Geschichte Kurdistans

19. Jh. – Aufstände und erstes Stadium der Kurdischen Nationalbewegung

Als das Osmanische Reich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgrund der aufstrebenden industriellen Entwicklung Europas technisch und wirtschaftlich weiter zurückfiel und somit in seinen Fundamenten erschüttert wurde, geriet es langsam aber sicher unter den Einfluss der imperialistischen Staaten wie Deutschland und Großbritannien. Das im Westen allmählich zerfallende Osmanische Reich – im Balkan fanden nationale Freiheitskämpfe gegen die Osmanen statt – legte daraufhin seinen Schwerpunkt der Ausbeute auf die östlichen Gebiete, darunter auch Kurdistan. So begannen die Osmanen mit der Zentralisierung ihres Staates die Autorität der kurdischen Fürsten einzuschränken, deutlich mehr Steuern zu erheben und die wirtschaftliche Ausbeutung zu steigern und mehr Kurden als Soldaten für ihre Armee zu rekrutieren. Damit wurde die autonome Struktur der Fürstentümer ausgehobelt und ein Status aufgehoben, der seit 1514 existierte. Erhöhte Steuern bedeuteten für die Bauern und Armen mehr Abgabe an ihre Feudalherren, weshalb es auch zu einer Unzufriedenheit bei ihnen führte.
Aufgrund des sich verstärkenden Drucks, Ausbeute und Unterdrückung durch das Osmanische Reich kam es unter der Führung kurdischer Fürsten zu zahlreichen Aufständen, die von etwa 1830 bis 1880 vorkamen. Doch die kurdischen Aufstände im 19. Jh. begannen nicht mit dem Ziel eines modernen unabhängigen Nationalstaates (wie im Balkan), vielmehr mit der Befürchtung kurdischer Feudalherren, ihre Privilegien abtreten zu müssen. Doch können die kurdischen Aufstände auch als das erste Stadium der kurdischen Nationalbewegung bezeichnet werden, denn sie führten zur Entwicklung des ersten kurdischen Nationalgedankens.
Die Aufstände kamen auch dem britischen Imperialismus recht, weshalb dieser indirekt die Kurden, aber auch die Araber und Assyrer, dazu immer wieder ermunterte, gegen die Osmanen zu rebellieren. So ist der britische Imperialismus in diesem Kontext zu berücksichtigen, denn er war auch ein begünstigender Faktor für die Aufstände. Die Staatsschwäche und Aufstände führten wiederum dazu, dass die osmanischen und persischen Staaten sich den Briten annäherten. Das Interesse der Briten war es, nach Ägypten auch Mesopotamien, damit die Ölreserven unter Kontrolle zu bringen. Diese Politik des britischen Imperialismus kann insgesamt als eine klassische Teile-Herrsche-Politik bezeichnet werden.

1806
Der erste nennenswerte Aufstand des 19. Jh.s war der Baban Aufstand 1806 unter der Führung von Abdurrahman Pascha. Das Fürstentum mit der Hauptstadt Silemani (Süleymaniye) war das in vieler Hinsicht entwickelste von allen in Süd-Kurdistan. Große Teile Süd-Kurdistan werden auch in Richtung Iran befreit, aber eine osmanisch-kurdische (darunter rivalisierende kurdische Fürsten) Allianz bringt nach zwei Jahren die Niederlage.
1828
Russland eroberte einen Zipfel des osmanischen Transkaukasiens und bis einschließlich armenisch besiedelte Gebiete wie Kars.

1830 – 1831
Aufstand der Yeziden in Hakkari und Bitlis Serifxan Aufstand in Bitlis. Beide Aufstände werden schnell niedergeschlagen.

1830-31
H. G. O. Dwight und Eli Smith unternahmen im Auftrage des American Board of Commissioners for Foreign Missions (ABCFM) eine Forschungsreise in Kurdistan und Armenien. Ihr 1833 publizierter Bericht lieferte die Informationsgrundlage für die missionarische Durchdringung und ethnographische Erforschung jener Region.

