Geschichte Kurdistans

Schwächung der Vorherrschaft der Araber und erste Kurdische Fürstentümer

Das Großgrundbesitzertum und die Aristokratie bildeten sich ab dem 10. Jh. sowohl im ganzen Mittleren Osten als auch in Kurdistan weiter heraus, festigten Besitzerverhältnisse und ökonomische Grundlagen. Es gab Bestrebungen der regionalen kurdischen Machthaber, sich von der abbassidischen Zentralregierung unabhängig zu machen. Denn in dieser Zeit hatten die Unabhängigkeitsbestrebungen und Aufstände gegen die Araber auch Erfolg. Es entstanden mehrere kurdische Fürstentümer mit weit reichender Autonomie:
– 950 – 1121: Die Hasanwayhiden-Dynastie umfasste viele Gebiete von Süd- und Ost-Kurdistan. Das Herrschaftsgebiet dehnte sich mit der Zeit auf die Städte Scharezur, Dinaver, Hamadan und Nihavend aus. Ihre Hauptstadt war die Stadt Sermac. Während der Herrschaft von Bedir bin Hasanwaih, dem wichtigsten der Fürsten, ab 980 konnte die Dynastie ihre Gebiete bis nach Ahwaz in Husistan, Borudscherd in Luristan und Esadabad ausweiten. Die Dynastie löste sich nach dem Tod des letzten Herrschers 1121 auf.
– 990-1116: Die Annazid- oder Banu Annaz-Dynastie (auch Ayyarid genannt) herrschte in im Süden des heutigen Ost-Kurdistan. Aber auch einige Orte im Südosten des heutigen Iraks gehörten dieser Dynastie an. Abul-Fath Mohammad bin Annaz (990-1011) war der Gründer dieser Dynastie und herrschte von der Stadt Hulwan aus. Die Annazid-Dynastie führte am Anfang einige Auseinandersetzungen mit der Hasanwayhiden Dynastie, denen sie zeitweise Vasallen wurden. Die Regentschaft des Sohnes Hosam-al-Dawla Abul-Shawk (1011-1046) war von Konflikten geprägt. Zeitweise konnte er die Macht bis in die mesopotamische Ebene ausweiten und eroberte 1039 Kermanshah. Mit den Seldschuken führten sie auch viele Auseinandersetzungen, denen sie meistens unterlagen.
– 951 – 1174: Die Schaddadiden-Dynastie umfasste Teile Armeniens und Teile Aserbaidschans (wo in dieser Zeit viel mehr Kurden als heute lebten). Gegründet wurde es von Muhammad bin Schaddad (951-971). Die Hauptstadt dieser Dynastie war Dwin (bei Eriwan). Mit der Zeit eroberten die Schaddadiden weitere Städte wie Parav und Gäncä. Für die Treue als Vasallen zu den Seldschuken bekamen sie noch die mittelalterliche armenische Hauptstadt Ani. In ihrer Glanzzeit beherrschten sie das gesamte Gebiet zwischen den Flüssen Kura und Aras.
– 990 bis 1096: Die Merwaniden bildeten in Nord-West-Kurdistan ein Staat von Wan bis Riha (Urfa)
mit der Hauptstadt Meyafarqîn (Silvan) das größte kurdische Fürstentum in dieser Zeit.
Mit der Schwächung der Buyidenmacht (persisch-schiitische Dynastie in Nordiran) nach 983 errang der kurdische Stamm der Merwan unter Badh die Herrschaft über Meyafarqin und die Gebiete von Amed und Nisebin (Nusaybin). Später marschierte Badh gegen Mosul und nahm es ein. Hier konnte er die Hamdaniden (arabische Dynastie in Nordsyrien und Nordirak von 890-1003) und der Buyiden schlagen. Ein Angriff auf Bagdad aber scheiterte. Badh zog sich nach Meyafarqin zurück und wurde ein Vasall der Hamdaniden.
Die nächsten drei Herrscher der Merwaniden waren alle Neffen des Badhs, wenn auch von verschiedenen Schwestern von Badh. Unter Abu Mansur (997-1011) und Nasr al-Dawla Ahmad (1011-1061) erreichte die wieder unabhängige Dynastie ihren Höhepunkt. Die wirtschaftliche Blüte des Fürstentums wurde durch eine starke Bautätigkeit in den Städten dargestellt (u.a. die Malabadi Brücke gebaut). Auch wurden Kunst und Wissenschaft stark gefördert. Ahmad hatte gute Beziehung zu den damaligen Großmächten und erhielt vom Kalifen den Titel Nasr al-Dawla (Helfer des Staates) und vom Fatimidenherrscher Abu Ali Mansur den Titel Izz al-Dawla (Ruhm des Staates). Des Weiteren hatte er Kontakte zum byzantinischen Herrscher Basilios. Diese Beziehungen stärkten Nasr al-Dawla Stellung sehr.
1071 mussten sich die Merwaniden jedoch den Seldschuken unterwerfen, als nach dem Tod von Nasr ad-Daula Ahmad Machtkämpfe innerhalb der Dynastie ausbrachen und dies zur Schwächung der Marwaniden führte. Durch die Seldschuken wurde die Dynastie 1084 aus Amed vertrieben und 1096 endgültig gestürzt.
– Die Rewandi-Dynastie (oder Rawaddid) herrschte im heutigen Aserbaidschan im Iran. Gegründet von Muhammad ibn Husai im Jahre eroberten sie erst im Jahre 979 Aserbaidschan mit der Hauptstadt Tebriz und Maragheh. Wahsudan bin Mamlan ist der bekannteste der Fürsten. In 1029 half er den Hadhbani Kurden vor den anstürmenden Oghuz Türken. Dann schickt er eine Armee nach Ardebil, das unter seinen Einfluss gerät. Hier baute er eine große Festung. 1054 wurde das Fürstentum von den Seldschuken erobert. Damit wurde es zu einem Vasallen der Seldschuken. Die Rewandi-Dynastie beteiligte sich dann an den Kriegen der Seldschuken und Araber; auch den Kriegen gegen die Kreuzzügler. Die Rewandi herrschten noch bis zur mongolischen Invasion 1227 in Aserbaidschan.
– Weiterhin gibt es die kurdisch-islamische Eyyubiden-Dynastie mit ihrem berühmten Gründer Selaheddin Eyyubi ab 1171. Dieser gehört zu Rewandis Zweig des Hadabani-Stammes. Sie war jedoch nicht in Kurdistan existent, sondern in Ägypten und Syrien. Wenn auch viele Führungskader im Militär und Staat Kurden waren und die Kurdischstämmigkeit nicht geleugnet wurde, ist es vielmehr als eine arabische Dynastie zu verstehen.

Unter diesen Dynastien – ein sichtbares Zeichen der Blütezeit des Aufkommens des Feudalismus in Kurdistan – bildeten sich bedeutende handwerkliche Zentren und Handelsstädte. Geldwirtschaft wurde erweitert und durch bargeldlosen Zahlungsverkehr (Scheck, Gutschrift etc.) erleichtert. Diese Entwicklung führte jedoch nicht zur Unabhängigkeit oder geschweige zu einem zentralen kurdischen Staat, weil diese untereinander nicht zusammen kamen und außerdem sie ab dem 11. Jh. durch die starken und wuchtigen türkischen und mongolischen Einfälle und Zerstörungen abgebrochen wurde.