Konvention.
Ende März -April 1995
Die türkische Armee marschierte mit 50.000 Soldaten in die kurdischen Gebiete des Nordirak ein; Ziel war die Zerstörung der Camps der PKK. Die PDK-Irak und YNK beteiligen sich nicht an den Angriffen gegen die PKK, jedoch lassen sie die türkische weit (bis zu 40km) ins südkurdische Gebiet einmarschieren. Die internationale Press berichtete sehr ausführlich über diesen Einmarsch. Nach drei Wochen ziehen sich die türkischen Truppen weitgehend erfolglos zurück.

April 1995
Seit Mitte April 1995 versucht „Yeni Ülke“ mit ihrem Erscheinen, die Tradition der beiden vorherigen prokurdischen Tageszeitungen fortzusetzen. Schon im Juli 1995 wurde auch diese Tageszeitung verboten.

12.04.1995
Gründung des Kurdistan Exil-Parlaments (PKDW) in Den Haag / Niederlande. Es besteht aus 65 Mitgliedern, die sich aus einigen der ehemaligen Abgeordneten und Bürgermeistern der DEP, den gewählten Vertretern der politischen Parteien und Organisationen, den Vertretern des assyrischen Volkes und anderen nationalen Institutionen und Einrichtungen, der religiöse Gemeinschaften, den Vertretern der Arbeiter- und Gewerbetreibender, den Frauen-, Jugend- und Berufsorganisationen und VertreterInnen der kurdischen Intellektuellen- und Wissenschaftlern zusammensetzt. Yashar Kaya ist der erste Präsident des Exil-Parlaments. Das Kurdistan Exil-Parlament ist mit der Hauptaufgabe gegründet worden, einen Nationalkongress der KurdInnen herauszubilden.

15.05.1995
Das erste kurdische Fernsehsender Med-TV begann am 15.05.1995 regelmäßig Sendungen in kurdischer, türkischer, assyrischer und arabischer Sprache in ganz Europa, Nordafrika und den Mittleren Osten auszustrahlen. Schon Ende März 1995 gab es erste Probesendungen.

29.05.1995
Seit dem 27. Mai 1995 versammelten sich die „Mütter der Verschwundenen“, die jeden Samstag in Istanbul mit Fotos ihrer vom Staat verschleppt und ermordeten Angehörigen. Sie protestieren gegen die Politik des Verschwindenlassens in der Türkei und in Nord-Kurdistan. Sie so genannten Samstagsmütter führen zwei Jahre lang diese Protestaktion durch.

14.07.1995
In den Gefängnissen der Türkei und Kurdistans traten die 10.000 PKK-Häftlinge in den unbefristeten Hungerstreik. Außerhalb der Gefängnisse schlossen sich mehrere Tausend KurdInnen als Unterstützter diesen Hungerstreikenden an. Der Hungerstreik endet nach knapp zwei Monaten.
Um sich mit den Hungerstreiken zu solidarisieren begannen ab 20.07.1995 Hungerstreiks in den wichtigsten Zentren Europas. Die deutsche Polizei griff die Hungerstreikenden in Frankfurt und Berlin gewaltsam an, es kam zu tagelangen Auseinandersetzungen und hunderten Festnahmen. Eine Teilnehmerin des Hungerstreiks, Gülnaz Baghistani, in Berlin verlor durch Herzinfarkt ihr Leben.
Nach diesen Ereignissen fanden im Herbst 1995 Gespräche der PKK mit Vertretern der deutschen Regierung statt. Daraufhin nahm die Repression gegen die KurdInnen etwas ab, was zunächst zu keinen weiteren Ausschreitungen mehr führte.

Ende August 1995
In Europa wurde mit „Özgür Politika“ (Freie Politik) eine eigenständige kurdische Tageszeitung seit Ende August 1995 herausgegeben. Sie konnte sich besser den Bedürfnissen der KurdInnen in Europa anpassen und unabhängig von den ständigen Verboten in der Türkei ununterbrochen erscheinen. In den drei Jahren zuvor erschien immer die in der Türkei erschienene Zeitung auch in Europa.

