Geschichte Kurdistans

Die Römer, Parther und Sassaniden

235 v.u.Z.
Im Iran gründeten die vom südlichen Kaspischen Meer kommenden nicht-persischen, aber iranischen Parther einen zentralistischen Staat, der sich von Ostiran und südwestlichem Mittelasien bis nach Mesoptamien erstreckte. Das heutige Kurdistan gehörte komplett auch diesem Reich an. Dieser konnte gewissermaßen als eine Fortführung des Perserreiches verstanden werden. Die Parther waren wohl ursprünglich ein Teilstamm der Skythen mit dem Namen Parner (Parni), der an der Südostecke des Kaspischen Meeres ansässig war. Als sie in die Satrapie Parthia einwanderten (nicht ganz sicher), nahmen sie den davon abgeleiteten Namen Parther an.
Kulturell und religiös zeigten die Parther eine große Toleranz, auch wenn die Könige eine besondere Nähe zum Zoroastrismus zeigten, und waren vor allem der hellenistischen Kultur gegenüber sehr aufgeschlossen. Es verbanden sich im Partherreich vielfach achämenidische und seleukidische Traditionen. Allerdings wurde nach der Zeitenwende wohl wieder stärker das iranische Element betont – vielleicht in bewusster Abgrenzung zu den Römern. Die Parther waren kulturell fruchtbar und stellten das Bindeglied zwischen der griechisch-römischen Welt und Mittelasien und China dar – auch wenn viele Details aufgrund der schlechten Überlieferungslage unklar bleiben. Die militärische Macht der Parther lag im massiven Einsatz berittener Bogenschützen und in ihrer schweren Kavallerie begründet. Allerdings sind keine detaillierten Berichte über das parthische Militärwesen erhalten.
Innenpolitisch war das Partherreich ein Feudalstaat, in dem sich dynastische Unterfürstentümer (z.B. Armenien, Charakene, Elymais, Atropatene Media) herausbildeten. Die Zentralregierung war offenbar nur recht schwach ausgeprägt (trotz eines Königsrats), und die Macht der großen Adelshäuser war beträchtlich, sogar am Hofe des Königs.
Die Existenz der Atropatene Media zeigt, dass Medien auch nach dem Perserreich noch eine gewichtige Rolle innerhalb der persisch-iranischen Herrschaftsdynastien innehatte. Jedoch sind die historischen Quellen über Medien und Kurdistan aus dieser Zeit sehr spärlich.

190-55 v.u.Z.
Nach der Niederlage der Seleukiden gegen die Römer in der Schlacht von Magnesia im Jahr 188 v.u.Z. rief sich Artaxias zum König von Armenien aus. Seine Nachkommen, die Dynastie der Artaxiden, festigten die weitere Unabhängigkeit Armeniens als selbstständiges Königreich. Um 95 bis 55 v.u.Z. erreichte die Macht des Artaxidenstaates ihren Höhepunkt. Tigranes der Große ließ sich zum König der Könige ausrufen und kontrollierte zeitweise sogar das ehemalige seleukidische Kernland Syrien. Damit war Nord- und Mittel-Kurdistan unter armenischer Herrschaft. Sein Bündnis mit Mithridates von Pontos um 55 v.u.Z. brachte ihn jedoch in Konflikt mit den Römern, die ihn zwangen, Syrien wieder aufzugeben und ihre Oberhoheit über seinen Staat anzuerkennen.
Den in Mesopotamien und dem Iran herrschenden Parthern gelang es anschließend, Vertreter des eigenen Herrscherhauses, der Arsakiden (Arschakuni), auf den Thron zu setzen.
In den kommenden zwei Jahrtausenden lebten die Kurden und Armenier neben- und miteinander zusammen (weitgehend friedlich); bis zum Genozid an den Armenier im Jahre 1915. Neben Kappadokien waren sehr viele Provinzen im heutigen Nord-Kurdistan von Armeniern bewohnt, in den Provinzen wie Erzurum, Kars, Van, Agri und Mus bildeten sie etwa die Hälfte der Bevölkerung. Deshalb wurden/werden diese Provinzen oft auch zu Armenien gezählt. Im Laufe der Geschichte konzentrierten sich in den gemischten Gebieten die Armenier auf das Handwerk- und den Handel, während die Kurden eher in der Land- und Viehwirtschaft tätig waren.

141 v.u.Z.
Das bis dahin noch seleukidische Mesopotamien wurde durch die Parther erobert. Die Seleukiden konnten sich bis zu den Eroberungszügen der Römer sich an der Levante halten.

