Geschichte Kurdistans

Das Medische Reich und das Perserreich

614 – 612 v.u.Z.
Die Meder erobern unter ihrem König Kyaksares II. zusammen mit den Babyloniern zunächst die Stadt Assur 614, anschließend 612 die Hauptstadt des assyrischen Imperiums, Ninive (Ninova), und Assur. Damit wird das Assyrische Reich endgültig zerschlagen, die größte bis dahin gekannte Versklavung nimmt ein Ende und zwei neue Staaten werden im Mittleren Osten bestimmend für die kommenden Jahrzehnte: Medien im Iran, Obermesopotamien und Anatolien und Neubabylonien in Mittel-Südmesopotamien und an der Mittelmeerküstenregion.
Aus dem Sieg über die Assyrer leitet sich das in die kurdische Geschichte eingegangene Neujahrsfest „Newroz“ (was „neuer Tag“ bedeutet) ab, was von den Kurden, Perser und anderen iranischen Völkern am 21. März eines jedes Jahres gefeiert wird. Nach der mythologischen Überlieferung symbolisiert Newroz den Aufstand der KurdInnen unter der Führung des Schmieds Kawa (mythischer Held) und anderer Völker gegen die tyrannische Herrschaft des Dehak und dessen Zerschlagung.
Die Meder errichteten das Reich Medien, welches sich in seiner größten Ausdehnung von Ost-Iran bis Mittelanatolien erstreckte. In diesem Prozess des Ausbreitens wurden die im nördlichen und mittleren Zagros- und im Osttaurus-Gebirge ansässigen iranischen und proto-iranischen Völker (u.a. Mannäer und Urartäer), die sich alle kulturell relativ nahe stehen, in die neue Staatsform als Hauptstützen eingegliedert. Der medische Staat stützte sich vor allem auf diese Gesellschaften im groß gewordenen Reich. Nach Meinung verschiedener Geschichtsforscher war dies die Grundlage für die Bildung der kulturellen, sprachlichen und territorialen Einheit der Meder, auf die sich die KurdInnen heute als ihre Vorfahren vor allem in ihren Liedern und Erzählungen beziehen. Es gibt aber auch einige Historiker, die keinen Zusammenhang zwischen Meder und Kurden sehen.
Über die Gesellschaftsstruktur der Meder ist relativ wenig bekannt. Wie oben erwähnt, waren sie in einer Konföderation organisiert. Der Adel spielte eine starke Rolle.

585 v.u.Z.
Die Meder breiteten vor allem sich nach Westen aus, wo sie auf die stark organisierten ebenfalls iranischen Lyder stoßen. Die Lyder haben sich ab Anfang des 7. Jh.s in Westanatolien ausgebreitet. Die Meder liefern sich jahrelange Kämpfe mit den Lydern. Während einer großen Schlacht im Jahre 585 v.u.Z. fand eine Sonnenfinsternis statt, die beide Seiten des Krieges erschreckte. Diese Schlacht in Mittelanatolien am Halys (Kizilirmak-Fluß) endete daher ergebnislos; daraufhin wurde ein Frieden geschlossen. Fortan bildete der Halys die Grenze zwischen Lydern und Medern. Herodot erwähnte in diesem Zusammenhang, dass der lydische König Alyattes II. dem medischen König Astyages seine Tochter Aryenis zur Frau gab, um eine Verwandtschaftslinie aufzubauen.
Danach setzte eine relative Friedenslage im Medischen Reich ein, die aufgrund verschiedener politischer Beschlüsse und Praktiken schnell zur Stagnation führte.

560-550 v.u.Z.
Die Meder führten kleinere kriegerische Auseinandersetzungen in der Region um Harran gegen die Babylonier. Während dessen erstarkten langsam die Perser, die ihr Kerngebiet (Persis) im heutigen Südiran in der Zagros-Gebirgsregion haben. Im Jahre 560 v.u.Z. wird Kyros II. König von Ansan, einer Region in der Persis unter der Oberhoheit der Meder, die seit etwa hundert Jahren eine Hegemonie über diesen Raum ausübten.