1830-1837
Mîr Mohammed, der Herrscher von Soran ist und Ambitionen hat, König eines kurdischen Staates zu werden, befreit fast ganz Süd-Kurdistan bis Botan, dabei erobert er auch Behdinan. Botan geht jedoch nicht auf ein Bündnis ein. 1830 erklärte er seine Unabhängigkeit und ließ Münzen prägen. Es ist der erste große Aufstand des 19. Jh.s. Mir Mohammed verfügte über mehrere Waffenschmieden, in denen er auch Kanonen produzieren ließ, und mehrere 10.000 Soldaten. Am Anfang erkannte der osmanische Gouverneur in Bagdad die Unabhängigkeit an. Doch als Mîr Mohammed 1835 auch viele Teile Ost-Kurdistans befreit, begannen die Osmanen gegen ihn vorzugehen. Doch Persien ging auf ein Angebot der Osmanen gegen Mîr Mohammed nicht ein. 1836 scheitern wieder osmanische Armeen gegen Mîr Mohammed. Doch schnell zogen sich mehr osmanische Soldaten zusammen, die gewisse Gebiete zurückerobern. Durch Bestechungen am kurdischen Klerus und einem erlassenen Fetwa, ein religiöses Dekret, muss widerstrebig Mir Mohammed nach Istanbul zu Verhandlungen reisen. Inzwischen wurden die befreiten Gebiete Kurdistans von den Osmanen zurückerobert. Auf der Rückreise wurde Mîr Mohammed bei Trabzon von „Unbekannten“ ermordet. Mit ihm endete das Fürstentum und Soran wurde der Provinz von Bagdad zugeschlagen.
Der deutsch-preußische Offizier und osmanischer Militärberater Moltke, der als militärischer Berater bei den Osmanen zu dieser Zeit tätig ist, schrieb in seinen Memoiren, dass er kein vergleichbares Gemetzel ähnlichen Ausmaßes gesehen hat, wie das der Osmanen gegen die Kurden. Er wurde Zeuge der brutalen „Pazifikation“ Kurdistans und der gewaltsamen Rekrutierungen durch die Osmanen

1830-1847
Baban Aufstand unter Ahmad Pascha Baban in Süd-Kurdistan. Dieser endete, als 1847 der osmanische Gouverneur von Mossul den Babanherrscher bei Koya besiegte.

1831-33
Muhammed Ali, König von Ägypten, eroberte das osmanische Syrien und bedrohte für eine kurze Zeit Anatolien. 1833 wurde er wieder nach Ägypten zurückgedrängt.

1837
Aufstand von Sinaar. Nach der Niederschlagung wurden erste Deportationen und Umsiedlungen von Kuren großen Ausmaßes vorgenommen.

1838
Öffnung des osmanischen Marktes für britische Waren, dasselbe 1841 in Persien.

1839
Gurzum Aufstand in Amed.

1839-1876
Die Tanzimat schlossen an die vorhergehenden Erneurungsmassnahmen unter dem osmanischen Sultan Mahmud II. an, umfassten aber auch liberale Postulate wie die Religionsfreiheit und die prinzipielle Gleichberechtigung der Untertanen. In den neu eingerichteten osmanischen „Ostprovinzen“ kam es ausserhalb der Provinzzentren, wo weder die neue Verwaltung noch die liberalen Grundsätze verwirklicht wurden, zu chaotischen Verhältnissen und namentlich zu Doppelbesteuerung (sowohl zentralstaatliche Steuern als auch bisherige Abgaben der armenischen und kurdischen Kleinbauern an Lokalherren). Immerhin erlaubten die freiheitlichen Rahmenbedingungen ein Aufblühen des Millet-Schulwesens. Die orientalischen, insbesondere armenischen Christen werden von den Missionaren gefördert. Das ABCFM und die Kapuziner beginnen in den 1840er Jahren Stationen in den Ostprovinzen zu gründen.

