Geschichte Kurdistans

Arabisch-Islamische Eroberung und kurdischer Widerstand

Mit dem Islam im 7. Jahrhundert kam die letzte große monotheistische Religion auf die Weltbühne. Heute ist sie zusammen mit dem Christentum, Judentum, Buddhismus und Hinduismus der bestimmende Glauben in der Welt.
Die von Mohammed verkündete Botschaft eines kompromisslosen Monotheismus fand im polytheistischen Mekka (heutiges Saudiarabien) jener Zeit wenige Anhänger und die junge muslimische Gemeinde musste im Jahre 622 Mekka verlassen (Hidschra genannt) und in das nördlich gelegene Medina auswandern. Als Mohammed dort sehr stark wurde, seine Macht ausbaute, eroberte er 630 Mekka. Damit begannen die Eroberungszüge auf der arabischen Halbinsel. Mohammed erzeugte durch die neue Religion des Islam, die dritte große monotheistische Religion, eine neue große Dynamik, die ihren Ursprung aus den arabischen Stammesgesellschaften mit ihrem heidnischen Glauben nahm. Als er mit verstarb 632, war die südliche und mittlere arabische Halbinsel schon erobert.
In dieser Zeit waren die beiden seit Jahrhunderten bestimmenden großen Reiche der Oströmer und Sassaniden von einem erneuten langen Krieg erschöpft gewesen, den sich beide bis 629 geliefert hatten. Dies begünstigte auch den arabisch-islamischen Eroberungszug. Weiterhin waren sie politisch-ideologisch in einer Stagnation. Ausschlaggebend für den Erfolg des Islams waren auch die wesentlich mildere und im rechtsstaatlichen Sinne berechenbarere Besteuerung und die relativ größere Toleranz gegenüber religiösen Minderheiten. So genannte „Heiden“ wurden verfolgt, aber nicht Anhänger der Buchreligionen (Christen, Juden und Zoroastrier), wenn sie eine Kopfsteuer zahlten. Erst später kam es zu größeren Ausschreitungen von Seiten der Moslems; auch die Steuerbelastung nahm später zu. Hinzu kam, dass den islamisch-arabischen Kämpfern eine große Beute nach jedem Sieg zustand.
Wichtig ist festzuhalten, dass die Ursachen für den Islam nicht in einer einzigen Erklärung, sondern in einer Vielzahl von Faktoren zu suchen sind. Auch der Satz, dass kein Weltreich oder Imperium (was mit Eroberungen und Unterdrückung verbunden ist) für immer existieren wird, egal wie stark es ist, bewahrheitete sich in dieser Zeit wieder einmal als auch für alle anderen späteren Reiche und Imperien.
Die Verwaltung des neuen Reiches sah so aus, dass von den Arabern auch griechischsprachige Verwaltungsbeamte übernommen, was zur Folge hatte, dass Griechisch und Persisch als Verwaltungssprache erst mit Abd al-Malik durch das Arabische ersetzt und im 8. Jahrhundert langsam zurückgedrängt wurden. Offenbar änderten die Araber relativ wenig an dem bestehenden Verwaltungssystem, das ja auch effektiv arbeitete. Zunächst war der neue Großstaat aber relativ locker aufgebaut, wobei die Gouverneure weitgehend freie Hand hatten. Erst ab etwa 662 wurde eine straffere Zentralverwaltung geschaffen, die eine Konsolidierung des Reiches brachte.