115 v.u.Z.
Unter dem erfolgreichen Partherkönig Mithridates II. (124-88 v.u.Z.) wurde 115 v. Chr. die Seidenstraße „eröffnet“: Eine Delegation des chinesischen Kaisers Wu Ti machte ihre Aufwartung.

1. Jh. v.u.Z.
Erwähnung der Kyrtii in der Geographie des lateinisch schreibenden Strabon.

163 v.u.Z. bis 74 n.u.Z. (nach unserer Zeitrechnung)
Zwischen dem Römischen und Parthischen Reich am Euphrat etwa in der heutigen Provinz Adiyaman (Semsur) bildete sich das kleine Kommagene Reich aus, nachdem es unter Ptolemaios VI. Philometor von Ägypten 163 v. Chr. von den Seleukiden unabhängig wurde. Die Hauptstadt war Samsat, was heute in den Wassermassen des Atatürk-Stausees begraben ist. Es war ein Pufferstaat, der aber eher unter römischen Einfluss stand. Der bedeutendste König war Antiochos I. (69 – 36 v.u.Z.). Nach dem Tod Antiochos‘ III. (17 n. Chr.) wurde Kommagene langsam in das Römische Reich eingegliedert.
Eine der größten Leistungen sind die heute berühmten Statuen auf dem Berg Nemrut. Das Reich Kommagene lag im heutigen Kurdistan, weshalb von verschiedenen Stellen Thesen über eine eventuelle Verwandtschaft zu den Kurden gestellt wurden.

Anfang des 1. Jh. v.u.Z.
Die aus Italien stammenden Römer, die um das Mittelmeer herum ein Großreich gegründet hatten, okkupierten die gesamte Region um das östliche Mittelmeer, also Ägypten, Palästina/Israel, Syrien und West-Mittelanatolien. Damit beginnt die römische Kolonisierung des Mittleren Ostens.

69-53 v.u.Z,
Bald nach dem ersten Zusammentreffen der Parther unter Sulla mit den Römern zu Beginn des 1. Jahrhunderts v.u.Z., wurde das Partherreich zum Rivalen Roms um die Macht im Mittleren Osten, wobei es nicht zuletzt um den an Bedeutung zugenommenen Handel ging. Zahlreiche militärische Auseinandersetzungen kennzeichneten hinfort das Verhältnis der beiden Staaten, wobei die Parther in der Regel die Angegriffenen waren. Am bekanntesten ist sicher die römische Niederlage in der Schlacht bei Carrhae 53 v.u.Z. (25.000 tote römische Soldaten). Anlass dieser Schlacht war der Bruch der 69 v. Chr. geschlossenen Verträge, die den Euphrat als Grenze festlegten, durch den römischen Statthalter Syriens Crassus.

20 v.u.Z.
Unter dem römischen Kaiser Augustus erkannten beide Reiche den Euphrat als Grenze an.

54-218 n.u.Z.
Weitere römisch-parthische Kriege fanden unter den Kaisern Nero (in Bezug auf Armenien: 54-63 n.u.Z.), Trajan (114-117), Mark Aurel bzw. Lucius Verus (161-166), Septimius Severus (195 und 197/198) und Caracalla (216-18; der Krieg wurde erst nach seinem Tod unter Macrinus beendet) statt. Kurdistan, Mittel-Süd-Mesopotamien und Armenien waren bei diesen Angriffen oft der Kriegsschauplatz. Die Römer konnten nie wirklich erfolgreich sein, obwohl sie dreimal die parthische Hauptstadt Ktesiphon erobern konnten; denn sie gelangten an ihre Kapazitäten.
Die Euphratgrenze erwies sich angesichts der zahlreichen Kriege als erstaunlich dauerhaft und bestand bis zum Ende des Partherreiches im Wesentlichen unverändert fort. Obwohl es unter Nero im Jahre 63 zu einem Kompromiss in Hinblick auf Armenien (und teilweise heutiges Nord-Kurdistan) gekommen war, blieb das Land noch über Jahrhunderte umstritten; dies sollte sich auch später unter den Sassaniden nicht ändern, da das Land von großer strategischer Bedeutung war.

Ende 2. Jh. / Anf. 3. Jh. n.u.Z.
Vor allem im 2. Jahrhundert n.u.Z. wurde das Partherreich durch mehrere Bürgerkriege erschüttert. Auch im Kampf mit dem alten Rivalen Rom musste man einige Niederlagen hinnehmen. Doch auch die Abwehrkämpfe gegen die Steppenvölker aus Mittelasien an der Nordostgrenze stellte eine ständige Belastung für das Reich dar, dessen König nur über relativ geringe Einnahmemöglichkeiten verfügte (wie etwa Zölle).