09. bis 11.08.1995
Zur Beendigung der Auseinandersetzun-gen zwischen der PDK-Irak und YNK in Süd-Kurdistan fand in Dublin/Irland das zweite Treffen statt. Es nahmen auch die USA und Großbritannien teil. Es kam jedoch zu keiner ernsthaften Einigung.

September 1995
Aachener Friedenspreis 1995 wurde an die inhaftierte kurdische Abgeordnete Leyla Zana verliehen. Sie wurde auch für den Nobelpreis nominiert.

14.12.1995
Der Vorsitzende der Arbeiterpartei Kurdistans, PKK, Abdullah Öcalan, ruft in einer Sendung des kurdischen Fernsehsenders Med-TV den zweiten einseitigen Waffenstillstand nach 1993 mit der Türkei aus.

24.12.1995
Die Parlamentswahl wurde etwas vorgezogen am 24.12.1995 in der Türkei durchgeführt. Die HADEP erreichte 4,3 % der gesamten Stimmen, was deutlich weniger als erwartet war. Damit scheiterte sie an der landesweiten 10% Hürde, um ins Parlament zu kommen. Während die in der Hälfte der kurdischen Provinzen die HADEP führende Partei war, bekam sie kaum Stimmen aus den westlichen kurdischen Provinzen wie Dîlo, Semsur (Adiyaman), Meleti und Marash und von den in den Großstädten der Türkei lebenden KurdInnen. Gründe für dieses Abschneiden waren Repressionen gegen den Wahlkampf und gegen viele kurdische Dörfer, die schwache Struktur der HADEP in vielen Provinzen und Wahlfälschung. Die Stimmen von 4 bürgerlichen Parteien liegen zwischen 21 und 15 %. Die stärkste Partei wird die islamische Refah Partei (RP) mit 21%. Doch wird zunächst eine Koalition aus drei bürgerlichen Parteien (ANAP, DYP und DSP) gebildet.

21.03.1996
Newroz konnte in Kurdistan wegen den Repressionen nur im kleinen Maßstab gefeiert werden. In den türkischen Städten wie Istanbul (20.000) und Mersin (80.000) hingegen offener.
Die geplante große Newrozfeier in Dortmund wurde einen Tag vorher von der deutschen Polizei verboten. Die Polizei versuchte, die mit Bussen ankommenden Menschen zu stoppen und zurückzuschicken. Die harte Haltung der Polizei führt zu Ausschreitungen mit vielen verletzten KurdInnen. In den deutschen Medien wurden stattdessen zwei verletzte Polizisten, die zuvor in eine Menschenmenge mit dem Auto fuhren, gezeigt und gezielt eine antikurdische Atmosphäre geschaffen.

27.03.1996
Am 27. März 1996 begannen über 1.500 linke politische Gefangene in 43 Gefängnissen in der Türkei und in Kurdistan einen Hungerstreik. Über 10.000 kurdische und türkische politische Gefangene beteiligten sich mit Unterbrechungen daran.

Juni 1996
Der im März begonnene Hungerstreik wurde zu einem dominierenden Thema in der Türkei, nach dem mehrere Gefangene ihr Leben verloren. Unter tagelangen Vermittlungen von Intellektuellen und anderen wurde zwischen Gefangenen und Regierung verhandelt, ein Abkommen erzielt und der Hungerstreik beendet. Für die Durchsetzung grundlegender menschlicher Forderungen verloren insgesamt 13 Gefangene ihr Leben.