637 n.u.Z.
Die Eroberungswelle der arabisch-islamischen Herrscher breitete sich unter dem zweiten Khalif Ömer (Umar) nach Norden (Iran, Kurdistan und Nordafrika) aus.
Ab 637 sind auch die Kurden von den Eroberungen betroffen. Die bis dahin zumeist zarathustrischen Kurden und Perser werden fortan durch die Eroberungszüge in Etappen islamisiert. 650 kommen die islamisch-arabischen Armeen in Armenien an, das erst 693 vollständig erobert wird. Bis auf eine kleine Minderheit an der Grenze zu Arabien, erfolgt dies bei den Kurden durch Zwang. Sie sind nicht wie die Araber in Mesopotamien oder Syrien mit den neuen Herrschern einverstanden.
Die kurdische Bevölkerung wehrte sich bis weit ins 9./10. Jh. gegen die gewaltsame Islamisierung und führte zahlreiche Aufstände gegen die islamische Zentralregierung mit ihrem neuen Hauptsitz (ab 661) in Damaskus. Besonders die bergigen Gebiete im Norden Kurdistans leisteten erbitterten Widerstand, während die im Süden an der Grenze zu den Arabern lebenden KurdInnen schnell unter Kontrolle gerieten. Das mittlere und östliche Taurus-Gebirge bildete für einige Jahrhunderte eine Barriere für die Ausbreitung des Islams, was auch am Widerstand der Byzantiner lag, die westlich-nördlich vom Taurus-Gebirge noch herrschen konnten.
Der Islamisierungsprozess hatte in den folgenden Jahrhunderten neben kulturellen Einflüssen vor allem eine starke Feudalisierung der kurdischen Gesellschaftsstrukturen zur Folge. Obwohl sich Gemeinden anderer Glaubensrichtungen (Aleviten, Yeziden, Christen, Juden) innerhalb der kurdischen Gesellschaft erhalten bzw. herausentwickelt haben, wurde der Islam zum bestimmenden Faktor und prägenden Element der Traditionen und Lebensweise.
Der Widerstand der Kurden gegen die arabisch-islamischen Eroberer entfachte trotz der Brutalität und der Niederschlagungen immer wieder auf. Dutzende Aufstände fanden in dieser Zeit statt.
Ein Massaker im Fürstentum Hakkari Ende des 7. Jh.s zeigte deutlich die Brutalität der Eroberer: Tausende Menschen werden entlang der Straße 25 km lang von Meleti nach In den Süden gekreuzigt. Weitere bekannte Aufstände der KurdInnen:
– 637 Mossul Aufstand
– 642 Sehrizor Aufstand
– 645 Balasagan Aufstand
– 657 – 692: „chawaridschi“ Aufstand
– 708: Aufstand in Ost-Kurdistan
– 744-746 Sehrizor Aufstand
– 777 El-Mukanna Aufstand
– 793 Cizre Aufstand
– 833 Maziyar Aufstand
– 833-838 Cafer Bin-Faharces Aufstand
– 846 Mossul Aufstand
– 867 – 879: Yakub-al-saffar Aufstand
– 839 – 840: Aufstand unter dem kurdischen Fürst Cafar Hasan Desimi gegen die Zentralacht und den Neuglauben
– 9 Jh. Karmati Aufstände
– 903 Almoqtadar Aufstand
– 906 Halbani Aufstand
– 951 Seddadi Aufstand

Ein auf ein Stück Leder geschriebener Text über die arabisch-islamische Eroberung ist höchstwahrscheinlich der erste schriftlich überlieferte Nachweis der kurdischen Literatur:
Die grausamen Araber zerstörten
Die Dörfer der Arbeitenden bis zum Scharizur
Die Frauen und die Mädchen sind gefangengenommen
Die tapferen Männer wälzen sich im Blut
Die Riten des Zarathustra blieben verlassen…
Mit diesem Dokument wurde zum ersten Mal in der Geschichte der heutige genutzte Begriff der Kurden nachweislich benutzt. Zuvor wurden ähnliche Bezeichnungen wie Karduchi, Qurti, Karda, Kyrtii etc. verwendet.

656 – 661
Als Ali, Vetter und Schwiegersohn von Mohammed, Kalif wird, stellte sich Muawiye (Muawiya) ihm entgegen, woraufhin jahrelange Auseinandersetzungen stattfanden. Muawiye repräsentierte die herrschenden Klassen der islamischen Araber, Ali dagegen eher die einfachen Massen und orientierte sich an den Ursprungsideen des Islams. Nachdem Ali 661 ermordet wird, wird Muawiye Khalif (Beginn der Zeit der Omajjaden/Umayyaden) und Ali’s Anhänger ziehen sich in den Süden des Iraks zurück. Somit beginnt im Islam eine Spaltung (Schisma) in Sunniten und Schiiten statt. Die Schlacht von Kerbela am 10. Oktober 680 manifestierte dabei diese Spaltung der Muslime, als der Enkel Muhammads und Sohn von Ali, Hussein, getötet wurde.
Neben den Schiiten beziehen sich die heutigen Alewiten in der Türkei und in Kurdistan auf Ali. Allerdings in geschwächter Form. Die durch die islamischen Armeen größten Massaker ausgesetzten Kurden in Nord-Kurdistan erklärten sich später teilweise zu Anhängern Ali’s, um weiteren Repressionen zu entkommen. Doch dies blieb oberflächlich, die ursprünglichen Glauben wurden von den Kurden weiter gelebt. Der Alevitismus in der heutigen Form bildete sich einige Jahrhunderte später aus.

7. u. 8. Jh.
Auch wenn Byzanz Kleinasien zum größten Teil halten konnte, hatte es seine Stärke endgültig verloren. Byzanz brauchte zwei Jahrhunderte, um sich von diesem Schock zu erholen und wieder zu einer (begrenzten) Offensive überzugehen. Zahlreiche Flüchtlinge strömten in die byzantinischen Gebiete und stärkten somit langfristig gesehen das Kaiserreich, das nun gänzlich seinen lateinisch-römischen Charakter verlor und sich zum griechisch-byzantinischen Reich des Mittelalters wandelte

705-732
Die zweite Expansionswelle des Islams erreichte den Indus in Indien, in das sie teilweise nur eindringen können, kämpfte sich bis Transoxanien (Usbekisten) mit den Städten Samarkand und Buchara durch, eroberte die iberische Halbinsel und wurde erst in der Schlacht von Tours in Frankreich 732 geschlagen.