211-226 n.u.Z.
In Persis, Kernland der Perser, begann zu Beginn des 3. Jahrhunderts n.u.Z. eine Revolte unter dem lokalen Fürsten (Unterkönig) Ardaschir I., der um 211 Feldzüge in die benachbarten Regionen unternahm. Ardaschir konnte schließlich 224 den letzten parthischen König in einer Schlacht besiegen und töten. Er selbst wurde 226, nach der Eroberung von Ktesiphon, wo sich ein anderer Arsakide noch zwei Jahre hatte halten können, zum König gekrönt. Er begründete so die Dynastie der Sassaniden, deren Neupersisches Reich bis ins 7. Jahrhundert fortbestand und erst im Zuge der islamischen Expansion am Ende der Spätantike unterging. Dabei ergaben sich zahlreiche Kontinuitäten in Bezug auf Staatsaufbau und Gesellschaft, und viele parthische Adelsgeschlechter konnten sich mit den Sassaniden arrangieren und auf diese Weise Macht und Einfluss sichern.
Das Sassanidenreich, das in der Forschung gelegentlich auch als Neupersisches Reich bezeichnet wird, war über Jahrhunderte hinweg eine bedeutende Großmacht und ein Rivale des römischen bzw. des oströmischen Reiches. Außer kriegerischen Auseinandersetzungen gab es aber auch zahlreiche friedliche Kontakte zwischen Römern und Sassaniden, die sich in vielerlei Hinsicht gegenseitig beeinflussten.
Ardaschir war offenbar bestrebt, den Einfluss der mächtigen Adelsfamilien zu begrenzen, was ihm allerdings nur teilweise gelang. Im Sassanidenreich gibt es keine Provinz Medien mehr. Auch werden in den historischen Quellen nicht mehr von den Medern gesprochen. Dies könnte daraufhin deuten, dass die Kurden sich in anderer Form oder unter anderen Namen begannen zu organisieren.

216-276  n.u.Z.
Der Zeichner und Religionsstifter Mani verbreitete ab 240 in Mesopotamien und im Iran eine neue Schriftreligion (Manichäismus). Diese vereinigte in sich das Christentum, den Zoroastrismus und Buddhismus und formte eine ausgeprägt tolerante Religion. Seine Religion versuchte dabei Nachfolger und Überbietung zu sein. In diesem Rahmen ging Mani von einem ewigen Kampf von Gut und Böse, von Licht und Dunkelheit, von Geist und Materie aus.
Mani beeinflusste eine längere Zeit sogar den damaligen sassanidischen Herrscher Schapur I., der ihn förderte und nach manichäischer Tradition die Mission in seinem ganzen Reich erlaubte. Ihm widmete Mani sein einziges persisch abgefasstes Buch Schapuragan. Ein Bruder des Großkönigs, Peroz, konvertierte sogar zum Manichäismus; dennoch stützte sich Schapur weiterhin vor allem auf den Zoroastrismus. Doch eine Intrige des nachfolgenden Herrschers in Zusammenarbeit mit der zorostrischen Priesterschaft führte zum Tod von Mani. Damit wurde diese Religion schnell zurückgedrängt.

240-272
Schapur I. (240-272) gilt als eine der großen sassanidischen Könige. Neben einigen Kriegen gegen die Römer stach ansonsten innenpolitisch aus Schapurs Regierungszeit vor allem seine recht intensive Urbanisierungspolitik hervor. In den von Schapur gegründeten Städten wurden auch aus dem Westen stammende Menschen, darunter auch etliche Christen, die dort ihren Glauben nicht ausüben konnten, angesiedelt.

3. – 7 Jh.
Das römische Reich und die persische Sassaniden Dynastie bekämpften sich ununterbrochen um die Vorherrschaft. Der Krieg fand oft auch auf kurdischem Siedlungsgebiet statt. Der ständige Kriegszustand zwang die Kurden sich immer wieder in die Berge zurückzuziehen, wo sie Schutz für ihre Existenz fanden.
Ganz wie die Römer hatten die Sassaniden nicht nur an einer Front zu kämpfen. Auch das Neupersische Reich musste sich (wie schon die Parther) gegen Eindringlinge aus den Steppen Zentralasiens und aus dem Kaukasus zur Wehr setzen.