550 v.u.Z.
Die Perser unter Kyros II. übernahmen bzw. eroberten das Mederreich und gründeten somit das persische Achämenidenreich. Nach Überlieferungen soll der Verrat (das Überlaufen) des medischen Kommandanten Harpagos entscheidend für die Niederlage von Astyages gegen die Perser sein. Dieser steht symbolisch für all die später durch die ganze kurdische Geschichte stattfindenden Verrate und Kollaborationen mit den Besatzern Kurdistans. Doch mindestens genauso beeinflussend für den Untergang war die Politik des medischen Königs gegenüber seinen Fürsten (Adel), deren Kraft er unterschätzt, weshalb diese ihm nicht beistehen, als Kyros die Macht übernimmt.
In wenigen Jahrzehnten fällt neben dem Gebiet des heutigen Kurdistans der gesamte Mittlere Osten unter die Herrschaft der Perser. Die medische Aristokratie genoss im Perserreich der Achämeniden viele Privilegien und wurde an der Verwaltung beteiligt. Medien wurde unter den Achämeniden zur Satrapie (größere Provinz mit politisch-administrativer und militärischer Leitungsfunktion) des Perserreichs. Herodot zufolge musste Medien dem Großkönig jährlich einen Tribut von 450 Silbertalenten, Tierhäuten, Bekleidung, Edelsteinen, Gefäßen und Waffen zahlen. Berühmt begehrt waren auch die nisäischen Pferde aus Medien, die später auch als „himmlische Pferde“ bezeichnet wurden.
Mit der Niederwerfung der Medischen Staates durch die Perser begann für die Kurden von nun an eine ständige bis heute andauernde Phase der Okkupation, Ausplünderung und der Kriege.

541/539 v.u.Z.
Kyros II. eroberte zunächst Anatolien nach der Bezwingung der Lyder im Jahre 539, dann werden 541 die Babylonier geschlagen. Durch die Eroberung Babyloniens gelangte auch Juda unter persische Kontrolle. Die Perser erlaubten den Juden/Israeliten, in ihre Heimat zurückzukehren. Einige Jahrzehnte zuvor wurde ihr Land von den Babyloniern besetzt, infolgedessen sie als Sklaven zusammen mit der Tora nach Mesopotamien gebracht wurden.

521 -486 v.u.Z.
Der König Dareios I. (521-486) gilt als der eigentlicher Gestalter des Perserreiches. komplettierte den Rohbau des Reiches, indem er dessen Verwaltung in Satrapien organisierte, die Wirtschaft stärkte und Teile Indiens und Thrakiens dem Reich anschloss. Außerdem baute er die beiden wichtigsten achämenidischen Residenzen auf, Susa und Persepolis.
Im religiösen Bereich waren viele Fragen bei den Persern offen: Unter den Achämeniden wurde die von Zarathustra gegründete Religion (Zoroastrismus) jedenfalls nicht zur Staatsreligion erhoben. Vielmehr ist unklar, in welcher Weise die altpersischen Weisen in dieser Zeit verehrt wurden. Der König der Könige wurde auch keineswegs als Gottkönig verehrt, stand aber dennoch in einem besonderen Verhältnis zu Ahura Mazda (Gottesgnadentum im Zoroastrismus) und war den einfachen Untertanen völlig entrückt. In religiöser Hinsicht waren die Achämeniden jedoch tolerant, was auch ein Mittel war, die Macht in den eroberten Gebieten zu sichern.

5. Jh. v.u.Z.
Die Perser unternahmen mehrere Versuche, neben den griechischen Besitzungen an der Ägäisküste und in Thrakien auch Griechenland zu erobern, die jedoch alle scheitern.