1843 – 1846
Bedirxan, Herrscher von Botan, befreite 1843 große Teile Kurdistans und vereinigt die meisten kurdischen Fürsten unter seiner Führung. Er zog zuvor jedoch die Lehre, dass die Rivalitäten unter den Stämmen aufhören müssen und eine militärische Organisierung notwendig ist. Im befreiten Kurdistan durften nichtmuslimische Religionen sich frei entfalten und andere Völker werden den KurdInnen gleichgesetzt. Ein kurdischer Staat sollte aufgebaut werden.
Die Osmanen schafften es jedoch, alte Rivalitäten zwischen den kurdischen Fürsten aufleben und die Christen (diese sollten mit Steuerzahlungen den Aufstand mitfinanzieren) gegen Bedirxan auflehnen zu lassen. Yezdan Sher, Neffe von Bedirxan und Kommandeur von der Hälfte der kurdischen Truppen, wird von den Osmanen gekauft. Begünstigt durch Hunger, Kälte und Tod kapitulierte Bedirxan 1846 und starb 1868 in der Verbannung.
Nach der Niederschlagung des Bedirxan Aufstandes annektiert das Osmanische Reich die letzten noch unabhängigen kurdischen Fürstentümer und ersetzen sie durch so genannte Walis (türk.: Gouverneure).

1843
Ein Aufstand in Hakkari wurde im gleichen Jahr noch niedergeschlagen.

1853 – 1856
Russisch-Osmanischer Krieg wurde auch in Nord-Kurdistan mit großen Zerstörungen, Massakern beider Mächte an der Zivilbevölkerung und Hungersnöten geführt.

1855 – 1858
Nach dem die Söhne Bedirxans Botan und Behdinan wieder aufbauten, kam es zum Zweiten Aufstand von Botan, der nicht so stark wie der vorherige war und auch scheiterte.

1855
Yezdan Sher nutzte nach seiner Entmachtung vom Gouverneursposten in Hakkari durch die Osmanen den osmanisch-russischen Krieg aus und begann mit der Eroberung Kurdistans. Im Frühjahr 1855 ist Wan, Amed, Siirt, Bitlis und Mossul unter seinem Einfluss. Die Briten schaffen es, Yezdan Sher zu Verhandlungen zu überzeugen, wo er verhaftet wird. Daraufhin verläuft der Aufstand im Sand.

Ab 1860
Nach der gezielten Öffnung des Iran durch die Qadscharen für westliche Staaten entstand durch die Unfähigkeit der Qadscharen-Regenten eine wirtschaftliche und politische Abhängigkeit. Es wurden viele Konzessionen an westliche Unternehmen gemacht, welche die technische Modernisierung des Landes durchführten.

1876
Abdulhamid II. wurde Sultan des Osmanischen Reiches. Eine neue Balkankrise entstand: antiosmanische Aufstände und Krieg mit Serbien; die Pforte setzte sich militärisch durch. Der Sultan erließ am 23. 12. 1876 eine Verfassung, die Parlamentswahlen vorsah.

1877
Bedirxan Osman und Hüseyin Pasalar Aufstand in Mêrdîn/Cezîre.

1877/78
Die Kriegsverluste auf dem Balkan und die muslimischen Flüchtlingsströme traumatisierten den jungen Sultan. Der russisch-türkische Krieg führte in weiten Teilen des kurdisch-armenischen Siedlungsgebietes zu einem Interregnum. Die Neuordnung jener Region wurde unter der Bezeichnung „armenische Frage“ ein Thema der Berliner Konferenz (1878). Diese verpflichtete die Türkei zu Verwaltungsreformen und zu inneren Schutzmassnahmen gegen „kurdische und tscherkessische Gewaltakte“. Sowohl Abdulhamid als auch viele durch die Tanzimat verunsicherten KurdInnen fürchteten um ihre Machtposition bzw. Stellung. Sie interpretierten die internationalen Reformforderungen als Einmischung, die zu einer armenischen Autonomie führen sollte. Sie widersetzten sich einem Reformprozess, der die Nichtmuslime stärkt.