359
Der Großkönig Schapur II. führte seit 338 einen langen Krieg gegen die Römer mit Ziel, den aus persischer Sicht schwer erträglichen „Friedensvertrag“ von 298 zu revidieren. Ihm gelangen nach anfänglichen Rückschlägen mehrere Siege; so konnte etwa die sehr wichtige Festung Amida (heutiges Amed bzw. Diyarbakir) im Jahre 359 eingenommen werden. Doch kurze Zeit später nahmen die Römer diese Stadt zurück.

387
Die wieder erstarkten Sassaniden erreichen nach kriegerischen Erfolgen durch einen Vertrag, dass 4/5 der Provinz Armenien (auch Persarmenien genannt, reichte bis hinein nach Nordmesopotamien) von den Römern abgetreten wurde.

395
Das Römische Reich wird in Ost und West geteilt. Während das weströmische Reich in wenigen Jahrzehnten untergeht, hält sich Ostrom lange an der Macht und wird später in Byzanz umbenannt.

400-470
Unter Yazdegerd I. (399-420) konnte das Christentum im Perserreich an Boden gewinnen, auch wenn es weiterhin gelegentlich zu Verfolgungen kam. Um 450 mussten die Sassaniden einen gefährlichen Aufstand in Persarmenien niederschlagen, der sich ebenfalls an religiösen Fragen entzündet hatte. Um 470 wurde die nestorianische assyrische Kirche des Ostens gegründet. Dies war eine Abspaltung von der orthodoxen im Römischen Reich dominanten Kirche. Da nun die Perser die Christen nicht mehr fürchteten, kam es auch zu keinen weiteren Christenverfolgungen.

4.-5. Jh.
Einige Historiker vertreten die These, dass die Kurden vor allem im 4. und 5. Jh. n.u.Z. das Gebiet des heutigen Kurdistans insgesamt besiedelten, sich also weiter in Richtung Nordwesten orientierten.

502
Im 5. Jh. Gab es fast keine kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Ost-Römern und Sassaniden. Ab 502 begannen wieder die Kriege zwischen Sassaniden und Oströmern. 503 gelang es den Sassaniden für 2 Jahre die strategische Stadt Amida (Amed) mit ihrer großen Festung einzunehmen.

531-579
Großkönig Chosrau I. Anuschirvan (531-579) war der große Gegenspieler des oströmischen Kaisers Justinian I. Während Chosraus Herrschaft erreichte das Reich seine größte Blüte und Ausdehnung (bis Jemen und Oman), er selbst lebte in der Sagenwelt des Orients weiter, während sein Name als Kisra bei den Arabern bis heute das Synonym für „König“ ist (ähnlich wie Caesar als „Kaiser“ im Deutschen). Im Inneren entstanden prächtige Bauwerke, und der Ruf des hochgebildeten Großkönigs als Patron der Künste und Wissenschaften drang bis nach Athen: Nach der Schließung der weltberühmten Akademie von Athen im Jahr 529 suchten die letzten heidnischen Neuplatoniker 531 Zuflucht im Perserreich. Im Inneren konnte Chosrau offenbar wenigstens zeitweise die Position des Königtums gegenüber dem Adel stärken und mehrere Reformen in Angriff nehmen.

560
Im Nordosten vernichtete Chosrau mit Hilfe der Türken um 560 das Reich der Hephthaliten, woraufhin allerdings die Türken deren Platz als Feind der Perser einnahmen.

590-628
Der letzte bedeutende Sassanidenherrscher Chosrau II. musste kurz nach Machtantretung sehr bald vor seinem General ausgerechnet zu den Römern fliehen und erlangte seinen Thron 591 nur mit Hilfe des Kaisers Maurikios zurück, wofür die Römer erhebliche Gebiete (zurück-)erhielten. Während die Sassaniden in den vorangegangenen Jahrhunderten niemals ernsthaft versucht hatten, ihren Machtbereich im Westen über Armenien und Mesopotamien hinaus auszuweiten, brach Chosrau ab 602 angesichts der militärischen Erfolge nun mit dieser Politik: Syrien und Ägypten wurden als dauerhafte Eroberung administrativ in das Perserreich integriert. 626 kam es sogar zu einer Belagerung Konstantinopels. Doch die scheinbare Macht des Sassanidenreiches, das seine Leistungsfähigkeit in diesem Kampf stark überfordert hatte, erwies sich nun offenbar als brüchige Fassade. Entscheidend für die persische Niederlage aber waren vermutlich weniger die verzweifelten Aktionen des Kaisers, der zu keinem Zeitpunkt auf die Hauptstreitmacht der Sassaniden traf, als das Eingreifen von türkischen Stämmen aus Mittelasien in den Krieg. 627 wurden die Perser dann von den Römern endgültig zurückgeschlagen und das Reich stürzte in eine tiefe Krise.