Geschichte Kurdistans

Eroberung Kurdistans durch die beiden Großmächte der Osmanen und Safawiden

1514
In der Schlacht von Çaldiran (nördlich von Wan) besiegten die Osmanen mit unersetzbarer Hilfe der Kurden die Safawiden entscheidend. Die Osmanen eroberten Aserbaidschan mit der safawidischen Hauptstadt Täbriz, Armenien, Georgien und Irak. Fast ganz Kurdistan (bis auf den Südosten) kam unter die Herrschaft der Osmanen. Den sunnitischen kurdischen Stämmen wurde am 9.8.1515 vertraglich ihre volle Autonomie zugesichert. Im Gegenzug sollten die Kurden im Kriegsfalle Soldaten bereitstellen. Auch sollten sie eine kleine Steuer abrichten. Damit bekommen sie aber gleichzeitig die Möglichkeit, Steuer aus dem Handel in und durch Kurdistan einzunehmen. Da die Seidenstraße auch durch Kurdistan verläuft, erhalten einige kurdische Feudalherren regelmäßig hohe Einnahmen. Dies führt zur wirtschaftlichen Entwicklung dieser Gebiete.
Die politischen Zugeständnisse der Zentralregierungen an die kurdischen Herrscherfamilien führten dazu, dass die kurdische Kultur ab dieser Zeit (16. bis 18. Jh.) eine bisher nie dagewesene Blüte erfuhr. Zahlreiche Fürstentümer führten mit einer kulturellen und politischen Entwicklung zu einer umfangreichen Renaissance. Literatur, Architektur, Handwerk, Wissenschaft und Handel erlebten eine große Blüte.

1514
Während des Krieges zwischen den beiden großen Reichen töteten osmanische Soldaten systematisch Alewiten, um eine Kollaboration mit den Safawiden zu unterbinden. So ermordete der osmanische Herrscher Yavuz Sultan Selim I. während seiner Züge nach Kurdistan und Persien mindestens 40.000 Alewiten (zumeist Kurden) bei Sîwas (Sivas).

Ab 16. Jh.
Die einzelnen kurdischen Fürstentümer im Osmanischen Reich waren folgende:
Botan: Das Zentrum bildete die Stadt Cizre am Tigris und umfasste auch Teile der heutigen Provinzen Mardin und Siirt. Das Fürstentum Botan war das mächtigste der kurdischen Fürstentümer im osmanischen Reich. Regiert wurde es zuletzt von der Bedirxan Familie, deren Mitglieder später für die kurdische Sprache und Kultur viel beitrugen. Schon damals war Botan das kulturelle Zentrum der Kurmanci-Literatur (Kurmanci ist vor Sorani der größte kurdische Dialekt) während die südlicheren Fürstentümer Soran und Baban die Sorani-Literatur förderten.
Hakkari: Das Azizan-Fürstentum hatte sein Einflussgebiet etwa in der heutigen Provinz Hakkari und in der südlichen Hälfte von Wan. Westlich davon lag das Fürstentum Botan, südlich Behdinan und nördlich Bazid. Östlich war safawidisches Einflussgebiet. Viel ist über das Azizan Fürstentum nicht bekannt.
Bazid: Die Hauptstadt war die gleichnamige Stadt Bazid (heutiger türk. Name Dogubeyazit), die in der Nähe des Ararat Berges liegt. Bazid’s Bedeutung lag u.a. im Grenzhandel, weil eine wichtige Route in den Iran über diese nur 35 km von der Grenze entfernte Stadt führte. Die Einnahmen durch den Handel waren relativ hoch. Bazid hatte nur Bitlis im Südwesten als einziges kurdisches Fürstentum. Der Norden und Osten war armenisches bzw. russisches Einflussgebiet. In diesem Fürstentum lebten auch sehr viele Armenier.
Bitlis: Dieses Fürstentum entwickelte sich schon im 12. Jh. und hatte sein Zentrum in der Stadt Bitlis, zwischen Wan-See und die Region östlich von Amed.
Milan: Über dieses semi-autonomes Fürstentum um die Stadt Weranshah (türk: Viranshehir) östlich von Botan liegen kaum Informationen vor.
Behdinan (Badinan): ein kurdisches Fürstentum, was im nördlichen Süd-Kurdistan um die Stadt Dohuk herrschte. Das Gebiet erstreckte sich bis runter nach Mossul. Im Norden grenzte Behdinan an die Fürstentümer von Botan und Hakkari und im Süd-Südosten an das Fürstentum von Soran. Gegründet wurde das Fürstentum etwa im 13. oder 14. Jahrhundert von einem Kurden namens Baha-ad-Din. Sein Name gab in abgewandelter Form dem Fürstentum den Namen. Amediye wurde die Hauptstadt der Behdinan. In diesem Gebiet lebten neben den muslimischen Kurden viele yezidische Kurden und christliche Assyrer.
Baban: Baban beherrschte den südlichen Teil Südkurdistans und hatte von 1649 bis 1850 bestand. Feqî Ehmed war der Gründer der Dynastie. Sein Nachfolger Baba Sulaiman erweitere die Einflusssphäre bis nach Kerkuk. Der spätere Herrscher Sulaiman Pascha brachte die Städte Koya, Xaneqîn, Hewler (Erbil), Badra und einige Gebiete im Westiran (Ost-Kurdistan) unter die Kontrolle des Fürstentums. Hauptstadt der Baban war bis 1781 Qala Chuwalan, bis Mahmud Pascha Baban sie in das neu gegründete Silemani verlegte. Die Zeit von 1750 bis 1847 war von Rivalitäten mit anderen kurdischen Fürstentümern wie dem Ardalan- und Soran-Fürstentum und Problemen mit der Zentralisierung des osmanischen Reiches geprägt.
Soran: Soran beherrschte den mittleren-nordöstlichen Teil von Süd-Kurdistan für mehr als sechs Jahrhunderte, bis es von osmanischen Truppen 1835 beseitigt wurde. Es hatte öfters Konflikte mit den Nachbarfürstentümern. Die meiste Zeit war Rewanduz Hauptstadt des Emirates. Soran hatte insgesamt 24 Herrscher.