1880 – 1882
Der Ubeydullah Aufstand (auch genannt: Nehriaufstand) in Hakkari war der letzte große Aufstand. Ubeydullah, Sohn des letzten geistlichen Führers sunnitischer Kurden, führte den Aufstand im persischen und osmanischen Teil durch. Zu dieser Zeit fand auch der osmanisch-russische Krieg 1877-78 statt, der zu großen Verwüstungen führte. Zunächst unterstützten indirekt die Osmanen die Kurden im Iran über die Briten mit Waffen. Als die Kurden Ost-Kurdistan befreiten, wandelt sich das Blatt. Auf den Hilferuf der Perser hörend griff die osmanische Armee Ubeydullah an. Jetzt führte er Krieg an zwei Fronten. Er wurde von englischen Unterhändlern dazu überredet, nach Istanbul zu Verhandlungen zu fahren. Dort entfloh er der Diplomatie, womit der Aufstand beendet wurde. Ubeydullah starb kurze Zeit später im Exil.
Ubeydullah konnte fast alle KurdInnen (220 Stammesführer und Scheichs) auf seine Seite bringen und ein nationales Gefühl schaffen. Auch christliche Völker, besonders Nestorianer und Armenier, standen auf seiner Seite. U.a. durch ihn wurden junge aristokratische Kurden dazu bewegt, in Europa zu studieren und dort freiheitliche Ideen aufzugreifen.

1880er Jahre
Aus Enttäuschung über das Ausbleiben wirksamer Reformen entsteht eine armenisch-revolutionäre Bewegung: 1887 wird die Huntschak-, 1890 die Daschnak-Partei gegründet. Die Propaganda und die Aktivitäten dieser Parteien richten sich gegen den osmanischen Staat, aber auch gegen die kurdische Lokalherren und die angepasste armenische Bourgeoisie.

1889
Bedirxan Emin Ali Aufstand in Erzingan.

Ende des 19. Jh.
Das Versagen der vielen kurdischen Aufstände im 19. Jh. kann u.a. mit der feudalen Struktur der Stämme und ihrer Führer, die eine politische Einheit verhinderte, begründet werden. Individuelle, lokale Interessen überwiegten bei den Fürsten. Auch die politische Naivität war ein Faktor. Das Nationalgefühl unter den Kurden war wegen den feudalen Strukturen sehr begrenzt entwickelt.
Nach den Aufständen folgte unter Sultan Abdulhamit II. eine Epoche der Integration kurdischer Stammesführer und ihrer Kinder ins zentrale Machtgefüge des Reiches. Viele Kinder der früheren Fürsten (jetzt nur noch Stammesführer) wurden nach Istanbul zur (Aus-)Bildung an die Hochschulen geschickt. Durch diese Anbindung der Stammeseliten und herrschender Klassen wurde die erste Phase der „noch indirekten“ Assimilation der KurdInnen eingeleitet.

Gleichzeitig lies der Sultan aus den „rückständigen“ sunnitischen kurdischen Stämmen – in dieser Phase wurden die alewitisch-sunnitischen Gegensätze bewusst geschürt – 36 Truppeneinheiten rekrutieren: die Hamidiye-Kavallerie entstand ab 1891. Daran beteiligten sich vor allem diejenigen Stämme, die sich bei den Aufständen neutral verhalten hatten. Daneben waren in dieser Reiterei eine geringere Zahl von Turkmenen und Araber. Die Hamidiye Kavallerien unterstanden den jeweiligen osmanischen Kommandanten.
Diese Kavallerie dient der Sicherung der Vormachtstellung in Kurdistan. Die feudalen kurdischen Stämme erhielten mit dieser militärischen Struktur eine stärkere Position und wurden dadurch loyal gegenüber dem Sultan. Die Aufbegehren von kurdischen Bauern wurden oft mit dieser Hamidiye-Kavallerie niedergeschlagen. Aber besonders hart und brutal wurden sie gegen die nichtmoslemischen Völker in und um Kurdistan eingesetzt. So spielte die Hamidiye Kavallerie eine wichtige Rolle beim Genozid an den Armenier im Jahre 1915.

1894
Massive militärische Unterdrückung eines von wenigen Huntschak-Revolutionären angeführten Bauernaufstandes in Sasun. Als Folge der brutalen Repression wurde die Reformfrage in der internationalen Diplomatie reaktiviert.

Um 1895
Etwa 100.000 Armenier werden bei Massakern vor allem in Kappadokien durch osmanische Truppen systematisch umgebracht. Dies ist das erste offene gewalttätige Vorgehen durch den osmanischen Staat gegen die Armenier.