746 – 750
Der aus dem Osten Kurdistans bzw. Westiran stammende Ebu Muslim Horrasani (Abu Muslim), wurde aus der Sklavenschaft in Kufa befreit und nach Horassan (heutiges Nordostiran) geschickt, wo er bald die Führung des Widerstands gegen die Omajjadan übernahm. Er bündelte den religiösen Widerstand aus Mekka und Medina einerseits und der Perser und Kurden andererseits. Er bezwang so 750 die Dynastie der Omajjaden in Zusammenarbeit mit den Abbassiden (arabischer Stamm aus Mittelarabien) und nahm 750 Damaskus ein. Doch zog er sich kurze Zeit später zurück, obwohl er durch seine militärische Stärke die Stelle des Khalifen hätte einnehmen können. Dies lag eventuell an seiner Person und daran, dass Horrasani sowohl politisch und militärisch als auch in religiöser Hinsicht in Widerspruch mit dem arabisch-sunnitschen Islam stand. Er nahm stattdessen die Position des Gouverneurs von Horassan an. Die neue arabische Dynastie der Abbassiden ab 750 nahm Ebu Müslim Horrasani durch ein Komplott gefangen und lies ihn anschließend umbringen. Die Dynastie der Abbasiden regierte bis 1258.
Das Wirken Ebu Muslim Horassani’s führte auch zu einem Widererstarken der persischen Kultur und bildete den Auftakt zur Bildung persischer Dynastien. Sein Tod führte zu lang anhaltenden politischen Unruhen und Ebu Muslim wurde zu einer legendären Gestalt. Einige Historiker vertreten die Meinung, dass Ebu Muslim Horassani ein Kurde war, der jedoch eher für die persische Kultur arbeitete. Andere Forscher sehen in Ebu Müslim Horasani auch eine wichtige Stütze zur späteren Herausbildung des heutigen Alewitismus.

754
Der abbasidische Khalif Al-Mansur (reg. 754-775) gründete die Stadt Bagdad und macht sie zum neuen Zentrum des Islamischen Reichs. Die Blütezeit des Islams begann damit. Durch die geografische Nähe der neuen Hauptstadt zu Persien, waren viele Iraner Träger dieser Hochkultur der islamischen Philosophie, Kunst, Literatur, Forschung und Technik. Mansurs Enkel Harun ar-Raschid (reg. 786-809) ist der wohl bekannteste islamische Herrscher, verewigt in den Märchen von Tausendundeine Nacht. Das Kalifenreich war nun auf dem Höhepunkt seiner kulturellen Blüte. Namen von Intellektuellen wie Al-Kindi (800-873), Ar-Razi (864-930), Al-Farabi (870-950), Avicenna (980-1037) künden von diesem Zeitalter islamischen Geisteslebens.

8. und 9. Jh.
In der Abbassidenzeit wurden die Ländereien höheren Offizieren und Staatsbeamten mit dem Nutzungsrecht „als Besoldung überlassen“, das ihnen vom Kalifen verliehen wurde. So wurden staatsabhängige, herrschende Großgrundbesitzer und Aristokraten geschaffen, die auch von anderen Völkern gebildet wurden. In dieser Zeit kamen in Kurdistan die ersten ernsthaften Ansätze einer feudalen Großgrundordnung auf. Es tritt auch eine neue Klasse auf: die religiös Privilegierten. Parallel existierten noch eine längere Zeit auch die Überreste der vorfeudalistischen Ordnung.
Die damaligen Aufstände der Kurden können wir in drei Ausrichtungen unterscheiden: 1) Aufstand der kurdischen Fürsten und lokalen Großgrundbesitzer (gegen die islamischen Araber) 2) Aufstand der kurdischen Bauern und Massen (gegen die Fürsten und Großgrundbesitzer) 3) Aufstände der kurdischen Fürsten und kurdischen Bauern zusammen gegen die islamischen Araber. Das Motiv für die breite Masse ist das Ziel des Zurücks zu alten Verhältnissen und alter Religion.
Folgende Aufstände der Bauern und Sklaven richten sich gegen die arabischen Besatzer und die lokalen Großgrundbesitzer und Aristokraten:
– 816 – 837: Babak-Aufstand. Babak, der sowohl religiöser Reformator als Organisator ist, wollte eine Gemeinwesen-Gesellschaft errichten. Religiöse Wurzeln stammen von der Lehre Mazdak’s. Aufstand griff auch nach Aserbaidschan über.
– 868 – 883: Sklavenaufstand. Ein Aufstand von den versklavten Schwarzen in Basra erhielt große Unterstützung durch die kurdischen Massen. Anführer war der Perser Ali Ibni Mohammed, gab sich als Nachkomme Alis und Fatimas aus.

9. und 10. Jh.
Die Byzantiner lieferten sich Anfang des 10. Jh.s verstärkt Kämpfe mit den Arabern um die Vorherrschaft im östlichen Mittelmeer, in Anatolien und Nord-Kurdistan. Es fand eine Ausgliederung von mehreren Provinzen mit eigenen Dynastien statt, die zwar die Oberhoheit vom Khalifen in Bagdad anerkannten, aber Ausdruck der Schwächung der Zentralherrschaft sind. Diese Entwicklung führt auch dazu, dass die Herrschaft der Araber über Kurdistan sich langsam abschwächte.