28.06.1996
Zum ersten Mal in der Geschichte der Türkei wurde mit Necmettin Erbakan ein Islamist Ministerpräsident der Türkei. Seine Wohlstandspartei (RP) ging eine Koalition mit der DYP von Tansu Çiller ein, die ein Jahr andauerte. Durch diese Koalition wurde die Laizismusdebatte in der Türkei angeheizt. Erbakan verfolgte ansatzweise eine etwas andere Politik gegenüber den KurdInnen. So gab es indirekte Briefwechsel mit der PKK, die jedoch zu nichts führten.

30.06.1996
Zeynep Kinaci (Zilan) verwirklicht während einer Militärparade in Dersim, die erste „Selbstauf-opferungsaktion“ (Selbstmordaktion), infolgedessen neun türkische Soldaten sterben. Es war die erste Aktion der PKK dieser Art. In den kommenden zwei Jahren fanden zwei weitere ähnliche Aktionen gegen türkische Polizei und Militär statt.

Juli 1996
Der zweit einseitige Waffenstillstand der PKK wird aufgehoben, nach dem die Regierung nicht darauf einging und in der türkischen Öffentlichkeit sich keine Bewegung für den Frieden formierte. Schon ab Mai nahmen die militärische Operationen der türkischen Armee und folglich Auseinandersetzungen mit der ARGK Guerilla zu.

Sommer 1996
Der türkische Geheimdienst führte ein Attentat gegen Abdullah Öcalan durch. Ein LKW detonierte vor einem Haus, wo sich Öcalan doch nicht aufhielt.

26.10.1996
Sondereinheiten und Soldaten griffen die politischen Gefangenen des Gefängnisses in Amed mit Waffen an. Zehn kurdische politische Gefangene werden bestialisch ermordet. Die Verantwortlichen dieses Massaker wurden in den kommenden Jahren trotz Verfahren nie geahndet.

17.08.1996
Die PDK-Irak griff mit Hilfe der irakischen Armee einige kurdischen Städte, die von der YNK kontrolliert werden, an und eroberte vor allem die Hauptstadt Hêwler. Damit erkämpfte sie sich einen leichten Vorteil gegenüber der YNK.

Dezember 1996
Mit der türkischen DHKP-C (Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front, ehemals Dev-Sol) unterzeichnete die PKK Dezember 1996 ein gemeinsames Protokoll zur Zusammenarbeit auf allen Ebenen und zur Bildung einer gemeinsamen Front. Diese führte jedoch nicht zu einer ernsthaften Annäherung beider Basen. Diese Front wurde 1998 aufgelöst.

28. Februar 1997
Der Nationale Sicherheitsrat (MGK), von Militärs dominiert und die de-facto Regierung in der Türkei seit dem Militärputsch 1980, fasste mehrere Beschlüsse gegen die Islamisierung des Landes. Diese basierten auf einem Bericht des Geheimdienstes. Die Regierung von Necmettin Erbakan wurde unter großen Druck gesetzt (in der türkischen Literatur wird dies auch als Postmoderner Putsch bezeichnet). Auch marschierten in den Strassen von Ankara Panzer als Ausdruck des Machtanspruchs. Im Juni scheitert schließlich diese Koalition.

12.05.1997
Die türkische Armee begann eine weitere eine Großoffensive gegen die Stellungen der PKK-Guerilla in Süd-Kurdistan. Bei dem Einsatz, der von der PDK-Irak geduldet wurde, kamen bis zu 70.000 Soldaten zum Einsatz. Erklärtes Hauptziel der Türkei war die Eroberung des Zap-Tales, was 10-20 km entfernt zur türkischen Grenze lag, wo angeblich die Zentrale der PKK gelegen wäre. Türkische Soldaten kamen zwar ins Zap-Tal, doch wurden sie nach Abschuss eines mit Kommandeuren besetzten Helikopters schnell zurückgedrängt. Gescheitert zogen sich die türkischen Soldaten am 7. Juli zurück. Insgesamt starben wieder hunderte Menschen – vor allem Soldaten – bei diesem Angriff.