401 v.u.Z.
Xenophon, ein griechischer Kommandant und Abenteurer, berichtete beim Durchmarsch seiner Armee durch Nord-Kurdistan von seinen Erlebnissen. Er berichtete von den „Karduchoi“ (Karduchen). Die Griechen wurden bei ihrem Marsch von Mittel-Mesopotamien bis zum Schwarzen Meer von ihnen so angegriffen, dass sie große Verluste hinnehmen mussten. Diese Berichte des Xenophon ist für die heutige kurdische Geschichtsforschung eine wichtige Quelle („Anabasis“).
Dieser Bericht lässt schließen, dass zu dieser Zeit unter dem Namen Corduene, Cordyene, Cardyene, Gordyaea, Korduene, Korchayk und Girdiyan ein Staatswesen im nördlichen Mesopotamien, also in Nord-Kurdistan existierte, wenn es auch oberflächlich zum Persischen Reich gehörte. Die unterschiedlichen möglichen Namen rühren wahrscheinlich von der schwierigen Transskription des kh im Lateinischen her. Karduchoi oder Corduene erstreckte sich wahrscheinlich von Hakkari bis Amed und umfasste auch einen Großteil des Osttaurus-Gebirges.
Der römische Historiker Strabon verwendete den Begriff Gordyene für die Berge zwischen Amed und Mush. Die größten Städte sollen Sareisa (Shareisha oder Shereshe, nahe Ergani), Satalca und Pinaca (Cizre) gewesen sein und die Bewohner Nachfahren der Carduchianer. Nach ihm waren die Einwohner große Baumeister und als Experten im Belagerungswaffenbau bekannt.
Nach Alexander der Große untersteht die Region von 301 bis 189 v.u.Z. den Seleukiden. 189 bis 90 v.u.Z. war Corduene ein unabhängiger Staat. Danach herrschten Phraates III. von Parthien wie auch Tigranes II. von Armenien über das Land.

Ab 334 v.u.Z.
Alexander der Große aus Makedonien (Griechenland) besiegt 331 entscheidend das geschwächte aber noch intakte persische Großreich. Kurdistan fällt auch unter hellenische (griechische) Herrschaft. Alexander der Große zieht bis Indien und Mittelasien. Dabei zerstört er viele historische Städte wie Persepolis und Alexandria und ihre Büchereien. Er versucht eine Synthese der hellenischen und östlichen Kultur durch Heirat seiner Soldaten mit Frauen aus der Region zu entwickeln.

323 – 240 v.u.Z.
Nach dem Tod Alexanders 323 v.u.Z. kam es zu den so genannten Diadochenkriegen. In diesen setzte sich im Osten ein Weggefährte Alexanders, Seleukos I. durch. Das Reich wird in Satrapen aufgeteilt. Eines davon ist das Satrapat Medien. Der Iran war während des Hellenismus jedoch nur teilweise und unvollständig unter der Kontrolle der Seleukiden. Dies war zum einen der Größe des Raumes, andererseits der geringen Anzahl von Griechen bzw. Makedonen geschuldet, die diese Region kontrollieren mussten. Die ersten Seleukiden bevorzugten zwar Makedonen und Griechen, versuchten aber einen „modus vivendi“ mit den Einheimischen zu schaffen. Diese Ausgleichspolitik war zu Anfang durchaus erfolgreich. Daneben betrieben die Seleukiden auch eine gezielte Urbanisierungspolitik, vor allem in Syrien und Mesopotamien.
Die ersten Zerfallserscheinungen traten mit dem Abfall Baktriens (ca. 256 oder 240 v.u.Z.; die Chronologie ist sehr unsicher) auf. So beschränkten die Seleukiden ihre Herrschaft auf den westlichen Teil des heutigen Irans (inkl. Medien) sowie auf Mesopotamien, Syrien und Anatolien. Im Osten traten in dieses Machtvakuum die Parther, die um 240 v. Chr. den Nordosten des Irans in Besitz nahmen. Doch weiter im Westen existieren seleukidisch beherrschten Gebiete, die später von den anrückenden Römern (bis etwa 130 v.u.Z.) oder den Parthern unter Kontrolle gebracht werden.