Die kurdischen Fürstentümer im Reich der Safawiden waren folgende:
Ardalan (Erdelan): ein semi-autonomes kurdisches Fürstentum im safawidisch beherrschten Ost-Kurdistan (vor der Gründung des Staates der Safawiden 1501 war es weitgehend selbstständig). Das Gebiet deckte sich etwa mit der heutigen iranischen Provinz Kurdistan. Das Fürstentum bestand seit dem Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Hauptstadt war Sine (Sanandadsch). Der kurdische Stamm des Bani Ardalan gründete das Fürstentum und beherrschte das Gebiet bis zum Ende. Als Grenzregion zwischen den Safawiden und den Osmanen war die Bedeutung des Fürstentums für die Safawiden hoch. Das Fürstentum hatte oft Auseinandersetzungen mit dem kurdischen Baban-Fürstentum in Silemani.
Jelali: Dieses kleinere Fürstentum lag ganz im Norden von Ost-Kurdistan an der Grenze zu Nord-Kurdistan. Es war wie Ardalan semi-autonom.

16./17. Jh.
Trotz der Blütezeit der kurdischen Fürstentümer fanden mehrere jedoch nicht sehr verbreitete Aufstände von Bauern nach 1514 statt, die sich sowohl gegen die osmanische Fremdherrschaft als auch gegen die kurdische Feudalobrigkeit richten. Diese werden allesamt blutig unterdrückt.

1555 – ca. 1620
Die Gedichte und Prosa vom kurdischen Dichter Feqiyê Teyran aus Hakkari erlangen zur Berühmtheit in Kurdistan. Feqê Teyran ist heute nach wie vor sehr bekannt und hat ein ausgesprochenes Bewusstsein der gesellschaftlichen und religiösen Herrschaftsordnung, womit er sich in seinen Werken kritisch auseinandersetzt.

1570-1640
Melayê Cizîrî war ein kurdischer Schriftsteller, Poet und Mystiker aus Botan und ein sehr wichtiger Name der kurdischen Literatur. Das bekannteste Werk Melaye Cezires ist der Diwan, der zu den wichtigsten kurdischen Werken gehört. Sein Diwan war damals für die kurdische Literatur sehr wichtig gewesen. Cîzîrî wurde sehr von der klassischen persischen Dichtern Hafiz, Calal ad-Din Rumi und Cami beeinflusst. Seine Gedichte handeln u.a. vom Sufismus.

16. und 17. Jh.
Nach einigen dynastischen Wirren erreichte Abbas I. der Große (1587 – 1629) eine Konsolidierung des safawidischen Reiches. Dann nahmen die militärischen Auseinandersetzungen mit den Osmanen zu, weil die Safawiden verlorene Gebiete zurückzuerobern begannen. So wurde von den Safawiden 1601 Bahrain besetzt, seit 1603 die Osmanen aus Aserbaidschan, Armenien und Georgien vertrieben und 1623 sogar der Irak mit Bagdad wieder erobert. Damit kamen die schiitischen Wallfahrtszentren Nadschaf und Kerbala wieder unter persische Kontrolle. Die Auseinandersetzungen in Kurdistan jedoch hörten nicht auf.

1596
Das Geschichtswerk „Sherefname“ (Prachtschriaft) mit dem Anspruch der ersten vollständigen Überblick über die kurdische Geschichte wird von Sherefhan, Fürst von Bitlis und Sohn von Idrisi Bitlisi, fertiggestellt. Darin wird u.a. von den Geschehnissen in den kurdischen Fürstentümern bis zum Ende des 16. Jahrhunderts erzählt. Diesem bedeutendsten Werk seiner Zeit ist u.a. zu entnehmen, dass das Fürstentum Bitlis seinen Machtbereich sehr ausweitete.