23. Mai 1997
Bei den iranischen Präsidentschaftswahlen wurde Mohammad Khatami etwas überraschend gewählt, womit er Rafsandschani ablöste. Khatami repräsentierte den politisch gemäßigten Teil des Staates. Er konnte nur einige Reformen in seiner achtjährigen Herrschaft durchsetzen.

26.08. bis 1. September 1997
Der aus Europa kommende und lange vorbereitete Friedenszug „Musa Anter“ wird bei Urfa (Riha) von türkischen Soldaten gestoppt. Der Zug kam eigentlich nur bis Bulgarien voran, dann wurde mit Bussen weiter gefahren.

25.09.-15.10.1997
Zwanzig tage lang führen türkische Truppen wiederholt in Süd-Kurdistan Operationen gegen die PKK durch.

Ende 1997
Die kurdischen Parteien PKK, PSK, Rizgari, HIK (Harekata Islamiya Kurdistan – Islamische Bewegung Kurdistans), KKP (Kommunitische Partei Kurdistans) gründeten die „Plattform Nord-Kurdistan“. Damit die kleineren nordkurdischen Parteien zum ersten Mal mit der PKK in einem Bündnis zusammen. Nach dem Strategiewechsel der PKK im Jahre 1999 löste sich diese Plattform auf.

08.01.1998
Der kurdische Student Ümit Cihan Tarho, wird in der Inönü-Universität in Meletî (Malatya) von türkischen Faschisten (Graue Wölfe) angegriffen und ermordet. Ümit setzte sich für die Rechte der Studierenden an der Universität und KurdInnen in der Türkei ein.

März 1998
Die türkische Armee marschierte für etwa zehn Tage in den Süden Kurdistan, um PKK Stellungen dort anzugreifen. Es nahmen mehrere tausend Soldaten daran teil, womit es vom Ausmaß deutlich kleiner als der Einmarsch 1997 war.

12.05.1998
Eine faschistische Gruppe führte ein Attentat auf Akin Birdal, dem Vorsitzenden des Menschenrechtsvereins (IHD), durch. Akin Birdal überlebte trotz neun Kugeln schwer verletzt. Er war eine sehr bekannte Person in der Türkei, die sich seit den 80er Jahren gegen Menschenrechtsverletzungen einsetzte.

Juni 1998
In Kirikkale (70km östlich von Ankara) wurde eine Waffenfabrik in die Luft gesprengt. Die Fabrik war anschließend für Monate nicht mehr betriebsfähig.

01.09.1998
Am 28.08.1998 verkündete Abdullah Öcalan während einer internationalen Telekonferenz im kurdischen Med-TV den dritten einseitigen Waffenstillstand der PKK nach 1993 und 1995. Ab dem 1. September, dem „Weltfriedenstag“, ruhten die Waffen der ARGK.
Zuvor stellte das türkische Militär von der Öffentlichkeit versteckte Beziehungen zur PKK auf. Sie forderten von der PKK einen einseitigen Waffenstillstand, damit ein neuer Prozess für einen Dialog eingeleitet werden könnte.

September 1998
Nach der Verkündung des einseitigen Waffenstillstands befolgte die PKK Guerilla diesen Schritt. Doch die Angriffe des türkischen Militärs gingen weiter. Es stellte sich schnell heraus, dass es sich um ein Täuschungsmanöver handelte. Denn ab Mitte September verschärfte sich der Ton der Türkei gegenüber Syrien, sie forderte die Ausweisung von Abdullah Öcalan aus Syrien bzw. Libanon. Das türkische Militär marschierte an der Grenze zu Syrien auf und es wurde offen mit Krieg gedroht. Auch wurde das Euphrat-Wasser nach Syrien spürbar zurückgedreht, was durch die Errichtung des Atatürk-Staudamm und -sees möglich war. Diese Drohungen wurden durch ein Nato Manöver im östlichen Mittelmeer verstärkt.