1639
Durch das „Kasr-i Schirin-Abkommen“ (auch: Vertrag von Zuhab) zwischen den Osmanen und Safawiden wurde die osmanisch-safawidische Grenze quer durch Kurdistan festgelegt: Kurdistan wurde zum ersten Mal durch eine vertraglich festgelegte Grenze aufgeteilt (1. Teilung Kurdistans) geteilt. Damit wird der gemeinsame dynamische Entwicklung der Gesellschaften in Ost- und West-Kurdistan ein Riegel vorgeschoben.

1683
Die Osmanen belagern zum zweiten Mal vergeblich Wien. Von nun an beginnt der Niedergang dieses Reiches. Im 16. und 17. Jh. erstreckt sich das osmanische Reich von Algerien bis nach Aserbaidschan/Armenien und vom Jemen bis zur südrussischen Halbinsel Krim.

1685
Der Ishak Pascha Palast wird ab 1685 bei Bazid durch die kurdischen Fürsten Çolak Abdi Pascha und seinen Sohn Ishak Pascha II: errichtet. Erst im Jahre 1784 wird der burgähnliche Palast komplett vollendet. Nur durch die zuvor eingesammelten Steuereinnahmen und Zölle des autonomen Fürstentumes Bazid ist der Bau dieses Palastes möglich gewesen. Es ist ein architektonisch unschätzbares Werk voller Prunk und ein Symbol der damaligen sich entwickelnden kurdischen Kultur.
Der Gebäudekomplex vereint armenische, georgische, persische, seldschukische und osmanische Architekturstile. Auf 7600 m² und zwei Etagen zählte der Palast ursprünglich 366 Zimmer. Die Anlage verfügte unter anderem über eine Moschee, ein Hamam, eine Haremsabteilung, eine Bibliothek, einen Kerker und ein Grabmal, in dem auch die Erbauer bestattet wurden, sowie eine Zentralheizung, fließendes Wasser und ein Abwassersystem. Die alten vergoldeten Tore wurden unter russischer Herrschaft Anfang des 20. Jahrhunderts entfernt und befinden sich heute in der Eremitage in Sankt Petersburg.

1695
Der Dichter und Schriftsteller Ehmedê Xanê (1651-1707) verfasste im Jahr 1695 das wichtigste kurdische Epos: „Mem û Zîn“. Dieses behandelt anhand einer Liebesgeschichte die Verhältnisse der feudalen kurdischen Gesellschaftsordnung im 17. Jh. sehr genau. Er setzt sich darin für das Selbstbestimmungsrecht der Kurden ein. Diesem kurdischen Selbstbewusstsein widmete er 2650 Verse. Sein Einsatz für die KurdInnen war für die damalige Zeit im Nahen Osten eher ungewöhnlich, da sich die Menschen der Region über ihre Religion definierten. Dieses hat für die Weltliteratur auch eine große Bedeutung. Ehmede Xanî stammte aus Hakkari. Später zog er nach Bazid, wo er als Lehrer arbeitete. Weiterhin schrieb er 1683 eine Kinderfibel mit dem Titel „Nû-Bahar“ mit arabischen und kurdischen Vokabeln. In seinen Werken behandelte er folgende Themen: Die Beziehungen zwischen Mann und Frau, Liebe und Erotik, Die Dichtung als Sprache der Liebe, Grundlagen des Islam, Bildung und Erziehung der Kinder.

1722
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts kam es im Safawidenreich unter Sultan Hussain (1694 – 1722) zu einem starken wirtschaftlichen Niedergang. Da gleichzeitig die Sunniten im Reich zwangsweise zum schiitischen Islam bekehrt werden sollten, begann 1719 ein Aufstand der sunnitischen Afschariden. Diese eroberten 1722 Isfahan und beendeten 1736 endgültig die Dynastie der Safawiden.

1779
Im Iran herrschte die Qadscharen-Dynastie ab 1779 über zwei Jahrhunderte (bis Anfang des 20. Jh.s). Die Qadscharen waren eine turkmenische Herrschaftsfamilie. Der Staat wurde Persien genannt.

1798
Bonapartes schließlich gescheiterte Invasion in Ägypten markierte den Beginn einer Epoche der Zuwendung in den Mittleren Osten, was durch massiven europäischen Einfluss und Druck auf politischer, ökonomischer und ideologischer Ebene geprägt war. Die politischen Eliten im Mittleren Osten suchten ihre Macht durch den Import europäischen Know Hows primär auf militärischer und administrativer Ebene zu wahren. Auf diplomatischer Ebene versuchten sie, die konkurrierenden Großmächte gegeneinander auszuspielen.

1817-1897
Der revolutionäre Volksdichter Xanî Khoyî ruft in seinen Werken die KurdInnen zur Rebellion gegen die Fremdherrscher und auch gegen die geistliche und weltliche Obrigkeit der kurdischen Feudalherren auf. Er droht mit der „Macht des Volkes“.